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Bundesliga-TV-Rechte: In den Händen des Strippenziehers

Die Deutsche Fußball-Liga hat sich für sechs Jahre erneut an den Medienmogul Leo Kirch verkauft und glaubt fest daran, 3,45 Milliarden Euro zu kassieren. Der Hamburger SV stimmte als einziger Club-Vertreter dagegen. Eine Folge: Der Sendeplatz der "Sportschau" ist nicht mehr garantiert.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Valeria und Katharina waren von der Deutschen Fußball-Liga am Dienstag eigentlich nur bis um 16.30 Uhr gebucht. Schließlich standen sich die beiden in enge rote Kleider gehüllten Hostessen am Fahrstuhl vor dem fünften Stock der DFL-Zentrale schon seit den Mittagsstunden die Beine in den Bauch. Und immer wieder wurden die beiden von genervten Journalisten gefragt, wann denn die hohen Herren der DFL endlich die schicken Räume in der Guiollettstraße im Frankfurter Westend zu betreten gedenken.

Kurzum: Es hat gestern sechs Stunden gedauert, bis eine historische und außerordentliche Mitgliederversammlung der Liga im Frankfurter Hof zu Ende ging und die DFL-Geschäftsführung den Beschluss öffentlich machte. Und Valeria und Katharina die Mikrofone für die vielen Nachfragen reichten.

3,45 Millarden Euro Einnahmen für die Liga

Christian Seifert, dem DFL-Vorsitzenden, huschte dabei häufig das smarte Lächeln des Siegers übers Gesicht. Schließlich konnte der eloquente DFL-Vordenker für Vermarktungsfragen ein Modell durchbringen, das für die Fußball-Bundesliga in dieser Form revolutionäre Züge trägt. Die Liga darf ab 2009 für sechs Jahre einen Medienumsatz von 3,45 Milliarden Euro erwarten. Allein drei Milliarden sollen aus der Inlandsvermarktung stammen, mit deren Ausschreibung neuerdings die Firma Sirius beauftragt wird. Eine Tochter von KF 15, der Agentur des umstrittenen Medienmoguls Leo Kirch mit dessen Intimus Dieter Hahn als Geschäftsführer an der Spitze!

Weil Kirch an Diabetes erkrankt ist, kaum noch richtig sieht und als sehr öffentlichkeitsscheu gilt, saß Hahn zusammen mit Seifert und DFL-Chef Reinhard Rauball auf dem Podium - das Trio verstand es bei der fast halbstündigen Präsentation, nicht einmal den Namen Kirch zu erwähnen. Doch in Wahrheit trägt das Comeback des bald 81-Jährigen in der Medienbranche maßgeblich dazu bei, dass die Liga künftig mit 575 Millionen Euro im Jahr von 2009 bis 2015 rechnet. Gegenüber den bisherigen 440 Millionen eine opulente Steigerung. Doch dafür schlucken die Ligavertreter auch mit einigem Unbehagen die Kröte, wieder mit Kirch zu kooperieren - dem Sohn eines fränkischen Winzers, der mit KF 15 ein wundersames Comeback feiert.

Seine neue Spielwiese namens Sirius wird - und das ist der Clou des von Seifert und Kirch hinter den Kulissen vorbereiteten Deals - die beiden kommenden Ausschreibungen über die Fernsehverträge durchführen. "Wir haben uns für einen Weg entschieden, der strategisches Wachstum, Innovation und Planungssicherheit verbindet. Die Liga wird bei den Medieneinnahmen Rekorderlöse erzielen", versprach Seifert.

Fertig produzierte Fußballsendungen für Pay-TV

Um mehr Geld einzunehmen, wird die DFL zusammen mit Sirius ein Unternehmen gründen, welches Pay-TV-Sendern als auch Satelliten-Anbietern oder Internet-Platformen eine fertige Bundesliga-Sendung anbietet. Dabei wird Sirius 51 Prozent, die DFL 49 Prozent der Unternehmens-Anteile halten. Als Endprodukt werden quasi fertige Fußball-Sendungen mit Ausschnitten, Interviews und Kommentaren angeboten, "die nur die entgeltpflichtige Anbieter kaufen können" (Seifert). Dieses Angebot gilt ergo nicht für das Free-TV, also ARD, ZDF oder DSF. Seifert wollte denn auch partout glaubhaft machen, "dass die journalistische Unabhängigkeit gewährt bleibt."

Insgesamt soll mit der neuen Vermarktung die Bieterbasis verbreitert werden - künftig könnten neben Premiere auch Kabel Deutschland oder die Telekom an der neuen Form interessiert sein, "weil man ein fertig produziertes Programm erwerben kann", wie Seifert pries. Ein Ansatz, der doch "weltweit einzigartig“ sei. Was man sich davon erhofft, einen Makler der Fernsehware Fußball-Bundesliga zu installieren und eine fertige Bundesliga-Sendung zu offerieren, ist eindeutig: mehr Angebote, mehr Erlöse.

Im Frühjahr 2008 fällt auch erst eine Entscheidung, ob die ARD-Sportschau den bisherigen Sendeplatz behält. "Das kann ich auf keinen Fall garantieren", sagte Seifert, schließlich soll auch auf Premiere ein Angebot zugeschnitten werden - ergo eines, in dem im Free-TV die Bundesliga frühestens um 22 Uhr läuft. Gut möglich aber, dass Premiere der Verlierer der neuen Gemengelage sein wird: Die Aktie stürzt bereits um fast sechs Prozent ab.

Kritik von Premiere an Fertig-Sendungen

Premiere hat sofort mit Kritik auf die Pläne reagiert. Eine Ausstrahlung von fertig produzierten Live- Übertragungen der Fußball-Bundesliga lehnt der Pay-TV-Sender ab. Die eigene Produktion sei ein vom Gesamtprodukt nicht zu trennendes Element, sagte Premiere-Vorstandsmitglied Carsten Schmidt am Dienstagabend. "Wir verkaufen ein hochwertiges Produkt und wollen das auch in Zukunft tun, dazu gehört auch die eigene journalistische Leistung."

"Für den deutschen Fußball ist das ein großer Schritt in die Zukunft“, sagte der neue DFL-Chef Reinhard Rauball. Doch die Bundesliga-Vertreter sind nicht geschlossen von dem Modell überzeugt, dass den Vereinsvertretern "in einer historischen Sitzung", so ein Teilnehmer, abseits der DFL-Residenz im Frankfurter Hof vorgestellt wurde. Und über das anschließend beinahe sechs Stunden lang diskutiert wurde. DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach soll aufgeregt in sein Mobiltelefon genuschelt haben, "man fühle sich überfahren", Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser soll Kritik am Kirch-Comeback angebracht haben.

Der Name Kirch steht schließlich für die größte Finanzkrise der jüngeren Bundesliga-Historie - und der Zusammenbruch des Imperiums ist erst fünf Jahre her. "Doch für solche emotionale Geschichten ist kein Platz mehr", beschied Rauball, dessen Argumente zusammen mit Seiferts begründeten Notwendigkeiten ("Deutschland hat den schwierigsten Pay-TV-Markt der Welt und die Grenzen des natürlichen Wachstums sind erreicht") schließlich die Vorbehalte überstimmten. Schlussendlich wagte es nur der Hamburger SV als einziger Klub gegen das neue Vermarktungsmodell zu stimmen. Die Hanseaten outeten sich damit als Robin Hood des deutschen Profifußballs, der sich zum zweiten Male in die Hand eines nicht ganz koscheren Strippenziehers begibt. Vielleicht stellt die DFL ja Kirch auch schon die Zuschläge für Valeria und Katharina in Rechnung.

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