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Bayern-Aus in der Champions League Ein Verein im kollektiven Schockzustand


Die 2:3-Niederlage gegen Inter Mailand wird als eine der schlimmsten in die Annalen des FC Bayern eingehen. Der Verein liegt am Boden. Muss Louis van Gaal nun doch kurzfristig gehen?
Von Patrick Strasser, München

Es blieben noch zwei Minuten, plus vier Minuten Nachspielzeit. Dann war alles verloren. Der Boxer FC Bayern lag am Boden, er war k.o. - es musste nur noch bis zehn gezählt und das Urteil gesprochen werden. 2:3 im Rückspiel des Achtelfinals der Champions League gegen Inter Mailand - und das, obwohl man den Gegner schon mehrmals in die Seile geschickt hatte. In Gedanken gingen die Fans am Dienstagabend im Münchner Stadion kurz zuvor schon durch: Welcher Klub kommt als Gegner im Viertelfinale in Frage? Der Topfavorit FC Barcelona? Einer der drei englischen Vertreter? Oder Exot Shakhtar Donezk aus der Ukraine? Etwa der FC Schalke? Goran Pandev riss alle, Fans wie Spieler, Trainer und Verantwortliche, jäh aus den Träumen von weiteren Duellen in Europas Eliteliga mit einem satten Linksschuss nach Vorlage von Eto'o und Breno, der den Ball wie ein Freibadkicker verloren hatte am Strafraum. 2:3 in der 88. Minute - ciao, Viertelfinale! Arrivederci, FC Bayern! "Dass wir in zwei Spielen gegen Inter Mailand noch ausscheiden, kann ich nicht glauben", sagte Bastian Schweinsteiger, "das ist einfach unglaublich." In der Tat. Natürlich dachte man sofort an 1999, an Barcelona. Immer, wenn es den FC Bayern in den letzten Minuten einer Partie erwischt, kommen die Erinnerungen hoch an die Mutter aller Last-Minute-Niederlagen. Doch damals war es tragisch, einen fast sicher geglaubten Titel in den letzten Sekunden noch zu verspielen. Und besonders clever war es auch nicht, zwei beinahe identische Tore aus einem Eckball samt Kopfballverlängerung zu kassieren. Manchester United riss den Bayern den Champions-League-Pokal in der Nachspielzeit aus den Händen. Keiner, der das Spiel gesehen hat, konnte sich dem Leiden von Kahn, Kuffour und Co. entziehen, man musste mitfühlen. Aus 1:0 wurde binnen Sekunden ein 1:2.

"Einfach nur dumm"

Die Niederlage am Dienstagabend gegen Inter Mailand in der Allianz Arena wird ebenfalls als eine der schlimmsten in die Annalen des FC Bayern eingehen. Mit 1:0 hatte man das Hinspiel vor drei Wochen im gefürchteten Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand gewonnen. Ein angenehmes Polster. Nach dem frühen Schock durch das 0:1 von Samuel Eto'o - erzielt aus einer Abseitsposition - in der dritten Minute hatten die Bayern ihre beste Halbzeit der Saison vollbracht, zur Pause durch Treffer von Mario Gomez und Thomas Müller mit 2:1 geführt. 1:0 im Hinspiel, 2:1 zur Pause - macht 3:1 insgesamt. Das war mehr als ein Polster, beinahe eine Versicherung. Inter müsste noch zwei Treffer machen. Auswärts! In München! In einem Champions-League-Spiel! Ausgeschlossen. Man hatte nach der Partie nicht das Gefühl, dass Inter so stark und clever war, diese Partie noch gedreht zu haben, nein, die Bayern hatten Geschenke verteilt. Erst durch das fahrlässige Auslassen zahlreicher weiterer Chancen, ob durch Gomez, Ribéry oder Robben, die frühzeitig durch ein 3:1 oder 4:1 den Abend hätten beschließen können. Und dann durch die leichtfertigen Aktionen in der Defensive, die erst Wesley Sneijder das 2:2 (63. Minute) und schließlich Pandev den K.o.-Treffer (88.) ermöglicht hatten. "Das war einfach nur dumm, das war nicht das Verdienst von Inter Mailand", sagte Mario Gomez nach der Partie und fasste treffend zusammen: "Wir haben 60 Minuten gemacht, was wir wollten. Aber dann machst du einen blöden Fehler und alles ist vorbei." Die Spieler sahen bei ihren Aussagen so blass aus, als hätten sie über den gesamten Winter kein Tageslicht gesehen. Ein Verein im kollektiven Schockzustand. Es war so, als hätte sich der FC Bayern selbst einen Magenschwinger verpasst. "Ich denke, wir haben ein gutes Spiel gesehen", sagte Trainer Louis van Gaal", "aber wir mussten es fertig machen." Das Spiel killen, sagen Profis dazu. Sie ließen Inter am Leben.

"Ich habe keine Wörter dafür", stammelte Arjen Robben. "Es ist unglaublich. Es waren individuelle Fehler. Es kann nicht sein, dass wir wieder drei Tore zu Hause bekommen." Und somit war das 2:3 gegen Inter Mailand was Strategie, Verlauf und Dramatik betrifft, ein Spiegelbild der gesamten Saison für den FC Bayern, einer Saison, die "nun nicht mehr zu retten ist", wie Robben feststellte. In der Bundesliga wurde man von Borussia Dortmund vorgeführt, einerseits, was den Rückstand in der Tabelle betrifft, andererseits im direkten Duell. 3:1 gewann der BVB in München, es war eine Frage der Ehre. Bayern hatte sie verloren. Nun kämpft man verzweifelt um Rang zwei oder mindestens drei, um nächstes Jahr wieder im Konzert der Größten mitkicken zu dürfen. Vier Tage nach dem Dortmund-Schock verspielte man mit dem 0:1 im Pokal-Halbfinale gegen einen limitierten FC Schalke die einzig reelle Titelchance. Und nun, mit der dritten Heimspielpleite in vier Partien die Möglichkeit auf einen Achtungserfolg, auf eine Revanche für die Finalniederlage von Madrid 2010. Mit einem Weiterkommen im Prestige-Wettbewerb Champions League hätte man eine Saison farbig anstreichen können, ihr ein Gesicht geben. Nun wird man sich nur an hängende Köpfe erinnern. An die Momente, in denen Schweinsteiger und Gomez regungslos zusammensackten und auf dem Rasen lagen, an die Schreikrämpfe eines Thomas Müller, der wie wild geworden umher lief und seinen Frust herausbrüllte. 2010/11 wird als ein titelloses Jahr in die Geschichte des FC Bayern eingehen.

Wird es kritisch für Louis van Gaal?

Dabei hatte Inter Mailand, so könnte man spöttisch meinen, alles versucht, den Bayern zu helfen. Wie im Hinspiel hatte der brasilianische Keeper Júlio César einen Robben-Schuss prallen lassen, am Dienstag war nur die Vollendung von Gomez edler. Doch die Bayern überboten die Gäste im Geschenke verteilen, sie setzten in Gestalt von Breno und Schweinsteiger, die Schuldigen am 2:3, noch einen drauf. Und so war es wie so oft unter van Gaal. Die Bayern spielten gut, streckenweise sehr gut. Es war Fußball von allerhöchstem Unterhaltungswert, doch den größten Spaß hatte am Ende wieder einmal der Gegner. Ein offener Schlagabtausch, als gäbe es keine taktischen Fesseln, hatte sich entwickelt. Ganz und gar nicht im Sinne van Gaals war der Ballbesitz (Inter hatte 52 Prozent), auch das Risikoverhältnis war ihm zu groß. So entzückten Ribéry, Müller, Gomez und Robben bis zu seiner Auswechslung wegen muskulärer Probleme - doch die Abwehr war wieder die Achillesferse. Lahm, van Buyten, Breno und Pranjic war die 17. Variante einer Viererkette, die van Gaal aufgeboten hatte. Stark gemacht hat er damit weder einzelne Spieler noch eine bestimmte Formation, das Training von defensiven Standards und Situationen gilt unter dem Holländer wohl als Majestätsbeleidigung. Für die Bosse ist es die Bilanz dieser Saison. Nun geht es am Samstag beim SC Freiburg erneut um Schadensbegrenzung. Verliert van Gaal, könnte aus seiner Entlassung auf Zeit zum Saisonende eine kurzfristige Trennung werden. Auch wenn Bayern-Chef Karl-Heimz Rummenigge unmittelbar nach dem Spiel gegen Inter bekräftigte, dass der Niederländer bis zum Saisonende Trainer bleiben soll. Ab Juli soll Jupp Heynckes in seinem dritten Engagement an der Säbener Straße den Verein ohnehin zurück in die Zukunft führen.

Nur ein Mal übrigens in der Historie der K.o.-Spiele hatte eine Mannschaft noch die nächste Runde nach einer 0:1-Heimpleite erreicht. Damals, 1996 im Halbfinale war es, kam Ajax Amsterdam auswärts mit einem 3:0 doch noch bei Panathinaikos Athen weiter. Der Ajax-Trainer hieß Louis van Gaal. Selbst diesen Rekord muss er nun teilen - mit Inters Coach Leonardo.


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