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Als Spitzenreiter gegen den FC Bayern: Paderborn, my love - so schön war es noch nie

Stern-Reporter Rolf-Herbert Peters wuchs nahe Paderborn auf, ist aber Bayern-Fan. Als Spitzenreiter reisen die Ostwestfalen nun nach München. Seine schwierige Entscheidung: Herz oder Heimat?

Ich weiß gar nicht, ob Sie es wussten, aber ich bin ganz in der Nähe von Paderborn aufgewachsen. Also in der gleichen Ecke wie der Kabarettist Rüdiger Hoffmann. Die Stadt war die Metropole meiner Kindheit, mit Universität, riesiger Einkaufs-Mall (Südring), dem Dom und einem damals leidlich erfolgreichen Fußballverein. Ich mochte und mag Paderborn. Dort zu leben tut gar nicht so weh, wie es sich bei Hoffmann manchmal anhört. Man befindet sich geografisch mitten im Herzen Deutschlands, ist also genau so schnell in Berlin wie in Stuttgart. Die Umgebung ist traumhaft. Die Menschen dort gelten als "rau und reine", was übersetzt so viel heißt wie: Ihre etwas schroffe Unnahbarkeit wird von ihrer Grundehrlichkeit legitimiert. Sie wirken auch irgendwie weltgewandter als Sauerländer oder Schwaben. Da regierte im Dom Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, während sich sein Kommunisten-Cousin Franz-Josef ("Spiel nicht mit den Schmuddelkindern") in der Paderhalle gegen den Klerus wundklampfte.

Die Geburtsstadt von Heinz Nixdorf und Judith Rakers ist zwar bekannt für wenig Tourismus, trotzdem gibt es manche Sehenswürdigkeiten, an denen viele Deutsche in der Vorbundesligazeit bedauerlicherweise immer vorbeireisten, zum Beispiel das Dreihasenfenster im Dom (drei Hasen mit zusammen nur drei Ohren), den kürzesten Fluss Deutschlands (die Pader) und eines der schönsten deutschen Volksfeste, "Libori". Aber nun ist ja der SC Paderborn 07 Tabellenführer der Bundesliga, die manche Experten die beste Liga der Welt nennen, und die Menschen reisen in Scharen an. Eine Stadt, die rechnerisch kaum größer ist als Dortmund – (Leverkusen + Schalke), schreibt Fußballgeschichte.

In Paderborn wurde man früher BVB-Fan

Ich will nicht behaupten, ich sei jemals glühender Paderborn-Fan gewesen. Das wäre eine glatte Lüge (macht man, wie gesagt, nicht als Kind des erzkatholischen Ostwestfalens). Ich war immer Bayern-Fan, von Geburt an, es muss in meinen Genen liegen, ich habe das sogar vererbt. Die Mehrheit der Ostwestfalen hielt nicht zu Paderborn, sondern eher zu Borussia Dortmund. Obwohl mir das körperliche Schmerzen bereitete, fuhr ich manchmal mit ins Westfalenstadion, um wenigstens ein bisschen Bundesligaluft zu schnuppern. Wenn wir dann im Ford Capri meines Bekannten (schwarz-gelbe Sitzbezüge!) auf der A44 Paderborn links liegen ließen, träumte ich davon, dass die Dom-Kicker eines Tages den Bayern-Erzfeind Dortmund so richtig vermöbeln würden.

Aber Paderborn krebste damals in der Amateurliga rum und schaffte nur ab und zu einen Kurzausflug in die Zweite Bundesliga. Sie zeigten in diesen Jahren nicht einmal Stetigkeit im Namen: Erst hießen sie 1. FC Paderborn, dann fusionierten sie mit einem Nachbarort zum TuS Paderborn-Neuhaus und ab 1997 firmierten sie plötzlich unter SC Paderborn 07. Und doch steckte etwas Großes in ihnen, das spürte nicht nur ich. Als ein Stürmer meines Heimatvereins Warburg 08 von ihnen abgeworben wurde, war ich fassungslos. Das wirkte auf mich, als hätte ihn Helmut Schön direkt in die Nationalelf beordert.

Die "Rau und reine"-Qualitäten

Ich glaube zu wissen, warum es die Paderborner heute geschafft haben: Weil sie sich im Innersten auf ihre "Rau und reine"-Qualitäten verlassen. Sie spielen einen harten, aber anständigen Fußball. Verein und Trainer funktionieren. Die Spieler haben verstanden, dass ehrlicher Lohn ehrliche Arbeit voraussetzt, und der Verein hat kapiert, dass ehrliche Arbeit ihr Geld wert ist (teuerste Saisonkarten der Bundeliga!). Moritz "Stoppelinho" Stoppelkamp, der am Samstag aus 83 Meter den Ball gegen Hannover einlochte ("Wonder Goal", schrieb der "Guardian"), brachte die Melange mit begrenztem Wortschatz auf den Punkt: "Wir haben eine geile Truppe, wir haben ein geiles Trainerteam und wir haben ein geiles Umfeld." Was soll man da noch ergänzen?

Am Dienstagabend kommt es nun zur höchsten Belastungsprobe meines Mir-san-mir-Fußballlebens: Der Tabellenerste SC Paderborn 07 reist zum Tabellenvierten FC Bayern München. Schon die Formulierung dieses Satzes ist eine Zumutung, ich schaffe es kaum, ihn fehlerfrei in die Tastatur zu hämmern. Der Verein meines Herzens muss gegen den Verein meiner Heimat ran. Wird es mich zerreißen? Ich weiß es nicht. Ich werde Sky einschalten und mich an ein Radler und eine Tüte Chips klammern.

Wie mein Tipp lautet? Ich gönne Paderborn den Sieg, Bayern wird seine Punkte auf dem Weg zu Meisterschaft woanders holen. Ich wünsche beiden Teams ein Unentschieden. Ich drücke die Daumen, dass die Bayern souverän gewinnen, es aber später in der "Sportschau" heißt: "Paderborn hat eine Leistung hingelegt, die ist reif für die Champions League."

Rolf-Herbert Peters

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