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Bundesliga-Kommentar: Bitteres Osterei

In zwei Wochen ist Ostern. Bayern-Torwart Oliver Kahn hat sich aber schon an diesem Wochenende ein übelriechendes Ei ins Nest gelegt. Schuld daran soll Jürgen Klinsmann sein - lächerlich!

Von Klaus Bellstedt

Es war die Szene des 28. Spieltages: In der 37. Minute zieht Kölns Albert Streit aus 25 Metern ab, der Ball wird nicht abgefälscht und fliegt direkt auf Oliver Kahn zu. Doch der Bayern-Torwart reagiert zu spät, er greift an der Kugel vorbei und stürzt. Das Leder springt direkt neben ihm ins Netz, Köln führt überraschend 2:1. Zur Pause lässt sich Kahn wegen Rippenproblemen wie schon vor Wochenfrist in Duisburg auswechseln. Eine Viertelstunde vor Spielschluss verlässt er frustriert das Stadion - und seitdem rauscht's im Blätterwald gewaltig.

"Kostet ihn sein Ehrgeiz die WM?", "Die Krise des Oliver K.", "Kahn patzt - neuer Stoff in der Torwartdiskussion", "Zerbricht er an seinem WM-Traum?" Fakt ist, dass der Mann am Sonnabend elegant am Ball vorbeigesegelt ist und sich danach wie ein Maikäfer im April auf dem Boden gewälzt hat. Kahn ist ein Fehler unterlaufen, das passiert Torhütern in der Bundesliga fast wöchentlich. Blöd nur, dass einem Keeper, der die Nummer 1 in Deutschland sein will, so etwas zwei Monate vor der WM im eigenen Land eben nicht passieren darf. Ende der Diskussion! Von wegen…

Ehrgeiz übersteigt Reaktionsvermögen

Anstatt den Lapsus einfach nur mal einzugestehen, schob Kahn das Missgeschick auf die noch nicht ganz auskurierte Rippenprellung, die er sich gegen die USA zugezogen hatte: "Vielleicht setze ich mich zu sehr unter Druck, vielleicht muss ich mehr auf meinen Körper hören", sagte "King Kahn" nach dem Spiel. Fortan kündigte er an, nur noch bei "tausend Prozent" Diensttauglichkeit mitspielen zu wollen. Das ist doch wohl nicht ihr Ernst, Herr Kahn! Wollen Sie uns eigentlich für dumm verkaufen? Den Verlegenheitsschuss von Albert Streit hätte mein fünfjähriger Patensohn auch mit 40 Grad Fieber locker mit der Innenseite gestoppt.

Es ist die fehlende Souveränität eines Profis mit der Erfahrung von 494 Bundesliga- und 84 Länderspielen, die überrascht - und Kahn gleichzeitig entlarvt. Bei dem Bayern-Torwart liegen seit Wochen schon die Nerven blank. Er spürt, dass sich die Waage im Zweikampf mit Jens Lehmann längst zu seinem Ungunsten geneigt hat. Aber muss man deshalb gleich so daneben greifen? Ist es nicht einfach so, dass Kahn ein in die Jahre gekommener Weltklassetorhüter ist, der seinen Zenit überschritten hat? Und so einer soll in einem WM-Viertelfinale gegen England für Deutschland die Kohlen aus dem Feuer holen...

Zwei Drittel für Jens Lehmann

Zum "König der Ausreden" küren wir übrigens überraschend nicht Oliver Kahn, sondern, Sie ahnen es sicher schon, Uli Hoeneß. Der Bayern Manager scheute sich nach dem 2:2 der Münchener gegen den FC Köln nicht, Jürgen Klinsmann für Kahns Fehler verantwortlich zu machen. Das ist so durchschaubar wie lächerlich. Ein Blick nach London zeigt, dass diese Argumentation nicht aufgeht: Ausgerechnet Kahns Konkurrent Lehmann ist derzeit der beste Beweis dafür, dass der Wettbewerb durchaus leistungsfördernd sein kann.

Und das hat sich sogar bis zum Saalpublikum bei "Wetten, dass...?" herumgesprochen. Bei der Live-Sendung am Sonnabend in Halle ließ Gastgeber Thommy Gottschalk ganz profan per Handzeichen darüber abstimmen, wer denn nun das WM-Tor der Deutschen hüten solle. Weit mehr als zwei Drittel votierten für Jens Lehmann. Wenn das mal nichts heißen soll...

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