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FC Bayern vor Pokal-Halbfinale: Eine Mannschaft voller Rätsel

Wo steht der FC Bayern München vor dem wichtigen Pokal-Halbfinale gegen den FC Schalke 04 (ab 20.30 Uhr im stern.deLiveticker) wirklich? Die Formkurve der Bayern wirft so manche Frage auf. Vor allem Superstar Franck Ribery gibt Anlass zur Sorge.

Von Stephan David, München

Gespenstisch ging es zu beim FC Bayern. Damals, als sie ein Phantom in ihren Reihen hatten. Das erste seiner Art hörte auf den Namen Roy Makaay und war nicht nur für die Gegenspieler unheimlich. Auch die Teamkollegen wunderten sich über seine Fähigkeit, sich auf dem Platz nahezu unsichtbar zu machen, um dann urplötzlich ins Tor zu treffen. Wenn man ihn nicht sah, schlug er hinterrücks zu. Die Bilanz des niederländischen Phantoms: 78 Tore in 129 Ligaspielen von 2003 bis 2007.

Nun haben sie wieder ein Phantom beim FC Bayern, diesmal ein französisches. Die Sache hat nur einen Haken. Der Mann ist keine Neuauflage einer unwirklichen Erscheinung als Torjäger, sondern eher ein Trainingsphantom. Es geht um Franck Ribéry, den Mann, der nahezu eine gesamte Saison ohne kontinuierliches Übungsprogramm bestreitet. Hier eine Verletzung, dort eine Blessur, aktuell ist es eine nervende, weil langwierige Sprunggelenksgeschichte. Probleme toujours. In Münchens Boulevardpresse wird er schon "Krank Ribéry" genannt. Kein Training, ein wenig Reha - und doch taucht er ab und an in einem Spiel auf. Gespenstisch.

Trainingsphantom ohne Vorbereitung

"Franck hat keine Vorbereitung gemacht, weder im Sommer noch im Winter. Und während der Saison zurückzukommen, wenn man keine Vorbereitung gemacht hat, ist sehr schwierig", sagt Louis van Gaal und erklärt: "Doch er hat die höchste Qualität, und ein Trainer will immer seine besten Spieler aufstellen. Ich muss das jetzt dosieren und ihm sagen, er soll Pause machen." Wie zuletzt gegen Freiburg und in Frankfurt. Einmal siegte Bayern mit Mühe und Robben 2:1, letzten Samstag am Main ging das 1:0-Verwalten schief, in 104 Sekunden taumelte man in die Niederlage. Die letzten Wochen sind ein ständiges Auf und Ab. Irgendwie auch gespenstisch.

Die Bayern im Frühjahr 2010 - ein einziges Rätsel. Sich selbst, ihrem Trainer und nicht zuletzt den Gegnern. Wie soll man sich da auf einen Tabellenführer einstellen, wenn die Formschwankungen so chronisch sind wie die Schmerzen des lädierten Sprunggelenks von Franck Ribéry? Die Münchner kommen derzeit wie eine Babuschka daher. Wie eine dieser russischen, aus Holz gefertigten bunt bemalten Puppen - eine in die andere verschachtelt. Ein kleines Rätsel im großen Rätsel. Ein Phantom im Phantom.

Frühjahrsmüdigkeit an der Isar

Wenn es nur Ribéry wäre. Die Bayern haben noch ganz andere Probleme, als ihren französischen Patienten dieser Tage wohl dosiert einzusetzen. Der Rekordmeister leidet an einer seltsamen Frühjahrsmüdigkeit. Seit dem 1:1 Mitte Februar beim 1. FC Nürnberg, als die beachtliche Serie mit zwölf Siegen hintereinander riss, bröckelt die Dominanz der Mannschaft. Arroganz bestimmt ihr Spiel und hätte beinahe zum Champions-League-Aus gegen den AC Florenz geführt. Und das ausgerechnet in den Tagen als der Vorstand 16 Leitsätze des Vereins unter der programmatischen Überschrift "Mia san mia" herausbrachte. Pünktlich zum 110. Vereinsgeburtstag.

Die Mentalität der Selbstverständlichkeit von Siegen hat einen Knacks bekommen, Trainer Louis van Gaal musste mit ansehen wie die Mannschaft erst ihre Leichtigkeit und dann Punkt für Punkt einbüßte. Ohne nachvollziehbare Gründe. Mittlerweile hat das Wellental einige Gesichter. Neben Ribéry sind das Martin Demichelis und Mario Gomez, die seit Wochen verletzt ausfallen. Und nun zeigt sich zum ersten Mal, wie groß das Risiko war, dass Trainer van Gaal in der Winterpause einging. Alexander Baumjohann (zu Pokalhalbfinal-Gegner Schalke) wurde im Winter verkauft, Luca Toni (AS Rom), Andreas Ottl und der Brasilianer Breno (beide Nürnberg) sowie Edson Braafheid (Celtic Glasgow) ausgeliehen.

Eine Konzentration auf die Wesentlichen, eine sinnvolle Kaderreduzierung gegen aufkommende Reservisten-Unzufriedenheit - ja, das mag neben dem persönlichem Drängen auf eine Trennung von Trainer van Gaal etwa im Fall Toni durchaus sinnvoll gewesen sein. Weil der Holländer jedoch Breno und Braafheid fortgeschickt und zugleich die Reservisten Görlitz und Lell für untauglich befunden hatte, musste er in der Not Drittliga-Spielern das Vertrauen schenken: Diego Contento und David Alaba, ein 17-Jähriger, helfen in der Abwehr aus. Besonders das Teenie-Talent musste in Frankfurt erfahren, wie bitter in der Bundesliga Fehler bestraft werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die dünne Personaldecke in den nächsten Wochen zum Problem des FC Bayern werden könnte.

"Bayern ist in der Breite doch nicht so stark"

Was die Defensive betrifft, hat van Gaal sich verspekuliert, weil zu knapp kalkuliert. Sogar Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld brachte öffentlich seine Verwunderung zum Ausdruck: "Bayern ist in der Breite doch nicht so stark, vor allem nicht in der Innenverteidigung. Normalerweise muss man vier Innenverteidiger haben als Spitzenmannschaft. Wo ist der Vierte? Das hat die Punkte in Frankfurt gekostet. In der Defensive ist man nicht mehr stabil. Man wird international nur mithalten können, wenn da Stabilität ist. Da habe ich Bedenken, vor allem nach dem Spiel in Florenz."

Auch in der Offensive fehlen Alternativen. Thomas Müller hängt im letzten Drittel seiner ersten Profisaison leistungsmäßig durch, Ivica Olic hat nie die Form erreicht, die ihm am Ende der Hinrunde unverzichtbar machte. Schließlich Miroslav Klose. Der Treffer in Frankfurt war erst sein zweiter Saisontreffer, für ihn eine beschämende Bilanz. Doch wer fit und gesund ist, hat momentan beinahe schon einen Stammplatz, mal abgesehen von den Fehleinkäufen Pranjic und Timoschtschuk.

Die Verletzungssorgen und der zu knappe Kader kollidieren derzeit mit der wohl heißesten Phase der Saison, mit einer selbst für Bayern-Verhältnisse ungewohnten Häufigkeit von Spitzenspielen. Am Mittwoch geht's auf Schalke ums Pokalfinale (ab 20.40 Uhr im stern.de-Liveticker), in den Duellen mit Manchester United (30.3. und 7.4.) um das Halbfinale der Champions League und in der Meisterschaft an den nächsten drei Spieltagen (gegen Stuttgart am 27.3., in Schalke am 3.4. und in Leverkusen 10./11.4.) um den Titeltrend.

Immerhin, die Bayern wollen glaubhaft machen, wie groß die Vorfreude auf die Wochen der Wahrheit ist, wie Kapitän Mark van Bommel die hohe Spitzenspielkonzentration nannte. "Das ist das Beste, was über uns kommen kann", meinte Bayern-Coach van Gaal, "das ist das Schönste für einen Spieler, und das ist wunderbar, auch für einen Trainer." Ab Schalke geht es um Alles, um die Frage, mit welchen Pokalen der Coach seine Visitenkarte aufpäppeln kann. "Ich will alle drei Titel gewinnen. Ich denke, für Bayern ist der Meistertitel das größte Ziel", sagte van Gaal und ergänzte: "Aber alle Spieler wollen auch den Pokal gewinnen und die Champions League."

Ein Double, das war im Jahr 2008 am Ende seiner ersten Saison, hat Franck Ribéry schon gewonnen mit den Bayern. Nun will er den Henkelpott für die beste Klubmannschaft stemmen, es ist eines seiner großen Karriere-Ziele. Eher unwahrscheinlich, dass sich dieser Wunsch im Bayern-Dress erfüllt. Der Superstar hat dementsprechend schon einmal die letzte Runde im Vertragspoker eingeläutet. Einen Fünfjahresvertrag wolle er haben, unabhängig ob bei den Bayern, bei Madrid oder beim FC Barcelona.

Die Bayern-Bosse machen aus der Causa Ribéry eine Prestige-Angelegenheit: Ganz Europa soll sehen, dass sie es mit den finanziellen Großmächten aufnehmen können und der Franzose am Ende doch verlängert. Allerdings: Das erneute peinliche, weil frühe Aus der "Galaktischen" aus Madrid in der Champions League, wird den Wunsch nach neuen Superstars zur kommenden Spielzeit eher befeuern. Dasselbe Spiel wird bei Chelsea London ablaufen.

Feinjustierung beim Superstar

Franck Ribéry – der Mann ist und bleibt ein Rätsel, seine Zukunft unsicher. Die ferne wie die nahe Zukunft. Van Gaal kann ihn nur dosiert einsetzen. Mal ja, mal nein. So wie zuletzt, als der Coach ihn in Florenz brachte zugleich wissend, dass Ribéry danach ausfallen würde. "Ich habe damals entschieden: Florenz ja, Freiburg nein. Weil ich Florenz für schwieriger hielt. Wenn ein Spieler eine Verletzung hat, die an einer Überlastung liegt, dann kann das immer zurückkommen."

Nun stehen die nächsten Ribéry-Termine an. Ein harter Parcour: Schalke, Stuttgart, Manchester United, wieder Schalke, Rückspiel bei ManU, dann Leverkusen. Ein irres Programm. Und danach wissen die Bayern, ob der Traum vom Triple weiter ein Phantom bleibt.

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