Bundesliga-Kommentar Gipfelsturm der Spätzlefresser


Noch einmal siegen, dann fließt in Stuttgarts Gassen der Trollinger in Strömen. Der VfB schickt sich an, Deutscher Meister zu werden. Einem coolen Trainer und weinenden Spielern fliegen plötzlich alle Sympathien zu - vollkommen zurecht.
Von Klaus Bellstedt

Erinnern Sie sich noch an den ersten Spieltag der laufenden Saison? Damals verlor der VfB Stuttgart sang- und klanglos im eigenen Stadion mit 0:3 gegen den 1. FC Nürnberg - und grüßte von Platz 17. Bei den Buchmachern galt "Übergangscoach" Armin Veh fortan als einer der Topfavoriten auf den ersten Trainerrausschmiss der neuen Saison. Lange wurden die Stuttgarter, die zuletzt unter Trainer-Guru Christoph Daum vor 15 Jahren Meister wurden, nicht wahrgenommen. Auch nicht als sie an Spieltag 12 sogar mal Tabellenführer waren. Zu bieder und emotionslos wirkte ihr Stil. Und wo waren überhaupt die Diegos und Kuranyis in diesem Team? Delpierre, Hilbert und dann noch diese beiden Mexikaner. Keine Stars, kein spielerisches Ballyhoo - keine Titel? Aber wie!

Der VfB hat sich auf wohltuend leisen Sohlen eine Woche vor Ende einer zugegeben mittelmäßigen Bundesliga-Saison die Pole-Position gesichert. Und diese werden die mittlerweile zu einer knochenharten Erfolgseinheit verschmolzenen schwäbischen Gipfelstürmer nicht mehr hergeben. Dafür war der Auftritt beim 3:2-Auswärtsieg in Bochum einfach zu beeindruckend. Der neben Mario Gomez vielleicht einzige Star dieser Mannschaft, Torhüter Timo Hildebrand, war es, der den Sieg mit einer Weltklasseparade drei Minuten vor Schluss festhielt - und seinem Team damit das Tor zu Deutschen Meisterschaft ganz weit aufstieß. Hildebrand und Gomez stammen aus der Jugend des VfB Stuttgart, übrigens genauso wie Tasci und Khedira. Auch diese Tatsache macht den VfB Stuttgart zu einem der sympathischsten Meister der letzten zehn Jahre.

Frischgeschabte Spätzle und ein Trollinger

Hauptverantwortlich für den Stuttgarter Überraschungscoup sind neben den Spielern vor allem Trainer Armin Veh und Manager Horst Heldt. Heldt war es, der im Sommer 2006 den Coach auch gegen Widerstände im Präsidium gerade so durchdrücken konnte. Veh ließ seinen Manager nicht im Regen stehen und bastelte lange und intensiv an der Mannschaft. So lange, bis sie praktisch von alleine funktionierte. Solide und bescheiden, klug und erfolgsorientiert - so arbeiten sie in Stuttgart. Und sie lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen. Zwei Beispiele: Timo Hildebrands Vertragtheater hat diese Mannschaft genauso wenig aus der Erfolgsspur bringen können wie die schwerwiegende Verletzung ihres Torjägers Mario Gomez, der erst jetzt, im Saisonfinale, wieder an Bord zurückgekehrt ist. Andere, sagen wir mehr zweckgebundenere Gemeinschaften, stecken derartige Störfeuer nicht so leicht weg. Schönen Gruß noch an Miro Klose und Werder Bremen...

Und noch ein letztes Mal zu Timo Hildebrand: Schon vor vielen Monaten hat sich der Ausnahmetorhüter dazu entschieden, seinen auslaufenden Vertrag bei den Schwaben nicht zu verlängern. Damals war noch nicht davon auszugehen, dass Stuttgart Meister wird und in der Champions League spielt. In Bochum wirkte der sonst so kühle Hildebrand aufgewühlt wie selten. Erst die Glanztat, danach unbändiger Jubel und später in der Kabine auch noch Tränen. Man ahnt schon warum. Beim kommenden Deutschen Meister werden neuerdings also auch Gefühle gezeigt. Und das macht diese märchenhaft anmutende Geschichte doch erst richtig rund. Immer sympathischer werden aber nicht nur die Spieler, sondern auch die Fans des VfB. Wie schrieb doch einer so schön nach dem Sieg in Bochum im Online-Gästebuch der Schwaben: "Diese Woche noch eine Portion frischgeschabte Spätzle für die Ausdauer und dann fließt der Trollinger in Stuttgarts Gassen." Verdientermaßen!


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