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Bundesliga-Teamcheck: HSV: Arm, aber van der Vaart

Der HSV muss zurück nach Europa - auch wegen der finanziellen Nöte, in denen sich der Club befindet. Aber da hilft wohl nur ein Wunder. Son ist weg und Adler und van der Vaart allein reichen nicht.

Von Klaus Bellstedt

Er ist die Club-Ikone. Er ist eine Legende. Sein Wort hat Gewicht. Ihm widerspricht niemand in der Hansestadt. Schon gar nicht beim HSV. Und so lassen wir Uwe Seeler sprechen: "Wir haben die vergangenen zehn Jahre verschlafen, das muss man so deutlich sagen dürfen. Da braucht sich dann auch niemand zu wundern, wenn der Titel immer in den Süden geht." Rumms, das saß. In der "Welt" vom Dienstag hat sich der ehemalige Stürmer des HSV mal wieder über seinen Verein geäußert. Mal so ausgedrückt: Entspannt geht "Uns Uwe" nicht gerade in die neue Saison. Und klar, seine Sorgen sind natürlich begründet.

Was ist neu?

Der Abschied von Heung-Min Son zu Bayer Leverkusen kann dem HSV noch richtig weh tun. Der Südkoreaner war in der vergangenen Saison zusammen mit dem Letten Artjoms Rudnevs bester Torschütze. Beide brachten es auf 12 Treffer. Aber der Abgang war aus finanzieller Sicht unvermeidbar. Bayer blätterte zehn Millionen Euro für Son hin, von denen der HSV 7,5 erhielt. Geld, das der klamme Bundesliga-Dino gut gebrauchen kann. Das Re-Investment fiel dementsprechend niedrig aus. Nur knapp drei Millionen Euro wurden für Transfers bisher in die Hand genommen. Die Neuen heißen Jacques Zoua (Angreifer vom FC Basel), Hakan Calhanoglu (Mittelfeld vom KSC), Lasse Sobiech (Innenverteidiger von Borussia Dortmund) und Johan Djourou (Innenverteidiger vom FC Arsenal). In die Startelf wird es von den Vieren wohl einzig Sobiech schaffen. Und das auch nur, weil Djourou nach einer Leisten-OP ausfällt.

Neu ist übrigens auch der Sportdirektor. Oliver Kreuzer ist zum Teil für die Transfers verantwortlich. Daran wird er sich schnell messen lassen müssen. Bis jetzt kommt Kreuzer mit seiner hemdsärmeligen und direkten Art ganz gut an bei den Fans.

Was ist gut?

Hallo?! Der HSV hat die erste Runde im DFB-Pokal überstanden. Damit war nach der verheerenden Saison-Generalprobe beim 0:4 in Dresden wirklich nicht zu rechnen. Vier Mal trafen die Hamburger gegen den Fünftligisten SV Schott Jena. Spielerisch enttäuschten sie mal wieder, aber zumindest ergebnistechnisch war das ein sicherer Erfolg. Einer, der dem Verein Ruhe bringt.

Gut ist aber vor allem, dass René Adler nach seiner langen Verletzung rechtzeitig zum Bundesligastart gegen Schalke wieder ins Tor zurückkehrt. Er und Rafael van der Vaart bewegen sich beim HSV verglichen mit dem Rest des Kaders auf einem anderen Niveau.

Mit viel Wohlwollen lässt sich vielleicht noch anfügen, dass die Mannschaft nach nur kleinen Veränderungen weitgehend eingespielt ist.

Was ist schlecht?

Wie schon erwähnt: Son ist weg. Das ist schlecht. Auch weil Rudnevs technisch limitiert ist und Neuzugang Zoua, das hat die Vorbereitung gezeigt, bisher nur wenig Torgefahr ausstrahlt. Im Pokal traf er allerdings.

Hinzu kommt die Abhängigkeit von Rafael van der Vaart. Der Holländer ist der entscheidende Faktor im Spiel des HSV. Das Problem: Die Gegner wissen längst um seine Rolle. Ihn aus dem Spiel zu nehmen, gelingt den Abwehrspielern immer häufiger. So waren es am Ende der vergangenen Saison eben auch nur fünf Tore, die der "kleine Engel" erzielte. Eine magere Ausbeute für einen Fußballer seiner Klasse. Hat van der Vaart gar einen ganz miesen Tag, geht dann schon mal die ganze Mannschaft mit unter.

In der Defensive müssen Absicherung und Umschaltspiel noch besser klappen. Bei der peinlichen Schlappe in Dresden konnte man gut erkennen, wie leicht sich die HSV-Abwehr überrumpeln lässt. Ein Sicherheitsrisiko bleibt zudem in der Innenverteidigung Heiko Westermann, der immer für einen Bock gut ist.

Und dann wäre da noch das Problem mit den Altlasten: Tesche, Kacar, Rajkovic, Scharner und Mancienne, allesamt einst mit fürstlichen Verträgen ausgestattet, sollen gehen. Aber die fetten Gehälter schrecken mögliche Interessenten ab. So bleibt der Kader mit 32 Spielern viel zu groß - und dringend benötigtes frisches Geld für die eine oder andere Neuverpflichtung kommt auch nicht in die leere Kasse.

Was ist möglich?

Bleibt es beim HSV trotz des Maulwurfs im Aufsichtsrat und der haushohen Schulden ruhig, dürften die Hamburger nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Für eine bessere Platzierung, etwa zwischen Platz 8 und 12, müssten Rafael van der Vaart und René Adler schon über sich hinauswachsen und eine überragende Saison spielen. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste aber wohl auch in der Offensive noch nachgebessert werden. Da ist die Decke etwas dünn. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die Hamburger sind fast pleite. Das hat aber auch etwas Gutes: Mit der notorischen Großmannssucht ist es beim HSV erst einmal vorbei.

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