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Aus für England: Helden und Versager

Eusebio heulte vor Glück, Figo dankte Gott und in Lissabon blieb, nach dem denkwürdigen Triumph im Estàdio da Luz, die ganze Nacht die Stadt hell erleuchtet.

Torhüter Ricardo, als entscheidender Schütze beim 6:5 im Elfmeter-Drama als Nationalheld gefeiert, stürzte "Möchtegern-Europameister" England in ein Tal der Tränen und eröffnet Portugal die historische Chance, als erster EM-Gastgeber nach Frankreich 1984 den Titel zu holen. "Heute dürfen wir ein bisschen träumen", sagte Trainer Luis Felipe Scolari. Für Portugals Fußball-Legende Eusebio steht nach einem der dramatischsten Spiele in der EM-Geschichte fest: "Portugal wird Europameister!"

Torwart Ricardo hatte sich seiner Handschuhe entledigt und zunächst den Elfmeter von Darius Vassell abgewehrt, dann kam er dem schon bereit stehenden Nuno Valente zuvor und trat selbst zum finalen Schuss an, den er eiskalt verwandelte. Eusebio fiel auf die Knie und küsste den Rasen, Scolari sprintete wie besessen auf den Platz und stürzte sich mit hoch gerissenen Armen auf die Spieler. Auf den Rängen stimmten sich die Fans mit unbeschreiblichem Jubel auf eine lange Nacht rund um das "Stadion des Lichts" ein, in der Zehntausende Lissabon in eine Party-Zone verwandelten.

"Mutig und unsterblich"

Klasse, Tempo, Hochspannung und Nervenkitzel, Helden und Versager - magische und tragische Momente schenkten der EM ihren ersten Höhepunkt. "Ein fantastisches Spiel, ein wunderbarer Abend", schwärmte der überglückliche Scolari. Der Brasilianer, 2002 mit der "Seleção" Weltmeister, kann als erster ausländischer Trainer die EM gewinnen und der erste Trainer werden, der mit zwei verschiedenen Teams Welt- und Europameister würde. "Ein großer Mann", gratulierte Ricardo, an dessen Schussqualitäten Scolari nie Zweifel hatte: "Er hat noch nie verschossen." Das "Jornal de Noticias" huldigte den 28-jährigen Keeper von Sporting Lissabon als "mutig und unsterblich", die Sportzeitung "Record" titelte: "Ricardo, Hände aus Gold"

Zu den Versagern und tragischen Helden gehörte an diesem Abend auch Luis Figo, der von Scolari, trotz insgesamt guter Leistung, in der 75. Minute vom Platz genommen wurde und durch den "Joker" Hélder Portiga ersetzt wurde. Ausgerechnet der konnte dann in der 83. Minute für Portugal ausgleichen. Der "unantastbare" Figo verließ den Platz mit einem "Atom-Hals", wie ZDF-Kommentator Johannes B. Kerner meinte. Ohne seinen Trainer eines Blickes zu würdigen, verließ er den Platz und verfolgte den weiteren Spielverlauf in den Katakomben des Estàdio da Luz. Der ebenfalls eingewechselte Rui Costa konnte, bereits in der Nachspielzeit, für die Portugiesen den Führungstreffer erzielen, den Frank Lampard nur fünf Minuten später egalisierte und England vor dem vorzeitigen K.o. bewarte.

Wie auf einer Banane ausgerutscht

Dann schritt der Kapitän der Engländer, David Beckham, zum Elfmeterpunkt, setzte an und drosch, als sei er auf einer Bananenschale ausgerutscht, den Ball weit über das Tor. Bereits im ersten Gruppenspiel hatte er verschossen und nun weckte der Superstar böse Erinnerungen. Bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien zogen die englischen Löwen im Halbfinale in Turin gegen Deutschland den Kürzeren - Stuart Pearce und Chris Waddle scheiterten beim 3:4. Zwei Jahre später beim EM-Halbfinale streiten England und Deutschland im Londoner Wembleystadion erneut im Elfmeterschießen ums Weiterkommen. Gareth Southgate versagen die Nerven, England verliert mit 5:6, und der "Versager" muss sich wegen der Anfeindungen der Yellow Press in psychologische Behandlung begeben. Bei der WM 1998 in Frankreich ist im Achtelfinale Endstation - 3:4 gegen Argentinien.

"Können und Lotterie"

Gegen Portugal war der eigentliche Unglücksrabe Darius Vassel, der als siebter Schütze seines Teams an Portugals Schlussmann Ricardo scheiterte. "Ihm ist nichts vorzuwerfen. Es kostet verdammt viel Nerven, da hin zu gehen", meinte Lampard. "Elfmeterschießen ist Können, aber auch Lotterie", sagte Teammanager Sven-Göran Eriksson.

Der Schwede hatte das Unheil kommen sehen. Am Tag vor dem Spiel hatte er sich noch über den schlechten Zustand des Elfmeterpunkts beschwert. Die von der UEFA zugesagte Ausbesserung fand nicht statt, die Spieler griffen zur Selbsthilfe und traten vor jedem Schuss den rutschigen Elfmeterpunkt platt. "Der Punkt war total weich und sandig", berichtete Owen Hargreaves.

Verantwortung übernommen

Der Bundesliga-Spieler des FC Bayern München machte seine Sache besser als Beckham, dessen Fehlschuss Franz Beckenbauer ein Rätsel aufgab. "Ein Mann, der aus 30 Metern eine Fliege von der Torlatte schießt, trifft aus elf Metern nicht", kommentierte der "Kaiser" im ZDF. Er hielt dem englischen Kapitän allerdings zu Gute, "dass er Verantwortung übernommen hat und als Erster angetreten ist."

Tragisch auch das vorzeitige Ausscheiden der englischen Stürmerhoffnung Wayne Rooney, der in der 27. Minute vom Platz humpelte und mit einem Mittelfußbruch wohl Wochen, wenn nicht Monate ausfallen wird.

In der Nacht zogen die portugiesischen Fans jubelnd über die Prachtallee "Avendida da Liberdade", schwenkten Fahnen und sangen "Portugal olé". Der Freudentaumel nach dem gewonnenen Elfmeterdrama bei der Fußball-EM gegen England wollte kein Ende nehmen. Die Autofahrer stimmten endlose Hupkonzerte an, Fußgänger schlugen mit Topfdeckeln, Rasseln und allem, was Lärm macht.

In Luft aufgelöst

Die englischen Fans schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Im Estàdio da Luz waren sie unter den 65.000 Zuschauern noch in der Mehrzahl gewesen. Aber als Torwart Ricardo den entscheidenden Elfmeter für Portugal verwandelte, zogen sie mit hängenden Köpfen aus der Arena. Manche hatten Tränen in den Augen, andere ertränkten ihre Trauer im Bier. Keiner von ihnen verspürte Lust auf Randale.

So verlief alles - trotz der Dramatik und der aufgeheizten Atmosphäre - friedlich. Nur am Rossio-Platz im Herzen Lissabons, den die englischen Fans seit Beginn der EM zu ihrem Treffpunkt auserkoren hatten, kam es zu Spannungen. Als eine Gruppe von Portugiesen eine englische Fahne vom Brunnen abnehmen und ihre eigene hissen wollte, drohte Ärger. Die Polizei bildete einen Sicherheitskordon. Aber wenig später löste sich der Streit in Wohlgefallen auf, und die Engländer verdrückten sich.

Ferienküste zurück erobert

Der Rossio-Platz war erstmals seit zwei Wochen wieder in portugiesischer Hand. Auch die Ferienküste der Algarve in Südportugal erlebte eine "Rückeroberung" durch die Portugiesen. In Badeorten wie Albufeira oder Portimão, wo bislang die englischen Fans das Bild bestimmt hatten, zogen in der Nacht Tausende von jubelnden Portugiesen durch die Straßen.

Ganz Portugal scheint Kopf zu stehen. Die Erfolge bei der Fußball- EM lösten unter den - zur Tristesse neigenden - Portugiesen eine regelrechte Euphorie aus. "Wir haben nicht nur England besiegt, sondern auch unseren jahrhundertealten Fatalismus", meinte das Sportblatt "A Bola" und selbst Luis Figo, der nach seiner Auswechslung nicht mehr in das Spiel eingreifen konnte, schien durch den Erfolg seiner Mannschaft besänftigt, denn er konnte dann doch noch mit seinen Teamkollegen feiern.

Torsten Beeck

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