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Bayern schlagen Hoffenheim: Der Testosteron-Gipfel

Netter Versuch, Jungs. Die TSG Hoffenheim spielte in der Münchner Allianz-Arena so frech, als wäre der FC Bayern auch nur ein Bundesligist unter vielen. Letztlich verlor der Aufsteiger-Spitzenreiter das furiose Fußball-Duell ziemlich unglücklich. Gescheitert an der eigenen Dreistigkeit.

Von Markus Götting, München

Am Ende hockte sogar Jürgen Klinsmann auf Knien vor der Südkurve. Der Bayern-Trainer in schwarzer Hose, eine von diesen eng geschnittenen, darüber die wattierte Bayern-Jacke, und dann ab auf den nassen Rasen zur üblichen Humba-Täterä-Nummer. Und wenn es erstmal soweit gekommen ist, dann muss schon was Besonderes vorgefallen sein. Etwas wie dieser Super-Duper-Dusel-Sieg, das 2:1 gegen Hoffenheim. In Klinsmanns Rücken bauten ein paar fleißige Männer die finale Lightshow auf, weil: letztes Heimspiel, bevor der Weihnachtsmann kommt. Und schon erklang Dean Martin aus den Lautsprechern, "Let it snow", und allen in der Allianz Arena wurde ganz warm ums Herz. Jedenfalls allen, die nicht aus dem Kraichgau angereist waren.

Es war ein denkwürdiger Abend - und das vermutliche beste Bundesliga-Spiel, das je in diesem Stadion zur Aufführung gelangt ist. In den ersten 30 Minuten kamen beide Teams im Prinzip ohne Mittelfeld aus; 30 Minuten immer nur volles Rohr nach vorn, zumindest bis an die Strafraumgrenze, und manchmal auch mittenrein, und Luca Toni vergab die erste und beste Chance der Bayern, als er am Ende eines großartigen Angriffs über Zé Roberto in der zwölften Minute nur das Außennetz traf. Schon da riss es erstmals sogar dieses notorische Opernpublikum auf der Haupttribüne aus den gut gepolsterten Business-Seats.

Dort unten war ein solches Tempo zu bestaunen, dass einem nur vom Zuschauen schier die Puste ausging. Jeder Zweikampf ein Ereignis, keine Chance, auch nur mal ein paar Sekunden den Blick durch die Arena streifen zu lassen, geschweige denn, mal eben beim Würschtl-Stand vorbei zu schauen. So intensiv war das Spektakel. Auf beiden Seiten gab es ordentlich was auf die Knochen, mindestens. Viel war ja vorher geredet worden, nun ging es ganz offensichtlich darum, wer tatsächlich die dickeren Eier hat. Es war der ultimative Testosteron-Gipfel.

Im blauen Block

Kurz nach der Halbzeit sangen 6500 Leute drüben in Hoffenheims blauem Block "Spitzenreiter, Spitzenreiter. Hey! Hey!" Und als man sich noch fragte, ob sich ein guter Münchner so was eigentlich gefallen lassen muss, schlug es auch schon hinter Michael Rensing zum 0:1 ein (53). Vedad Ibisevic verwandelte einen feinen Pass des unfassbaren Tobias Weis zu seinem 18. Saisontor. Später wurde Rechtsverteidiger Andreas Beck gefragt, wo die Hoffenheimer denn bitteschön diesen Mumm hergenommen hatten, derart respektlos gegen den ewigen Deutschen Meister aufzutreten. Beck stand also da in den Katakomben in seinen kurzen Hosen und in eine dicke Jacke eingemummelt, und sagte nur: "Wieso Mumm? Wir spielen, um zu gewinnen. Wir sind ja nicht umsonst Tabellenführer."

Das sind sie immer noch, auch wenn Philipp Lahm in der 60. Minute ausglich und Luca Toni spät, sehr spät die Hoffenheimer Niederlage besiegelte. Punktgleich mit den Bayern, aber das bessere Torverhältnis. Lahms Treffer zum 1:1 war ein sagenhafter Sololauf vorausgegangen, bei dem er drei, vier Hoffenheimer stehen ließ wie Statisten. Man hätte denken können, dass einem Aufsteiger so was reicht, ein Unentschieden in München. Aber die Partie ging weiter hin und her, geprägt von unglaublicher physischer Präsenz und geistiger Frische beider Teams.

TSG-Trainer Ralf Rangnick gönnte sich den Luxus, den begnadeten Sejad Salihovic überhaupt erst einzuwechseln, und vielleicht ist Hoffenheim letztlich daran gescheitert: an dieser unerhörten Dreistigkeit. Salihovic ging kurz vor Schluss nach einem so schönen wie manierierten Doppelpass frei auf Rensing zu - und vergab. Rangnick sagte später. "Wir hatten den Matchball, aber Salihovic hat sich entschieden, den Ball durch die Beine spielen zu wollen, statt ihn zu chippen." Fünf Minuten später traf Luca Toni in der Nachspielzeit und irgendwie auch aus dem Nichts zum 2:1. Er war offenbar selbst so umgeblasen von diesem Treffer, dass er sogar seinen speziellen Ohr-Jubel vergas. Es war ungerecht. Aber es musste sein.

Luca Toni und sein Kofferträger

Eine halbe Stunde später kam Toni, der immerhin drei sichere Chancen auf ziemlich kuriose Weise verstöpselt hatte, frisch geduscht aus der Kabine. Er trug ein dünnes Täschchen über der Schulter, und sein Dolmetscher trottete neben ihm her. Und zog Tonis Rollkoffer. Womöglich erkennt man daran auch den Unterschied zwischen Meister und Aufsteiger. Der Star von Welt beschäftigt sogar im Stadion einen Kofferträger. Toni roch nach einem sehr süßlichen Parfüm. Er strich sich ein wenig gockelhaft durchs gegelte Haar und sagte: "Ich bin so froh, dass ich dieses Tor gemacht habe. Sonst wäre ich es noch schuld gewesen, wenn wir nicht gewonnen hätten."

Ein paar Meter weiter in der Pressekonferenz saß Ralf Rangnick. Und sah ziemlich angenervt aus. Er sagte: "Wenn wir so vor zwei Monaten gegen Bayern gespielt hätten, hätten wir sie geschlagen." Rangnick machte einen ziemlich realistischen Eindruck, wie er so das saß, und dann sagte er, dass es auch überhaupt nicht sein Anspruch sei, auf Augenhöhe mit dem FC Bayern zu sein. Rangnick sagte. "Wissen Sie, vor zwei Jahren haben wir noch im Grünwalder Stadion gegen die Amateure gespielt - und völlig zu Recht 1:0 verloren." Sehr viel besser kann man dieses sogenannte blaue Wunder wohl nicht einordnen.

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