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Brandstifter-Prozess: Breno - eine Fußballerkarriere in Flammen

Weil er Angst um seine Zukunft hatte, soll Breno im Alkoholrausch seine Villa angezündet haben. Vor Gericht spricht der Bayern-Profi über sein Leben vor der Nacht, die das Ende seiner Karriere bedeuten kann.

Von Wiebke Ramm

Ganz ruhig steht er da. Die Hände in den Taschen seiner schwarzen Anzughose gesteckt, den Blick in die Kameras gerichtet. Breno Vinicius Borges ist Aufmerksamkeit gewohnt – wenn auch vor anderer Kulisse. Der 22-Jährige ist Fußballprofi beim FC Bayern München. Seit Mittwoch muss er sich vor der Großen Strafkammer am Landgericht München I wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung verantworten.

Aus Sorge um seine Zukunft und aus Verzweiflung über eine Verletzung soll Breno sein Haus im noblen Münchner Vorort Grünwald angezündet haben. Acht Zimmer, Schwimmbad, Sauna, Einliegerwohnung – alles bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Nachbarn berichten vor Gericht von "meterhohen Flammen" und Explosionen. Alles sei ganz schnell gegangen, sagt ein Zeuge: "Eben war es noch ein Knistern, plötzlich stand alles in Flammen." Fensterscheiben seien zerborsten, Balken zusammengekracht. Der Sachschaden liegt bei einer Million Euro.

Erklärung auf Portugiesisch

Bestätigen sich die Vorwürfe, die der Staatsanwalt an diesem Tag vorträgt, dann hat Breno in der Nacht vom 19. auf den 20. September 2011 nicht nur sein Haus, sondern wohl auch seine Karriere zerstört. Der Vertrag mit dem FC Bayern München endet am 30. Juni. Es soll bereits ein Angebot von Lazio Rom geben – unter der Bedingung, dass er nicht im Gefängnis landet.

Nach Verlesung der Anklage spricht Breno selbst. Er schildert sein Leben bis zu jener Nacht, als das Haus brennt, in dem er mit seiner Frau, ihren beiden Kindern und einem gemeinsamen Kind seit Oktober 2010 zur Miete wohnte. Er spricht portugiesisch. Eine Dolmetscherin übersetzt. Zum Brand aber macht er keine Angaben.

Keine Erinnerungen an die Brandnacht

Breno erinnere sich an die Ereignisse der Nacht nicht mehr. So sagt es Giovane Elber in einer Verhandlungspause. Der Brasilianer und frühere Fußballprofi begleitet Breno an diesem Tag als Freund ins Gericht. Auch er hat früher für den FC Bayern gespielt. "Uli hat mich beauftragt, ihm zu helfen", sagt er. Deshalb sei er da. Mit "Uli" meint er Uli Hoeneß, den FC Bayern-Präsidenten. Er habe Breno einfach zugehört, sagt Èlber. "Der Junge ist alleine hier, und er hat eine sehr schwere Zeit gehabt."

Brenos Probleme beginnen in München

Fußball ist Brenos Leben - das wird deutlich, als der Angeklagte seine Vergangenheit schildert. Mit elf Jahren verlässt Breno sein Elternhaus im brasilianischen Cruzeiro und zieht nach Sao Paulo. Dort besucht er ein Fußballinternat, sieht Mutter und Vater nur alle zwei Monate. Mit 16 Jahren beginnt er beim FC Sao Paulo seine Profikarriere, spielt auch für die Nationalmannschaft. 2008 geht er nach München. Da ist er 18 Jahre alt. Seine Probleme beginnen.

"Ich habe immer Kontakt gesucht", sagt er. Zum Trainer, zu den Spielern, auch zu Psychologen. "Aber mein Deutsch ist nicht so gut. Doch ich habe es versucht." Er freundet sich mit anderen brasilianischen Spielern an. Nach seinen Angaben nimmt er regelmäßig Deutschunterricht. Er habe nur einmal rund drei Monate pausiert, als er als Spieler nach Nürnberg ausgeliehen war.

Ob er Alkohol trinke, will Richterin Rosi Datzmann wissen. "Nein, ich trinke nicht mehr", antwortet Breno. Seit wann er nicht mehr trinkt, bleibt offen. Vor der Brandnacht soll Breno nach Erkenntnis der Staatsanwaltschaft schon mittags zu trinken begonnen haben. Am Morgen hatte er erfahren, dass ihm wieder eine Operation am Knie drohte. Es wäre die dritte. Im März 2010 war sein Kreuzband gerissen, im Mai 2011 kamen Probleme mit dem Meniskus hinzu. Laut Anklage soll er die Nachricht "mit Enttäuschung" aufgenommen haben, "da er die Hoffnung gehegt hatte, dass er als Fußballspieler bald wieder voll einsatzfähig sein würde". Nach einer Operation im Februar scheint es Brenos Knie jetzt besser zu gehen. "Jetzt sieht es so aus, als ob alles in Ordnung ist", sagt er.

Vier Brandherde im Haus

Der damals 21-Jährige muss völlig durcheinander gewesen sein an dem Tag. Dreimal soll Breno am späten Abend das Haus verlassen haben, dreimal sei er nach kurzer Zeit wieder zurückgekehrt. Gegen 22.40 Uhr soll er in der Küche etwas aus der Schublade genommen haben und erneut verschwunden sein. Seine Frau soll befürchtet haben, dass es ein Messer war, das Breno mitgenommen hatte. Sie flüchtete gegen 23 Uhr mit den Kindern zu Freunden. Breno kehrte zurück, nahm sein Fahrrad, irrte umher und stürzte. Mit einer Platzwunde am Kopf und Schürfwunden sei er laut Anklage wieder zurück nach Hause gefahren.

Kurz nach Mitternacht klingelt es am Grundstückstor von Hans-Hermann H. "Brauche Hilfe, Feuer, brennt!", ruft jemand durch die Gegensprechanlage. Der Nachbar schaut hinaus, sieht einen dunkelhäutigen Mann mit nacktem Oberkörper barfuß davonsprinten. H. alarmiert die Feuerwehr. Es ist 0.18 Uhr. Der 69-Jährige guckt von seinem Balkon auf das Haus nebenan: "Da sah ich diesen gigantischen Feuerball", sagt er vor Gericht. Brenos Villa steht lichterloh in Flammen.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass Breno das Feuer mit drei Feuerzeugen selbst entfacht hat. Er soll Möbel im Erdgeschoss, im Obergeschoss, im Fernsehzimmer der Einliegerwohnung sowie im Gästezimmer angezündet haben. Doch den genauen Tathergang kennen die Ermittler nicht. Es sind Indizien. Unmittelbare Zeugen der mutmaßlichen Tat gibt es nicht.

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