HOME

Dusel-Sieg in Hoffenheim: Die Bundesliga macht es den Bayern zu leicht

In Hoffenheim läuft alles gegen die Münchner, am Ende gewinnen sie trotzdem. Was allzu oft an Ehrfurcht und Einstellung der Konkurrenz liegt. So früh wie nie droht an der Tabellenspitze deshalb gähnende Langeweile.

Ein Kommentar von Tim Sohr

Rudelbildung: Aufgebrachte Bayern-Spieler nehmen den (verdeckten) Schiedsrichter nach dem Platzverweis für Jerome Boateng in die Mangel

Rudelbildung: Aufgebrachte Bayern-Spieler nehmen den (verdeckten) Schiedsrichter nach dem Platzverweis für Jerome Boateng in die Mangel

An diesem sonnigen Samstagnachmittag in Sinsheim hat der FC Bayern München wirklich alles versucht: das schnellste Gegentor der Bundesliga-Geschichte kassiert, dem Gegner einen Elfmeter geschenkt und gleichzeitig den eigenen Abwehrchef durch Platzverweis verloren - aber die TSG 1899 Hoffenheim hat den Rekordmeister trotzdem nicht verlieren lassen. Stattdessen durfte Robert Lewandowski in der letzten Minute das Siegtor für die Münchener schießen.

Der legendäre Bayern-Dusel? Oder doch die einzigartige Qualität einer Weltklassemannschaft, selbst ein solches Spiel, in dem alles schief läuft, noch zu drehen? Mit beiden Erklärungsansätzen machen es sich die Hoffenheimer zu leicht. Und alle anderen Vereine auch.

Das Problem liegt nicht auf dem Platz, sondern im Kopf

Denn: Natürlich haben die Bayern sich für diese Spielzeit (mal wieder) den besten Kader ihrer glorreichen Geschichte zusammengestellt. Natürlich ist es für jede Mannschaft der Welt eine Herkulesaufgabe, gegen dieses Ensemble 90 Minuten mitzuhalten. Aber: Hoffenheim hat genau das geschafft, und zudem in allen wichtigen Momenten des Spiels (mal abgesehen von der Schlussminute) das Glück auf seiner Seite gehabt – und wenn es dann trotzdem nicht reicht, liegt das Problem nicht auf dem Platz, sondern im Kopf.

Fußball ist ein Psycho-Spiel, in dem die traumatische Wendung eines Spiels auch absolute Spitzenmannschaften für Wochen aus der Bahn werfen kann; in dem der Glaube an die eigene Stärke in einem einzelnen Spiel auch den krassen Außenseiter zum Sieg über das Top-Team tragen kann. Es ist also eine Frage der Einstellung, ob Hoffenheim und alle anderen Vereine der Liga den durchaus verwundbaren Bayern auch mal den entscheidenden Schlag versetzen können. Ob man den Elfmeter beim Stand von 1:1 in der 72. Minute verwandelt (um die Führung anschließend in Überzahl zu verwalten). Ob man Costa in der 90. Minute am rechten Flügel vorbeiziehen und Lewandowski in der Mitte unbewacht lässt.

Aber leider lässt beinahe die gesamte Bundesliga die angemessene Mentalität gegen die Münchener vermissen – was zuletzt auch Dortmunds Kapitän Mats Hummels kritisch angemerkt hat. Es wirkt, als würden sich viele Teams schon vor dem Anpfiff wegducken. Und wenn sie es mal nicht tun - wie die Hoffenheimer -, fehlt es am Ende trotz des gnädigsten Spielverlaufes, den man sich überhaupt vorstellen kann, an der letzten Überzeugung an die eigene Siegchance.

Für die Bundesliga kann das fatale Folgen haben

Deshalb kann man zwar behaupten, dass diese Super-Bayern durch nichts zu schocken sind. Aber es wird ihnen eben auch nicht allzu schwer gemacht. Für die Bundesliga kann das auf Dauer fatale Folgen haben, vor allem in der internationalen Wahrnehmung: Wie viel Klasse kann eine Liga haben, deren Meister so einsam seine Kreise zieht?

Seit drei Jahren fehlt es an der Spitze nun schon an jeglicher Spannung. Und in dieser Saison? Noch nie ist es einer Mannschaft gelungen, eine komplette Saison ununterbrochen auf dem ersten Tabellenplatz zu verbringen. Die Bayern fragen sich wahrscheinlich schon, ob ihnen dieses Kunststück 2015/16 wohl gelingen könnte. Andere Sorgen müssen sie sich bei der devoten Konkurrenz offenbar kaum machen.

Wissenscommunity