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Bundesliga im Check: FC Bayern: Die Lederhosen können sie sich nur selbst ausziehen

Konkurrenz in der Bundesliga kennt der FC Bayern München traditionell kaum. Auch in die neue Saison geht die Van-Gaal-Truppe als Über-Mannschaft. Einzig die Jagd nach dem Champions-League-Titel könnte zu einer gewissen Verbissenheit führen.

Von Klaus Bellstedt

Was ist neu?

Eingriffe in seinen hypererfolgreichen Kader kämen beim FC Bayern nach einer fantastischen Saison mit dem Gewinn des Doubles und dem Einzug ins Champions-League-Finale blindem Personal-Aktionismus gleich. Insofern wird an der Säbener Straße auch deshalb neuerdings eine Politik der ruhigen Hand gepflegt. Einen Megadeal, wie ihn die Bayern vor Beginn der vergangenen Saison mit Mario Gomez und dann auch mit Arjen Robben tätigten, wird es dieses Mal nicht geben - auch wenn Präsident Uli Hoeneß zuletzt ankündigte, auf dem Transfermarkt eventuell doch noch einmal zuschlagen zu wollen. Nicht zu vergessen: eine Handvoll "Neu-Alter", die nach beendeten Ausleihgeschäften zu den Bayern zurückkehren. Toni Kroos, Andreas Ottl, Breno, José Ernesto Sosa und Edson Braafheid kommen "nach Hause". Sie finden allerdings die gleichen Bedingungen vor, die zu ihren Ausleihen führten: eine Stammelf, die ohne Verletzungsnöte keines Umbaus bedarf. Die größten Chancen auf einen Einsatz in Van-Gaals-Startelf dürfte dabei sicher der hoch veranlagte Toni Kroos haben - erst Recht nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Arjen Robben.

Was ist gut?

Wie sagte Thomas Müller nach den ersten Trainingseinheiten der neuen Saison so schön? "Anders als zu Beginn der Saison 2009/2010 wird es dieses Mal auch deshalb keine Anlaufschwierigkeiten geben, weil wir das System 'Van Gaal' verinnerlicht haben." Wohl wahr! Die Konkurrenz konnte sich davon auch schon überzeugen. Beim Supercup-Erfolg über den von Felix Magath schonungslos aufgepimpten FC Schalke 04 lief das Bayern-Spiel bereits wieder wie am Schnürchen. Erstaunlicherweise waren es vor allem die WM-Aktivposten Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller, die beim 2:0-Erfolg in Augsburg so gut funktionierten, als hätte es die kräftezehrenden WM-Wochen nie gegeben. Auch beim Spiel um den Franz-Beckenbauer-Pokal gegen Real Madrid, das erst im Elfmeterschießen verloren ging, präsentierte Trainer Louis van Gaal eine eingespielte Einheit, die seine Idee von Fußball verwirklichte und - so viel ist sicher - auch in Zukunft verwirklichen wird: dominant spielen, gleichzeitig erfolgreich und für das Auge des zahlenden Zuschauers. Fällt dann doch mal einer aus dem Starensemble kurzfristig aus, so wie Lahm gegen Madrid, zaubert der Niederländer einfach den nächsten Youngster aus dem Hut. Lahm wurde hervorragend vertreten von einem gewissen Nicolas Jüllich aus der hauseigenen Drittligamannschaft. Der 20-Jährige spielte mit einer bemerkenswerten Abgebrühtheit - trotz der Kulisse von 69.000 Zuschauern. Sein Gegenspieler hieß übrigens Cristiano Ronaldo. Das ist typisch van Gaal!

Was ist schlecht?

Wenn überhaupt über die Qualität eines Mannschaftsteils des FC Bayern diskutiert wird, dann über die Deckung. Innenverteidiger Martin Demichelis war im Vorjahr die Konstanz abhanden gekommen, die Nebenmann Daniel van Buyten dank van Gaals Vertrauen wieder gewann. Doch auch der Belgier agiert nicht fehlerfrei. Mit Holger Badstuber spielt die Zukunft im Abwehrzentrum zwar schon längst mit und ist Nationalspieler. Aber der Lieblingsschüler von Louis van Gaal hat eine leidvolle WM hinter sich. Keiner weiß, ob die Ausbootung aus der DFB-Stammelf vielleicht Auswirkungen auf Badstubers Psyche haben könnte. Auf der linken Abwehrseite vertraut man Diego Contento. Beim FC Bayern wissen sie, dass es ein riskantes Unterfangen sein kann, mit einem Unerfahrenen auf dieser Position in die Saison mit der Dreifachbelastung Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal zu gehen. Leistungsschwanken wären normal. Zumal Linksverteidiger Contento eine heikle Aufgabe zukommt: Er muss den Absicherer für Franck Ribéry geben. Das kreative Hirn der Münchner ist nicht unbedingt dafür bekannt, der Rückwärtsbewegung allzu sehr zugeneigt zu sein. Und dann wäre da noch der Muskelriss von Arjen Robben, der den "Fußballer des Jahres" voraussichtlich zwei Monate vom Ausüben seines Berufes abhalten wird. Der Niederländer wird den Bayern fehlen, auch wenn sich die Alternativen im offensiven Mittelfeld geradezu aufdrängen. Er steht wie kein Anderer im Team für das Besondere. Robben allein kann Spiele entscheiden, die eng sind. Anders ausgedrückt: Ein Robben ist nicht zu ersetzen.

Was ist möglich?

Die bessere Frage lautet in diesem Fall: Was ist Pflicht? Die Qualität des Bayern-Kaders, gerade auch in der Breite, wird (wie eigentlich immer) von keinem anderen Bundesliga-Konkurrenten auch nur ansatzweise erreicht. Der 23. Meistertitel ist Pflicht für die Bayern, es sei denn, es verletzt sich neben Robben noch ein halbes Dutzend weiterer Stars.

Und doch gibt es ein bisschen Hoffnung für die zweite Garde, für Leverkusen, Schalke oder Werder: Die erneute Jagd nach dem ersten Sieg in der Champions League seit 2001 könnte bei den Über-Bayern zu einer gewissen Verbissenheit führen, unter der die nationalen Ziele leiden.

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