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Brasilianische Spieler in der Bundesliga: Auf schmalem Grat

Verteidiger Breno vom FC Bayern muss wegen schwerer Brandstiftung für fast vier Jahre ins Gefängnis. Er ist das jüngste und wohl auch extremste Beispiel für gescheiterte Bundesliga-Brasilianer. Höhen und Tiefen liegen dicht beieinander. Auch Werder-Manager Klaus Allofs kann ein Lied davon singen.

Von Cord Sauer

Als der erste Brasilianer 1964 in die Bundesliga kam, waren die Erwartungen groß. Der 1. FC Köln schlug erstmals am Zuckerhut zu und verpflichtete Zeze. Der entpuppte sich allerdings schnell als Fehleinkauf. Nach einem halben Jahr, sechs Spielen und einem Tor ließ er sich von einem spanischen Arzt eine "Schnee-Allergie" attestieren und verließ die Domstadt wieder. Abschreckende Wirkung auf die Ligakonkurrenz hatte dieses Missverständnis jedoch nicht. Bis heute versuchten über 130 Samba-Kicker ihr Glück in der höchsten deutschen Spielklasse, doch nur die wenigsten sind wirklich glücklich geworden.

Zu dieser erlesenen Auswahl gehören unter anderem Carlos Dunga (Stuttgart), Giovane Élber (Stuttgart, Bayern, Gladbach), Lúcio (Leverkusen, Bayern), aber auch Zé Roberto (Leverkusen, Bayern, HSV), Dede (Dortmund) und Dante (Gladbach, Bayern). Sie alle haben auf deutschem Boden Erfolgsgeschichten geschrieben. Ebenfalls nicht zu vergessen sind die Helden aus Bremen: Ailton (später Schalke, HSV), Diego (später Wolfsburg) und Naldo. Speziell das Werder-Publikum weiß, dass ein Brasilianer fern seiner Heimat zunächst einmal einer Wundertüte gleicht. Die Transferflops Júnior Baiano, Gustavo Nery, Carlos Alberto und jüngst Wesley belegen das.

Faustschlag, Dschungelcamp, Champions-League

Kaum ein anderer deutscher Verein hat so viele unterschiedliche Erfahrungen mit Brasilianern gemacht wie Werder. Júnior Baiano war 1995 der Erste an der Weser und schrieb prompt negative Schlagzeilen: Faustschlag im DFB-Pokalspiel gegen den Leverkusener Nico Kovac, zehnwöchige Sperre. Nach einem Jahr war Baiano wieder weg. Mit Ailton lief es dafür umso besser – der Kugelblitz krönte seine erfolgreiche Werderzeit, indem er den Klub 2004 zum Doublegewinn schoss, ehe er Bremen nach sechs Jahren verließ. Danach begann seine sportliche Talfahrt: 14 Vereinswechsel in acht Jahren, zuletzt "trainierte" er gar im RTL-Dschungelcamp.

Einen ewigen Spitzenplatz auf der Bremer Liste der Gescheiterten haben dafür Carlos Alberto (kam für 8 Millionen Euro) und Wesley (7,5 Millionen) sicher. Dabei begann gerade Wesleys Zeit äußerst vielversprechend, Trainer Thomas Schaaf lobte seinen Neuzugang nach wenigen Wochen ungewohnt überschwenglich: "Er bringt sich ein, als wäre er seit Jahren dabei. Egal, auf welcher Position er aufläuft – Wesley nimmt die Dinge, die man ihm sagt, voll an. Leider hat er zu kleine Hände, sonst könnten wir ihn noch als Torwart gebrauchen."

Wenig später fiel Wesley in ein tiefes Loch. Verletzungen warfen das Talent zurück. Hinzu kam, dass seine Lebensgefährtin sich in Deutschland nicht wohlfühlte, was auch auf Wesleys Gemütslage drückte. Letztendlich scheiterte er aus den gleichen Gründen wie auch "Chaos" Alberto: Heimweh, Integrationschwierigkeiten und körperliche Wehwehchen. Alberto absolvierte für Werder zwei Spiele (2007-2010), Wesley immerhin 26 (2010-2012). "Es ist bedauerlich, wenn es bei Spielern, die wir hoch eingeschätzt haben, nicht funktioniert", erklärt Werders Sportdirektor Klaus Allofs im stern.de-Telefoninterview.

Brasilianer "denken nicht an Konsequenzen"

In den Augen vieler Fans verfügen Samba-Kicker über eine besondere Aura. Sie scheinen leichtfüßig, stets gut gelaunt und talentiert. Dennoch ist ihr Werdegang oft nur schwer vorhersehbar. Für Allofs lässt sich dieses Phänomen nicht pauschalisieren: "Das ist nicht nur bei Brasilianern so, sondern auch bei Spielern anderer Nationalitäten." Dennoch haben Spieler vom Südkontinent in der Regel viel mehr Herausforderungen zu bewältigen, wie Allofs bekräftigt: "Wer in Brasilien spielt und erfolgreich sein will, der weiß, dass er irgendwann nach Europa muss. An die Konsequenzen denken dabei aber die wenigsten."

Um in der Bundesliga erfolgreich zu sein, müsse ein ausländischer Spieler viel mehr mitbringen als nur Talent. "Ehrgeiz ist wichtig, aber man sollte auch bereit sein für Deutschland, bereit sein, die Sprache zu lernen", sagt der Bremer Manager. Doch Allofs gibt auch zu denken, dass diese Anforderungen für einen brasilianisches Talent, das für eine Fußballerkarriere die Schule abgebrochen hat oft nur schwer zu meistern sind. Bayerns Breno, Profi mit 16, Schulabbrecher mit 17, hat diese hiesige Herausforderung unterschätzt. Er ist das derzeit jüngste – im wahrsten Sinne des Wortes – "Fall"-Beispiel der Bundesliga. 2008 kam er vom FC Sao Paulo für 12 Millionen Euro. Wegen schwerer Brandstiftung wurde er nun zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Seine Fußballerkarriere ist so gut wie beendet.

Asien das neue Brasilien?

Brenos Scheitern ist ein Hilferuf. Wie bereits Giovane Èlber im stern.de-Interview erklärte, fehlte dem Brasilianer in der Ferne eine Art "Kindermädchen", das ihn selbst bei Banalitäten wie Einkaufen unterstütze. Ein Dolmetscher oder zwei, drei Mannschaftskollegen mit Copacabana-Wurzeln reichen eben nicht immer. Breno fühlte sich allein gelassen. Ein Gefühl, dass auch Carlos Alberto und Wesley in Bremen erfahren mussten.

Mittlerweile haben sich die Zeiten in der Bundesliga geändert, Brasilianer haben längst nicht mehr Hochkonjunktur. Das liegt nicht nur an diversen Transfermisserfolgen sondern auch daran, dass sich als junger Brasilianer heutzutage auch in der Heimat das große Geld verdienen lässt. Europäische Fußballclubs schauen sich deshalb anderweitig um und haben einen neuen Markt entdeckt - Asien. Stichwort Shinji Kagawa: Borussia Dortmund holte ihn für eine Spottsumme in den Ruhrpott und zur Belohnung schoss der Japaner den BVB zu drei Titeln in zwei Jahren. Um das große Plus der Asiaten weiß auch Allofs: "Sie sind vermutlich einen Tick disziplinierter und lernwilliger."

Ein Geheimrezept für den perfekten Transfer gibt es nicht. Brasilianer werden auch weiterhin in die Bundesliga wechseln, auch weiterhin an der Weser oder an der Säbener Straße ihre Fußballschuhe schnüren. "Mit jedem Transfer gewinnt man auch mehr Erfahrung", sagt Allofs und ergänzt: "Man bedenkt, was zusätzlich schief laufen kann." Für die Zeit nach Alberto, Wesley, Breno und Co. bleibt in den Augen des Werder-Sportdirektors als wichtigste Erkenntnis: "Wenn jemand sich toll integriert, fabelhaft deutsch spricht, aber kein Fußball spielen kann, ist es ja auch nicht gut."

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