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1. Bundesliga: Bundesliga-Vorschau - Werder Bremen

Werder Bremen galt in den vergangenen Jahren stets als Kandidat für einen Platz in der Champions Lague. Hanseatische Gelassenheit und schneller Offensivfußball prägten das Spiel der Norddeutschen, die in der abgelaufenen Saison jedoch lange gegen den Abstieg spielten. Im 15. Teil unserer Serie blicken wir in die grün-weiße Zukunft.

Jahrelang galt Werder Bremen als die zweite treibende Kraft hinter Bayern München. Mit hanseatischer Gelassenheit, kaufmännischem Geschick und offensivem Spaßfußball schickte man sich an, nach der Meistersaison 2003/04 ein dauerhafter Kandidat für die Champions League zu sein. Doch in der vergangenen Saison kam der Absturz auf Platz 13. Im 15. Teil unserer Serie klären wir die Frage, wie es mit Bremen weitergeht.

Sicherlich war es nicht unbedingt die fehlende Klasse im Kader, die letztendlich zum langfristigen Besuch in den unteren Gefilden führte. Wie in jedem Jahr blieb den Bremern auch das Verletzungspech treu und so war es insbesondere die Defensive um den verletzten Naldo, die zum Sorgenkind wurde. Dazu schlugen die Neuankömmlinge an der Weser nicht ein, das Umschalten funktionierte nicht - fertig war die Seuchensaison in Kurzdarstellung.

Gute Sommer-Zeiten
Das Aus im DFB-Pokal steht natürlich noch in Großbuchstaben überall dort zu lesen, wo die Druckmaschinen schon erfunden sind - wobei wir das Internet als instinktiver Verfechter nicht verschweigen wollen. Dennoch gab es zuvor auch gute Zeiten an der Weser, denn die größten Problemstellen im Kader sind erst einmal ausgemerzt worden.

Die Suche nach einem Linksverteidiger ist dabei schon fast als legendär anzusehen. Zuletzt hatte Mikael Silvestre die zweifelhafte Ehre, den Versuch einer probaten Lösung zu übernehmen - und scheiterte. Nun hat Manager Klaus Allofs sich die Dienste von Lukas Schmitz gesichert und auf dem 22-Jährigen ruhen gewaltige Hoffnungen, die aberwitzige Suche nun endlich für beendet erklären zu können. Teil II des Hoffnungsprinzips ist die Verpflichtung von Mehmet Ekici, der als Spielmacher fungieren und das Erbe der Reihe Micoud-Diego-Özil antreten soll.

Zudem wurden mit Sokratis Papastathopoulos und Andreas Wolf zwei händeringend benötigte Innenverteidiger verpflichtet. Denn in der zentralen Position war ansonsten nur der Gehilfe von Küchenchef Schmalhans zu finden. Da ist es weiter positiv zu erwähnen, dass Per Mertesacker, Naldo und Sebastian Prödl vor einem Comeback zu stehen scheinen. "Wir schauen, dass die Dosierung stimmt", erklärte Coach Thomas Schaaf der Syker Kreiszeitung. Den Neuzugängen steht dabei nur Torsten Frings als Abgang gegenüber und der Abschiedsschmerz hielt sich in Grenzen.

Schlechte Sommer-Zeiten
Natürlich kommt man um das Aus im Pokal nicht herum, gerade weil das Geld im Bremen nicht in der Weser fließt und der Lizenzspieler-Etat schon jetzt von 46 auf 41 Millionen Euro gesenkt werden musste. Nun gibt es nicht einmal mehr zwei Hochzeiten, auf denen getanzt und Geld eingenommen werden darf. Und noch eine Saison ohne internationalen Wettbewerb ist für die Bremer kaum zu stemmen. Trainer und Manager hätten zudem gerne weitere liquide Mittel, um den Kader notfalls verstärken zu können. Doch schon vor der Pokalblamage hörte man erschreckend laute und vor allem öffentliche Töne aus dem ansonsten so leise flüsternden Bremen.

"Wir haben hart, aber konstruktiv diskutiert. Da die Einnahmen aus der Champions League fehlen, ist die finanzielle Ausstattung gegenüber der Vorsaison, wo wir durch diese Einnahmen und den Özil-Transfer Gewinn erwirtschaftet haben, deutlich verringert", so Aufsichtsratschef Willi Lemke auf welt.de. Weiter sagte er, der Verein werde "auch weiterhin nur das Geld ausgegeben, das eingenommen wird". Schatulle zu - Träume von Verstärkungen vorbei. Im Doppelpass darauf angesprochen, meinte Allofs: "Die heile Werder-Welt existiert nicht. Wir müssen uns auch reiben und haben unterschiedliche Auffassungen, aber es gibt keinen Streit."

Weiter darf das Wie der Blamage gegen Heidenheim nicht verschwiegen werden. Denn Bremen bot eine schwache Leistung. Sicherlich hätte ein verwandelter Elfmeter von Marin das Spiel beim Stand von 1:0 wohl entschieden, aber im Vergleich zum Vorjahr offenbarten sich die selben Schwachstellen. Gerade das Umschalten zwischen Abwehr und Angriff - und umgekehrt - funktionierte nicht. Die Offensive wirkte behäbig, die Defensive später schwerfällig und anfällig bei schnellen Gegenstößen. "Wenn wir so weiter spielen, wird es keine bessere Saison als die vergangene", räumte Kapitän Clemens Fritz geknickt ein.

Da passt es irgendwie ins Bild, dass Claudio Pizarro, Sebastian Prödl, Per Mertesacker, Naldo, Mikael Silvestre, Sebastian Boenisch, Leon Balogun und Denni Avdic noch verletzt sind und Teile der Vorbereitung verpassten. Die Mannschaft ist nicht eingespielt und musste sich nach der Niederlage im Pokal gar von der Polizei durch eine Sitzblockade einiger Fans eskortieren lassen. So etwas gibt es in Bremen auch nicht alle Tage.

Wer darf sich nicht verletzen?
Was in den meisten Fällen und vergangenen Bundesliga-Checks recht simpel beantwortetet werden konnte, hört sich hier eher nach einer sarkastischen Fragestellung an. Thomas Schaaf würde hier sicherlich eine hanseatisch kühle und in Sarkasmus getunkte Antwort parat haben. Denn bei Werder sollte sich eigentlich überhaupt kein Spieler mehr verletzen - man mag den Kader als Jenga-Turm sehen, der von lediglich einem Stein ganz unten im Gleichgewicht gehalten werden muss.

Nun gut, so düster sieht es vielleicht nicht aus, aber wenn Claudio Pizarro oder einer der Innenverteidiger sich eine Verletzung zuziehen würden, die Katastrophe wäre perfekt - ohne Sandro Wagner, Marko Arnautovic oder Markus Rosenberg hier die Klasse absprechen zu wollen.

Frage an den Fachmann
Ist die Bundesliga mittlerweile so stark, dass ein Verein wie Werder Bremen langsam im Mittelmaß versinkt? Reichen schon die kleinsten Fehler, um den Anschluss zu verpassen? Wer, wenn nicht Arnd Zeigler könnte uns die Frage beantworten, ob in Bremen die Zukunft im Mittelmaß liegt:

"Vorweg: Werders Spielweise in Heidenheim hat mich auch erschreckt. Aber: Die aktuelle Lage hat Gründe, die eigentlich sehr übersichtlich zu analysieren sind. In der letzten Saison wäre Özils Verlust möglicherweise zu kompensieren gewesen, wenn der Rest der Mannschaft in Bestbesetzung hätte spielen können. Wenn man aber nicht nur Özil, sondern mit Pizarro und Naldo (und immer mal Mertesacker) die besten Spieler auf ihren Positionen ersetzen muss, dann hat man eben einen drastischen Qualitätsverlust.

Die Rechnung ist deshalb dieses Jahr recht einfach: Wenn Spieler wie Ekici und Schmitz das zeigen, was man ihnen zutraut, und wenn Spieler wie Wiese, Mertesacker, Naldo, Marin, Fritz, Bargfrede, Borowski, Pizarro und z.B. auch Arnautovic das spielen, wozu sie in der Lage sind, hat Werder immer noch einen Kader, mit dem man unter die Top 5 gehört. Ohne wenn und aber. Das muss die Hoffnung der Fans und das Streben der Verantwortlichen sein. Es gibt genügend Gründe, jetzt wachsam und vorsichtig mit der Situation umzugehen, aber wirklich keine Gründe, jetzt so zu tun, als sei Werder Bremen 2012 eine Truppe voller charakterschwacher Nichtskönner."

Also muss man sich auch keine Sorgen um einen Abgang von Thomas Schaaf machen?

"Es ist immer schwierig, Nicht-Bremern zu erklären, dass hier bei uns alles anders funktioniert, als es Fans oder Medien an anderen Bundesligastandorten gewohnt sind. Thomas Schaaf steht für eine Kontinuität, die für sich einen großen Wert darstellt, um den viele Menschen Werder Bremen immer mal wieder beneiden. Kontinuität bedeutet, dass man nach Möglichkeit gute Zeiten ebenso unaufgeregt hinter sich bringt, wie schlechte. Kontinuität nur in guten Zeiten gibt es nicht. Man kann nicht wegen einer schwierigen Phase eine seit 1999 anhaltende Erfolgsgeschichte amputieren und dann sagen: So, und hinterher machen wir dann weiter mit der Kontinuität! Werder steckt nicht in einer seit Jahren anhaltenden Abwärtsspirale, sondern hatte eine schlechte Saison gespielt und aktuell Probleme in der Vorbereitung. Alles ist ziemlich einfach erklärbar.

Durch den Verlust von Özil, dann aber auch verletzungsbedingt und langanhaltend die Verluste von Naldo, Mertesacker, Pizarro, Wesley und Borowski, steckte Werder zuletzt in einer Situation, die vergleichbar wäre mit Bayern München ohne Ribery, Robben, Gomez, Müller und Schweinsteiger. Auch Bayern würde das nicht wegstecken, nur: Würde dann ein Trainerwechsel helfen? Nein, ebensowenig wie in Bremen. In Bremen, wo manche auch verinnerlichen sollten, dass das Abonnement in der Champions League keine Selbstverständlichkeit war, sondern eine Weltklasse-Leistung aller Beteiligten. Und dass eine schlechte Saison keine Tragödie ist, sondern für einen Verein mit den Möglichkeiten Werder Bremens völlig normal. Im Augenblick schreien alle: Werder hat kein gutes Händchen mehr mit Neuverpflichtungen! Das kann man aber nur deshalb so monieren, weil Werder über Jahre schlauer und effektiver eingekauft hat als nahezu alle anderen deutschen Profivereine."

Fazit
Mit Ekici wurde genau der Spieler verpflichtet, mit dem die Bremer wieder zur Raute gefunden haben - das System, unter dem in der Vergangenheit die besten Leistungen abgeliefert wurden. Die Innenverteidigung sowie die linke Seite wurden gestärkt. Dies alles spricht dafür, dass die Norddeutschen mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden. Zudem ist die Verletztenliste schon dünner geworden.

Heißt: Natürlich gibt es immer den Worst-Case. Doch wenn Ekici die Verstärkung ist, von der nicht nur wir ausgehen und es nicht immer wieder Besuche von Freund Hiob gibt, dann ist in Bremen eine relativ ruhige Saison zu erwarten. Das Aus im Pokal ist dabei sicherlich schmerzhaft, doch gleichzeitig auch eine letzte Warnung, die anstehenden Aufgaben nicht zu unterschätzen. Gewisse Schwankungen einkalkuliert sehen wir Werder Bremen abschließend auf Platz sieben.

Gunnar Beuth

sportal.de / sportal

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