HOME

Stern Logo Bundesliga

Pokal-Blamagen für Erstligisten: So stark ist die Bundesliga wirklich

So viele Erstligisten wie selten sind im DFB-Pokal an Underdogs gescheitert. Das spricht weniger für die sprichwörtlich "eigenen Gesetze" des Wettbewerbs als für mangelnde Qualität in der Liga.

Ein Kommentar von Dieter Hoß

Es gehört zu den Lieblingsdisziplinen der Bundesliga, dass sie sich gern selbst feiert. "Premium-Produkt" lautet das Stichwort: volle Häuser, riesige Begeisterung, enge Spiele. Wenn man ehrlich ist, kann mit dem großen Tamtam die Qualität des gezeigten Sports häufig genug nicht mithalten. Das ist schlicht menschlich, denn auf Dauer kann kein Sportler so ungehemmt überdrehen, wie die Vermarktung und auch die mediale Inszenierung es tun. Die Begeisterung, die die Liga dennoch unbestreitbar auslöst, wird zu großen Teilen gespeist durch die Identifikation der Fans mit ihren Vereinen. Erfolg und Misserfolg ihres Clubs sind nicht wenigen Menschen geradezu persönliche Anliegen - und damit ist für reichlich Gesprächsstoff gesorgt.

Wie aber ist es um die Qualität der Liga, die in wenigen Tagen in ihre 50. Spielzeit geht, tatsächlich bestellt? Gefeiert wird sie in den letzten Jahren vor allem als "die ausgeglichenste Liga" der Welt. Das Etikett soll nahelegen, dass Spannung garantiert sei. Doch wie bei jedem Etikett lohnt ein zweiter Blick. Und da ist es ironischerweise ein Pokal-Wochenende, das die Augen öffnet. Gleich sechs Clubs, also ein Drittel der Erstligisten, haben sich in der ersten Runde bis auf die Knochen blamiert - so viel wie lange nicht. Und die Art und Weise, wie vor allem Hoffenheim, der HSV, Werder Bremen oder der 1.FC Nürnberg sich unterklassigen Vereinen beugen mussten, lässt an der viel besungenen Ausgeglichenheit und hohen Qualität zweifeln. Nicht Kampf, Wille und Glück spielten den Dritt- und Viertligisten in die Hände, nein, drei der genannten Vereine gaben gleich zweimal eine Führung aus der Hand; Hoffenheim ging derart sang- und klanglos unter wie selten ein Bundesligist gegen einen Underdog.

Kein Wort von "anderen Gesetzen"

Den Spruch von den "anderen Gesetzen", die der Pokalwettbewerb hat, wollten die Verantwortlichen der gescheiterten Vereine dementsprechend nicht bemühen. Sie ahnen, dass die Resultate eher ein Fingerzeig dafür sind, dass die kommende Saison für ihre Clubs schwer werden wird. Denn auch umgekehrt gibt es Belege: Jene Vereine, die eher in der oberen Hälfte der Ligatabelle erwartet werden, hatten die Klasse - notfalls durch solide Arbeit statt durch spielerischen Glanz - sich letztlich durchzusetzen: Dortmund, Schalke, Stuttgart, Wolfsburg, Hannover, Gladbach (ein Scheitern der Bayern heute Abend im bayerischen Duell gegen Regensburg wäre nur eine Ausnahme von der Regel). Von wegen "eigene Gesetze" im Pokal. Es wurden vielmehr die Gesetze der Liga untermauert, die längst zu einer Mehrklassengesellschaft geworden ist: Die finanzstarken und erfolgreichen Clubs, die die Erfolge unter sich ausmachen, die Vereine, die mühsam um den Anschluss ringen, und der Rest, der sich gegen den Abstieg wehren muss und bestenfalls die Favoriten manchmal ärgern kann.

Das mag mancher beklagen, falsch muss die Entwicklung deshalb noch nicht sein. Ist "die ausgeglichenste Liga der Welt" überhaupt wünschenswert? International erfolgreicher war die Bundesliga jedenfalls zu Zeiten, in denen das Gefälle noch deutlich größer war als heute. In jenen Zeiten, als es noch hohe und gar zweistellige Siege gab, als so mancher Aufsteiger in der Bundesliga eine Eintagsfliege blieb. Damals sprach man von der "besten Liga der Welt" - und sie stellte nicht selten mehrere Vereine in den Halbfinals der europäischen Wettbewerbe. So wie das in den letzten Jahren die englische und spanische Liga taten, deren kleine Riege herausragender Clubs offenbar auch andere Vereine immer wieder zu vereinzelten Höhenflügen animiert. Eine Liga, die sich stolz als besonders ausgeglichen feiert ist eine Liga, die ungewollt zugibt, internationale Spitzenklasse nicht oder kaum hervorbringen zu können. Ein echtes "Premium-Produkt" beinhaltet auch Europacup-Sieger.

Ein Drittel der Bundesliga blamiert sich im DFB-Pokal - nur ein Ausdruck der sprichwörtlich "eigene Gesetze" oder doch ein Beleg für einen Mangel an Qualität in der Liga? Diskutieren Sie mit in der Fankurve, unserer Seite für Fußballfans auf Facebook.

Dieter Hoß
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity