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Giovane Elber zum Brandstifter-Prozess: "Der FC Bayern hat im Fall Breno eine Mitschuld"

Breno, der brasilianische Verteidiger des FC Bayern München, steht wegen Brandstiftung vor Gericht. Ex-Bayern-Star Giovane Elber kennt den Spieler gut und spart nicht mit Kritik an ihm und dem Verein.

Herr Elber, wir erreichen Sie in Brasilien. Wann sind Sie mal wieder in Deutschland?
Ich komme alle zwei Monate und war gerade erst in München beim Champions League Finale. Ich komme jetzt wieder, zum Prozess gegen Breno.

Sie sprechen das Thema an. Ab dem 13. Juni steht ihr heute 22-jähriger Landsmann Breno, Spieler von Bayern München, vor Gericht, weil er seine Villa bei München angezündet haben soll.
Eine schlimme Geschichte, schade. Er ist ein sehr guter Junge.

Woher kennen Sie ihn?
Ich habe ihn damals für den FC Bayern zusammen mit Wolfgang Dremmler und Paul Breitner in Brasilien beobachtet und dabei auch seine Familie und Leute seines Vereins kennengelernt. Alle sagten: Er ist ein guter, braver Junge, der fleißig arbeitet und weiß, wo es lang geht. Und er will groß raus kommen. Ich habe zu den Bayern gesagt: Den müsst ihr kaufen.

Was ist er für ein Typ?
Ein sehr zurückhaltender, schüchterner Junge. Seine Frau spricht viel mehr. Ich habe mir schon damals gedacht: Der ist anders als ich. Denn ich bin immer rausgegangen und habe viel Spaß mit meinen Mitspielern gehabt.

Haben Sie mit Breno mal über das Abenteuer Deutschland gesprochen?
Ich habe ihn erst in München richtig kennengelernt. Bei dem ersten Treffen waren auch seine Mutter und sein Vater dabei. Es war ein hervorragendes Gespräch. Ich habe ihm gesagt: 'Es ist nicht einfach hier. Du musst schon zeigen, dass du hier dazu gehören willst.'

Was haben Sie ihm über Deutschland erzählt?
Ich habe ihm klar gesagt, dass das Leben hier anders ist und es wichtig ist, die Sprache zu lernen. Er hat gesagt: ‚Gut, dass du mich darauf hinweist.' So junge Spieler aus Südamerika haben doch keine Ahnung, wie das Leben hier funktioniert. Dass man Steuern zahlen muss, Versicherungen braucht. Brenos Frau sagte mir später mal, dass sie gar nicht wusste, wo sie ihre Kinder hinbringen sollte, als sie krank waren. Das sind Kleinigkeiten, aber sie sind wichtig, damit sich der Spieler und seine Familie wohl fühlen.

Was hat denn der FC Bayern für Breno getan?
Die waren schon bereit, ihm zu helfen, haben ihm zum Beispiel gleich einen Dolmetscher gegeben. Ich dachte damals: Der FC Bayern ist so professionell, es wird schon passen. Aber ab und zu braucht man auch beim FC Bayern als Spieler ein Kindermädchen.

Wie meinen Sie das?
Europäer sind viel härter, Südamerikaner brauchen viele Streicheleinheiten. Gerade am Anfang brauchen sie jemanden, der ihnen sagt: Das wird schon, du schaffst das. Vor allem die ersten drei Monate in einem neuen Land sind ganz wichtig. Man braucht keine Tag- und-Nacht-Betreuung. Aber es muss jemanden geben, der den Spieler anruft, ihn fragt, ob es ihm gut geht, ob er was braucht und ihn mal mitnimmt zum Einkaufen oder Abendessen, damit er es alles kennenlernt.

So einer hat beim FC Bayern offenbar gefehlt.
Breno ist ja dann zu Nürnberg gewechselt. Er hat mir mal erzählt, dass sich David Pinola (ein argentinischer Spieler des 1. FC Nürnberg, Anm. d. Red.) dort um ihn gekümmert hat. Der hat zu Breno nach dem Training gesagt: 'Du gehst jetzt nicht alleine nach Hause, sondern kommst mit mir zum Abendessen.' Breno hat in Nürnberg auch richtig gut gespielt und er hat mir gesagt: 'Hier ist es wie in einer Familie, bei Bayern ist es anders.'

Hat der FC Bayern Fehler gemacht?
Mit Sicherheit. Das habe ich Uli Hoeneß auch gesagt. Der FC Bayern hat eine Mitschuld, dass es mit Breno so weit gekommen ist. Denn Breno ist nicht wie ich. Bevor ich zu Bayern kam, war ich schon bei Zürich und bei Stuttgart. Ich habe die Sprache gesprochen. Als ich mal länger verletzt war, hatte ich dann kein so ein großes Problem, weil ich mehr Erfahrung hatte.

Breno war immer wieder verletzt und kurz vor der Tat wurde ihm gesagt, dass er wohl wieder operiert werden muss. Hat er deshalb so reagiert, wie es ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft?
Breno hat mir nach der Tat gesagt, dass er Angst hatte, dass er nie mehr Fußball spielen kann. Da ist ein Fehler passiert, weil niemand für ihn da war. Und er hatte private Probleme, Depressionen. Er ist zwar groß und kräftig, aber mit 22 eben immer noch ein Baby.

Hat er Ihnen mal gesagt, was in der Tatnacht geschehen ist?
Er hat zu mir gesagt: 'Giovane, ich weiß überhaupt nicht, was an dem Abend passiert ist. Ich weiß erst wieder was, als die Feuerwehr vor mir stand. Da wusste ich, dass etwas schlimmes passiert ist.' Ich glaube ihm.

Wie hat denn der FC Bayern danach reagiert?
Uli Hoeneß kam zu mir und sagte: ,Giovane, wenn du irgendwas für den Jungen tun kannst, tu es. Der braucht dich.‘

Diese Einsicht kam bei den Bayern wohl etwas zu spät.
Ich habe immer gesagt, dass ich gerne bereit bin zu helfen. Der FC Bayern weiß das. Ich habe lange vor der Tat auch mal mit Brenos Ex-Spielerberater gesprochen und ihm Hilfe angeboten, weil ich so oft in Deutschland bin. Der sagte mir: 'Brauchen wir nicht, das machen wir schon.' Breno hat mir hinterher erzählt, dass sein Berater gar nicht in Europa war und nichts getan hat.

Breno hätte doch auch von sich aus mal um Hilfe bitten können.
Er hat auch Schuld, klar. Denn man kann auch von einem jungen Spieler verlangen, dass er sich so schnell wie möglich integriert. Aber genau so jemand, der das von ihm fordert, hat ihm gefehlt. Einer der ihm sagt: 'Hey Junge, hier ist nicht mehr Brasilien, du musst was tun.' Denn der Junge wollte nur Fußball spielen. Alles andere hat ihn nicht interessiert. Und er ist eben sehr schüchtern.

Ist es nicht sowieso Unsinn, so junge Spieler aus Südamerika in eine völlig neue Umgebung zu holen?
Nein, das würde ich nicht sagen, Manchester United zum Beispiel hat zwei 17-Jährige Brasilianer gekauft, einer davon ist schon Stammspieler, da läuft alles gut. Aber man muss sich schon genau überlegen, wie man mit ihnen arbeiten muss und ihnen nicht nur viel Geld geben. Es sind Rohdiamanten, die geschliffen werden müssen.

Was erwarten Sie von dem Prozess?
Ich hoffe, dass Breno freigesprochen wird und weiter seine Arbeit machen kann. Und ich denke, dass alle aus der Sache gelernt haben, Breno, der FC Bayern und auch ich selber.

Malte Arnsperger

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