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Bundesliga-Check: Hamburger SV: Jugendstil statt Jurassic Park

Kaum eine Mannschaft ist in diesem Jahr so schwer auszurechnen wie der Hamburger SV. Nach dem großen Umbau auf allen Ebenen geht das Team als Wundertüte in die Saison 2011/12.

Von Ingo Scheel

Was ist neu?
Die Frage "Was ist nicht neu?" wäre leichter zu beantworten, wurde beim HSV doch nach einer erneut verkorksten Saison mit dem eisernsten aller Bundesliga-Besen gekehrt. Präsident Bernd Hoffmann samt Team wurde abgesägt, Interims-Sportchef-Prakti Bastian Reinhardt zurückgestuft und Trainer Armin Veh war bereits auf der Zielgeraden der letzten Saison durch Assi Michael Oenning ersetzt worden. Der bekam jetzt vom neuen Sportchef Frank Arnesen, als Hoffnungsträger vom FC Chelsea gekommen, den Ritterschlag und ist somit der neunte HSV-Trainer in zehn Jahren. Mitgebracht hat Arnesen gleich mehrere Jungspunde von den hinteren Bänken seines ehemaligen Arbeitgebers.

Abwehrmann Michael Mancienne (23, England) verdingte sich zuletzt als Leihgabe bei den Wolverhampton Wanderers, Mittelfeldmann Jacopo Sala, italienischer U19-Spieler, spielte ebenso für die Chelsea-Reserve wie Gökhan Töre (19), ein offensiv ausgerichteter Deutsch-Türke mit großem Potential. Hohes Talent wird auch Jeffrey Bruma, 19-jährige Abwehrkante aus den Niederlanden, zugeschrieben.

Komplettiert wird die Riege der Neuen vom Norweger Per Skjelbred (25). Den hatte Arnesen schon seit Jahren auf dem Zettel, jetzt konnte er ihn von Rosenberg Trondheim loseisen. Als Rückkehrer auch zu den Neulingen zu zählen: Der Schwede Marcus Berg, der den zweiten Durchbruchsversuch beim HSV angeht, und der dauerverletzte Romeo Castelen, dessen Knie jetzt endlich halten soll.

Was ist gut?

Den immer wieder aufgeschobenen Neustart haben die Hamburger endlich mit aller Vehemenz in Angriff genommen. Überteuerte Altstars wurden mal leichteren (Ruud van Nistelrooy), mal schwereren Herzens (Zé Roberto) verabschiedet und der so oft beschwörte Schnitt endlich vollzogen. Die Borussia aus Dortmund hat es vorgemacht, nun hat auch der HSV einen neuen Jugendstil eingeführt. Sportchef Arnesen führt die Geschäfte mit dänischer Ruhe, dazu passt die unaufgeregte Arbeitsweise von Michael Oenning, der sich zudem endlich vom autoritätshemmenden Kinnbärtchen verabschiedet hat.

In der Vorbereitung gab es zunächst eine Reihe ungefährdeter Siege gegen niederklassige Teams, zuletzt besiegte man im "Liga total!"-Cup die Bayern und unterlag gegen den BVB.

Größter Gewinner der vergangenen Wochen: Heung-Min Son. Der 19-jährige Südkoreaner traf satte 19-mal in der Vorbereitung und ist nicht zuletzt wegen seiner jugendlichen Frische und dem unbekümmerten Hau-rein-Stil die personifizierte Hamburger Hoffnung auf bessere Zeiten.

Auch beruhigend für alle "Rautisten": Sollte Torwart Jaroslav Drobny schwächeln, was man ihm in Hamburg durchaus zutraut, steht mit dem Keeper der Zweiten, Tom Mickel, ein überaus talentierter Nachrücker bereit.

Was ist schlecht?

Oldies raus, Jugend rein – so einfach die Formel klingt, so gefährlich kann sie werden. Was als verlockende Blaupause in Dortmund funktioniert, mag als Inspiration taugen, zum erfolgreichen Nachahmen gehört mehr als die schlichte Senkung des Altersdurchschnitts um mehrere Jahre. Was, wenn die vielbeschworene Chemie in der Mannschaft nicht stimmt? Was, wenn die gerufenen Geister sich als willig, bei der Umsetzung von Oennings Masterplan jedoch als schwach erweisen?

Komplette Mannschaftsteile müssen sich noch einspielen, zudem gibt es immer noch entscheidende Vertragsfragezeichen: Mladen Petric zögert noch, Paulo Guerrero trägt nach seinen fünf Toren bei der Copa America mal wieder den Kopf in den Wolken, zuletzt meldete Atlético Madrid Interesse an.

Eine weitere, durchaus entscheidende Frage: Wer übernimmt in der kommenden Saison den Kreativposten in der Schaltzentrale? Weder dem wackeren David Jarolim noch dem wankelmütigen Eljero Elia ist das ohne weiteres zuzutrauen. Macht es möglicherweise Gojko Kacar oder etwa doch Neuzugang Skejlbred? Letzterer jedenfalls personifiziert all das, wofür der gesamte HSV am Vorabend der neuen Saison steht: Eine Wundertüte mit vielen Fragezeichen. Angesichts des bekanntermaßen kurzen Geduldsfaden der HSV-Anhänger und der seit fast 25 Jahren ungestillten Sehnsucht nach einem Titel kein ungefährlicher Zustand.

Was ist möglich?

Die Hamburger (und ihre Fans) sind ausnahmsweise gut beraten, mit flachem Ball in die Saison zu starten, zu ungewiss scheint die Perspektive im Jahre null. Realistisch erscheint alles von Platz sechs bis zehn. Mit Luft in beide Richtungen.

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