HOME

Bundesliga-Kommentar: Ausgetrommelt

Bei den WM-Machern geht nach den skandalösen Vorfällen in der AOL-Arena die Angst um. Im Hinblick auf das Weltereignis im eigenen Land will man aber keine Konsequenzen ziehen. Das könnte ein fataler Fehler sein.

Von Klaus Bellstedt

Der 15. Spieltag liegt hinter uns, und in Erinnerung haften bleibt vor allem eine Szene: Ein blutüberströmter HSV-Spieler Alexander Laas, der von seinem Kapitän Daniel van Buyten auf Händen getragen in Sicherheit gebracht wird. Geschehen war das: Ein Trommelstock, von einem hirnlosen Kölner "Möchtegern-Fan" als Wurfgeschoss missbraucht, traf den Youngster an der Stirn und fügte ihm eine klaffende Wunde zu. Nur wenige Sekunden zuvor hatte sich Laas nach dem zweiten HSV-Treffer nichts Böses ahnend in die Jubeltraube vor dem Kölner Block gestürzt. Die totale Freude schlug innerhalb eines Augenblicks in Fassungslosigkeit und Furcht um.

Die 54. Minute von Hamburg - sie hat die WM-Macher knappe sechs Monate vor Beginn des Jahrhundertereignisses in Deutschland zu Recht in Alarmbereitschaft versetzt. Die entscheidende Frage, die sich dem wahren Fußballfreund in der Woche der WM-Gruppenauslosung stellt, lautet: Kann man sich überhaupt gegen diesen von Fanatismus durchtriebenen Abschaum schützen? WM-Pressechef Wolfgang Niersbach meint Nein. Via DSF ließ er am Sonntagvormittag verlauten, dass kein noch so komplexes System hundertprozentige Sicherheit gewährleisten könne. Das war unklug von Niersbach, weil er durch seine halbherzigen Äußerungen eine - gerade auch für das WM-OK - unliebsame Diskussion ausgelöst hat. Und die Boulevardpresse schürt auch schon die Angst, nach dem Motto: "Machen uns Fan-Idioten die WM kaputt?"

England macht es uns vor

Niersbach hätte sich das alles ersparen können, wenn er und seine Kollegen die richtige Konsequenz aus dem hässlichen Vorfall von Hamburg gezogen hätte. Die kann nur lauten, dass während der WM und ab sofort auch in der Bundesliga Musikinstrumente plus Zubehör in den Arenen absolut nichts mehr zu suchen haben. Man stelle sich nur einmal vor, der Stockwerfer hätte anstelle des Drumsticks seine Trommel aufs Spielfeld geworfen. An dieser Stelle sind die Deutsche Fußball Liga (DFL) und das WM-Organisationskomitee gleichermaßen gefordert, ein schnelles Verbot auszusprechen. Seit geraumer Zeit schon dürfen Fahnen nicht mehr mit in die Kurven genommen werden, lediglich Transparente, Banner und die so genannten Doppelhalter sind noch erlaubt. Warum also kein Verbot für Musikinstrumente?

Sicher, während der WM müsste man dann auf die stimmungsvollen Kapellen der Holländer oder die Samba-Trommeln der Brasilianer verzichten. Das wäre schade, aber die Sicherheit der Spieler und auch der Zuschauer muss einfach vorgehen. Dass es auch ohne geht, beweist der Blick ins Mutterland des Fußballs. In England werden die Fans durch ein mehrstufiges Schleusensystem geleitet, nur persönliche Gegenstände dürfen mitgenommen werden. Niemanden stört das und der guten Stimmung tut das im Übrigen auch keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Atmosphäre in den englischen Stadien von Manchesters 'Old Trafford' bis zu Liverpools legendärer Arena an der Anfield Road dürfte weltweit ihresgleichen suchen. Dort wird gesungen, "nur" gesungen. "Handeln Sie", mag man den WM-Machern zurufen. Noch ist es nicht zu spät.

Wissenscommunity