HOME

Außerordentliche Mitgliederversammlung: Wut, Frust und Ärger beim HSV

Rund 2000 Fans kamen zur außerordentlichen Mitgliederversammlung des Hamburger SV. Mit viel Wut, Frust und Ärger wurden Vorstand und Aufsichtsrat für die Ausbootung von Sportchef Dietmar Beiersdorfer attackiert. Zwischendurch forderten die Anhänger sogar lautstark den Rücktritt von Clubchef Bernd Hoffmann.

Von Stefan Brand

Auf der Suche nach Gründen für das Ausscheiden des Sportchefs Dietmar Beiersdorfer vom HSV zog es am Montag knapp 2000 Fans zur außerordentlichen Mitgliederversammlung. Um 19 Uhr sollte das Spektakel eigentlich beginnen, doch weil sich noch Hunderte an den Eingängen in Saal 1 des Hamburger-Kongresszentrums (CCH) drängten, verschob sich der Beginn um fast eine halbe Stunde. Mit viel Frust und Ärger im Bauch trat als erstes der Leiter der HSV-Supporters Ralf Bednarek ans Mikrophon: "Am 12. Juni gab es ein Krisengespräch zwischen Beiersdorfer und dem Aufsichtsratvorsitzenden Horst Becker. Warum hat es elf Tage gedauert, bis eine Entscheidung getroffen wurde?" Beiersdorfer, der in Hamburg eine Art Gallionsfigur darstellte, einfach so abserviert? Für die Fans eine unglaubwürdige Geschichte.

"Es war sein Wunsch"

Becker antwortete jedoch prompt: "Wir haben niemanden entlassen, sondern Beiersdorfer ist selber gegangen." Unter lautem Gebrüll, Zwischenrufen und Pfiffen versuchte Becker dann den chronologischen Ablauf bis zur Entlassung zu skizzieren. "Am 13. Juni hat mir Dietmar Beiersdorfer in einem zweieinhalbstündigen Gespräch über die Differenzen zwischen ihm und Bernd Hoffmann erzählt. Er hätte kein Vertrauen mehr in die Vereinsführung und fühle sich vom Vorstandsvorsitzenden Hoffmann übergangen." Am 22. Juni hätte Beiersdorfer dann erklärt: "Ja, ich denke an eine Vertragsauflösung." Laut Tageszeitungsberichten soll der ehemalige Sportchef eine Abfindung in Höhe von einer Million Euro erhalten haben.

Vor allem der Aufsichtsratvorsitzende Becker wurde in Folge dieser Äußerungen immer mehr zur Zielscheibe der Mitglieder. "Der HSV hat in der Öffentlichkeit ein ganz schlechtes Bild in Deutschland abgeliefert. Sie müssen sich echt fragen, ob Sie noch der Richtige für die Position sind", sagte Supporter Ingo Thiel sichtlich aufgebracht. Vor allem sorgte es für Unverständnis, dass nicht der gesamte Aufsichtsrat persönlich mit Hoffmann und Beiersdorfer, vor dessen Entlassung gesprochen hätte. So gab es nur ein Gespräch unter vier Mitgliedern und nicht unter allen zwölf.

"Ihre nassforsche Art passt nicht"

Neben Hoffmann und Becker stand aber auch Aufsichtsrat Jörg Debatin in der Kritik. Dieser hatte in einem Zeitungsinterview Dietmar Beiersdorfer "Starrsinnigkeit zu Unzeiten" vorgeworfen. Ein Zitat, das Debatin am vergangenen Montag wiederholte und damit das Blut in den Adern der Fans zum Kochen brachte. "Ihre nassforsche Art passt einfach nicht zum HSV", sagte der ehemalige HSV-Seniorenvorsitzende Peter Gottschalk. Die gesamte Riege der HSV-Führung inklusive Bernd Hoffmann stand also im Kreuzfeuer der Mitglieder und Fans. Letzterer gab jedoch später einige Fehler in der Zusammenarbeit zu: "Es ist nicht immer leicht, mit mir zusammenzuarbeiten. Meine direkte Art, Dinge zu hinterfragen ist nicht sonderlich beliebt. Ich werde mir jedoch von niemandem verbieten lassen, Dinge weiterhin so zu hinterfragen, wie ich es in der Vergangenheit getan habe."

Mit dieser Art und Weise konnte Beiersdorfer womöglich nicht umgehen und fühlte sich hinter- und übergangen. Auch Ex-Vorstandsmitglied Christian Reichert konnte sich offenbar mit Hoffmann nicht arrangieren und entschloss sich vor einem Jahr, den Verein zu verlassen. Die Frage ist nur, welcher Sportchef bei diesen zerrütteten Verhältnissen den Posten von Dietmar Beiersdorfer einnehmen will. So gab es mehrfach "Hoffmann-raus-Rufe". "Der Co-Kapitän hat sich entschlossen, das Schiff zu verlassen. Ich als Kapitän denke nicht daran, ihm zu folgen", antwortete Hoffmann.

In kommenden Wochen soll nun ein passender Nachfolger für die Beiersdorfer gefunden werden. "Der nächste Sportchef soll ebenfalls eine starke Persönlichkeit haben und voll in den Vorstand integriert werden. Wir wollen den Besten für den HSV", sagte Hoffmann. Im engeren Kreis der Kandidaten stehen nach Berichten des Hamburger Abendblatts der Ex-HSV-Kapitän Thomas von Heesen, Ex-Bundesligaprofi Thomas Helmer sowie der Klubmanager Bernd Wehmeyer und HSV-Chefscout Michael Schröder.

Wissenscommunity