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HSV vor Neuanfang: Jetzt wird ausgekehrt - Van der Vaarts Zukunft unklar

Die Rettung des HSV war eine Millimeterentscheidung. Deshalb überwog bei aller Freude Demut statt Partystimmung. Nun soll beim Bundesliga-Dino ausgekehrt werden.

Bierflaschen kreisten, "Niemals 2. Liga"-Gesänge ertönten - aber nach einer wilden Party wegen des Klassenverbleibs war den Profis des Hamburger SV beim Heimflug nicht zumute. Zum einen fehlte den völlig erschöpften Spielern die Kraft für ein ausgelassenes Gelage, zum anderen war das Überleben in der Eliteklasse überaus glücklich. Scham über das eigene Unvermögen im gesamten Saisonverlauf zügelte die Feierstimmung bei den HSV-Profis. "Am Ende müssen wir einfach nur dankbar sein, dass wir mit zwei blauen Augen aus der Saison gekommen sind", gestand Marcell Jansen.

"2 liga? Niemals niemals niemals . Nur der HSV digga. Fast 6 Jahre schon,habe viele Sache gelebt", twitterte HSV-Profi Tomas Rincon und zeigte Bilder von glücklichen Mitspielern.

"Das war eine harte, beschissene Saison"

Ihre schlechteste Serie in 51 Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit hätten die Hamburger beinahe mit dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte bezahlt. Lediglich 27 Pünktchen aus 34 Spielen, die löchrigste Defensive im gesamten deutschen Profi-Fußball mit 75 Gegentoren, eine erschütternde Auswärtsmisere und zwei Relegationsspiele ohne Sieg gegen einen zumindest gleichwertigen Rivalen haben die Defizite des einstigen Europacup-Siegers schonungslos aufgezeigt. "Das war eine harte, beschissene Saison", gestand Verteidiger Dennis Diekmeier. Trainer Mirko Slomka, der auch im schlimmsten Debakel noch das Positive suchte, gab nach der Rettung zu: "Ich würde fast sagen, dass war meine härteste Zeit als Bundesliga-Trainer."

Jetzt soll der Verein umgekrempelt werden. "Da gibt es ganz, ganz, ganz viel zu tun. Aber richtig viel", bekannte Jansen und appellierte damit an die Führung des Vereins, endlich auszukehren, die Strukturen zu ändern und neues Personal zu installieren. "Noch so eine Saison ertrage ich nicht, sonst bin ich selbstmordgefährdet", sagte der entkräftete Abwehrspieler Heiko Westermann und gab Aufschluss über den gewaltigen Druck, der auf den Profis in den jüngsten Wochen lastete.

HSV will Lasogga halten - van der Vaart eher nicht

Auch die Mannschaft benötigt ein neues Gesicht. Das Team, so wurde im Saisonverlauf deutlich, ist falsch zusammengestellt. "Wir hatten ein paar Spieler auf dem Platz, die in den letzten 20 Minuten nichts mehr im Tank hatten", räumte Slomka nach dem 1:1 in Fürth ein. Für die konditionellen Grundlagen waren seine Vorgänger Thorsten Fink und Bert van Marwijk verantwortlich. Aber auch Slomka konnte nicht glänzen: In 15 Saisonspielen gelangen ihm ganze drei Siege. Damit ihm Ähnliches nicht erneut widerfährt, forderte er: "Wir müssen in vielen Bereichen etwas verändern. Wir brauchen neue Gesichter für unseren Club."

Den ausgeliehenen Torjäger Pierre-Michel Lasogga, geadelt als Lebensversicherung des HSV, würde er gern behalten. "Ich und der Verein würden alles dafür tun, dass er hierbleibt. Aber die Chance ist relativ gering", betont Slomka. Lasoggas Heimatclub Hertha BSC will ihn zurück und wahrscheinlich teuer transferieren. Dagegen würde Sportchef Oliver Kreuzer nicht ablehnend reagieren, sollte ein Club den einstigen, aber seit Wochen neben sich stehenden Spielmacher Rafael van der Vaart verpflichten wollen.

Radikale Änderungen stehen an: Auf der Mitgliederversammlung am kommenden Sonntag wird über die Umbildung der Profi-Abteilung in eine Aktiengesellschaft abgestimmt. Rund 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten drücken den HSV, seit drei Jahren schreibt der Verein Defizite. Gehaltsstruktur und Leistung der Profis driften immer weiter auseinander. Mit neuer Struktur könnten Investoren ins Boot geholt werden. Ob dann Sportchef Kreuzer und Vorstandsboss Carl Jarchow noch im Amt sind, ist fraglich. Doch es herrscht Uneinigkeit bei den Ausgliederungsplänen. So hat sich Ex-Präsident Jürgen Hunke gegen einen Verkauf von Anteilen ausgesprochen. Zoff kündigt sich an - das Markenzeichen des HSV in den vergangenen Jahren. Bleibt also alles wie immer?

Franko Koitzsch und Britta Körber, DPA / DPA

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