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Borussia Dortmund in der Champions League: Ball wegschlagen reicht nicht

Der BVB steht im Viertelfinale der Champions League. Doch nach der 1:2-Niederlage gegen St. Petersburg zeigt sich, wie hoch die Erwartungen an das Team von Jürgen Klopp mittlerweile sind.

Von Felix Haas

Im Fußball gibt es häufig Szenen, über die wird wochenlang diskutiert. Tore, Elfmeter, rote Karten – so etwas. Und dann gibt es kurze Momente, die gehen bei der Schnelligkeit des Spiels fast unter. Dabei sind sie für das große Ganze vielleicht genauso wichtig wie ein zwischenzeitlicher Ausgleichstreffer.

Als der Dortmunder Innenverteidiger Sokratis in der 83. Minute einen langen Pass von Zenit St. Petersburg im Strafraum abfängt und den Ball mit voller Wucht möglichst hoch und weit in Richtung Stadiondach donnert, da ahnt er vermutlich nicht, dass er mit seiner Aktion genau für so einen Moment gesorgt hat.

Was ist los im BVB-Land?

Es steht 1:2 aus Dortmunder Sicht. Zwei Tore von Zenit und der BVB blamiert sich vor eigenem Publikum und scheidet nach einem 4:2-Hinspielsieg in St. Petersburg noch aus der Champions-League aus. Das geht natürlich nicht, wird sich Sokratis gedacht haben. Zack – weg mit dem Ball auf die Tribüne. Ziemlich konsequent könnte man meinen. Doch die Fans sehen das nicht so. Es gibt kaum Applaus für die Aktion, keine aufmunternden Zurufe, keine "Wir-wollen-euch-kämpfen-sehen"-Sprechchöre.

Als Sokratis zurück in den Sechszehner läuft, ist es, als würde für einen winzigen Moment die Zeit stillstehen, als würde erstmals der Champagner-Nachschub auf der jahrelangen BVB-Party ausgehen. Die Fans brüllen bei einer solch entscheidenden Situation im Achtelfinale der Champions League kaum, sie klatschen kaum, sie singen kaum? Was ist da los im BVB-Land?

"Die Leute waren einfach nervös"

In den letzten Jahren überholte sich der BVB mit seinem Hochgeschwindigkeitsfußball selbst. Die Borussia verwöhnte seine Fans mit spektakulären Toren und Traumergebnissen gegen Fußball-Weltmächte wie Real Madrid. Jetzt eine 1:2-Niederlage gegen Zenit St. Petersburg im eigenen Stadion? Gleich nach einer 1:2-Niederlage gegen Mönchengladbach in der Bundesliga? So mancher Fan scheint sich über die vielen Fehlpässe und den zwischenzeitlichen Rumpelfußball zu ärgern.

Sokratis‘ Befreiungsschlag steht daher stellvertretend für die Gemengelage in Dortmund. Schlüsselspieler sind verletzt, die Mannschaft spielt nicht mehr so schick wie in der vergangenen Saison, da helfen dann auch mal rabiate Mittel, um erfolgreich zu sein. Ohnehin sorgen wie beim Tor von Sebastian Kehl (37. Minute) eher die individuelle Klasse und der großen Willen dafür, dass die Mannschaft im Viertelfinale der Champions League, im DFB-Pokal-Halbfinale und auf dem zweiten Platz der Bundesliga steht.

"Keine Glanzleistung"

Die Spieler finden: Trotz der guten Bilanz werden die Leistungen nicht genug gewürdigt. "Dass die Stimmung so bedrückt war, kann ich nicht nachvollziehen. Wir haben sicher nicht unser bestes Spiel gemacht, aber wir haben das Viertelfinale der Champions League erreicht", sagte Torschütze Sebastian Kehl nach dem Spiel. Auch Nuri Sahin war verärgert: "Ich habe fast das Gefühl, dass wir uns entschuldigen müssen, dass wir in Europa unter die letzten acht gekommen sind." Jürgen Klopp bat später im Studio des ZDF um Verzeihung für die verhaltene Reaktion des Publikums: "Die Leute waren einfach nervös."

Klopp hatte ohnehin schon geahnt, dass es ein schweres Spiel werden würde. Vor dem Anpfiff berichtete er jedem Reporter über den starken Angriff der Russen, über die "große Qualität", über die "sehr offensive Formation."

Und so waren sie bei der Borussia nach dem mittelmäßigen Spiel einfach zufrieden, dass Zenit durch Hulk (15. Minute) und Rondon (73.) nur zweimal traf und es am Ende fürs Weiterkommen reichte: "Es war keine Glanzleistung, aber wir haben das über die Bühne gebracht", sagte Sportdirektor Michael Zorc. Es klang als meinte er: Wir haben den Ball oft genug auf die Tribüne gebracht.

Von Felix Haas

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