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Skandalspiel von Düsseldorf: Hertha will in der Verlängerung punkten

Wer spielt künftig in Liga 1? Der Streit um das Skandalspiel von Düsseldorf geht in die Verlängerung. Berlin hat Berufung eingelegt und will vor dem DFB-Bundesgericht ein Ass aus dem Ärmel ziehen.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Die Anspannung stand Michael Preetz ins Gesicht geschrieben. Zusammen mit Präsident Werner Gegenbauer verließ der Geschäftsführer Sport von Hertha BSC am Montag um 17.30 Uhr mit entschlossenem Schritt die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Frankfurter Stadtwald. Doch aus dem Mienenspiel war weder Freude noch Trauer abzuleiten. "Wir sind nicht fair behandelt worden", beschied Preetz trotzig. Mehr als sich die Mannschaft über weite Strecken gegen den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga gestemmt hat, kämpft nun die Führungsebene der "alten Dame" noch um den Klassenerhalt. Den sportlichen Abstieg will die Hauptstadt partout nicht hinnehmen und treibt das juristische Nachspiel in die Verlängerung. Fortuna Düsseldorf ist damit immer noch nicht erstklassig.

Kaum hatte nämlich das DFB-Sportgericht um 15.30 Uhr in einer ausführlichen Erklärung den Hertha-Einspruch als unbegründet zurückgewiesen, da ging Berlin auch schon zur Gegenoffensive über. Mit dem gewieften Sportanwalt Christoph Schickhardt hat der Verein einen entschlossenen Fachmann auf seiner Seite. "Wir haben Anspruch auf ein faires und reguläres Relegationsspiel. Wenn der Elfmeterpunkt herausgerissen wird, die Eckfahnen fehlen, Hunde ohne Maulkorb auf den Platz laufen, kann davon nicht die Rede sein."

"Unsere Chancen sind besser denn je"

Der streitbare Experte erklärte, er habe der Berliner Delegation sogleich zum weiteren Beschreiten des Rechtsweges geraten. Überdies sei den Schilderungen des Fifa-Schiedsrichters Wolfgang Stark mit den Angriffen auf seine Person viel zu viel Raum bei der Beweisaufnahme eingeräumt worden. Stattdessen müssten endlich Fernsehbilder her: Aus den Videobeweisen, deutete Schickhardt nebulös an, könne er sogar ein weiteres Ass aus dem Ärmel ziehen.

"In diesem Urteil und in diesem Verfahren hat das Sportgericht nicht den selbstgebildeten Ansprüchen genügt. Es hat von einem positiv besetzten Platzsturm gesprochen. Das ist ein lustiger Begriff für das, was wir gesehen haben", zürnte Schickhardt. Denn: "Die, die als Erstes über den Zaun geklettert sind, waren keine Kinder und hatten keine guten Absichten. Da waren Vermummte dabei, die die Polizei zurückgedrängt hat." Der 57-Jährige: "Unsere Chancen nach der Beweisaufnahme sind besser denn je."

Die vom Sportgericht auf 24 Stunden verkürzte Einspruchsfrist nimmt Hertha wahr, teilte der Anwalt der Berliner sogleich im Foyer mit. Für die Begründung hat der Verein weitere 24 Stunden Zeit, dann entscheidet das DFB-Bundesgericht mit dem früheren Justiziar Götz Eilers über ein Verfahren, "dass es in einer solchen Tragweite noch nie gegeben hat" (DFB-Sportrichter Hans E. Lorenz). Dass der 70-jährige Eilers, bis 2006 noch als Justiziar beim DFB in Anstellung, am Freitag zu einem anderen Urteil kommen könnte, daran klammert sich die Hertha. "Unsere Chancen sind intakt", versicherte Gegenbauer.

"Die Rhythmusstörungen betrafen beide Mannschaften"

Notretter Otto Rehhagel jedenfalls ist von Preetz aufgefordert worden, den Spielern im Training weiter Beine zu machen - ungeachtet der Tatsache, dass neben Gelb-Rot-Sünder Änis Ben-Hatira wohl auch Andre Mijatovic, Thomas Kraft und Lewan Kobiashvilli in einem Wiederholungsspiel gesperrt wären. Sie befinden sich allesamt im Visier des Kontrollausschusses, weil sie Schiedsrichter Stark verbal und körperlich nach dem in jeder Hinsicht entgleisten Relegationsspiel angegangen sind. Zudem befinden sich der Tscheche Roman Hubnik und der Kolumbianer Adrian Ramos bereits in den Vorbereitung mit ihren Nationalmannschaften fürs EM-Turnier und die WM-Qualifikation.

Ginge es nach dem DFB-Sportgericht, dann sollen sie dort auch verbleiben. Eine psychologische Beeinträchtigung habe am 15. Mai nämlich mitnichten vorgelegen, meinte dessen Vorsitzender Lorenz. Darauf hatte die Hertha aber ihren Einspruch nach Paragraf 17 der Rechts- und Verfahrensordnung gestützt. "Die Rhythmusstörungen betrafen beide Mannschaften", so Lorenz. Überdies warnte der 60-Jährige vor der Argumentation mit psychologischer Schädigung: "Wird bald Einspruch erhoben, weil ein dunkelhäutiger Spieler nach Beleidigungen in der 20. Minute danach keinen Ball mehr trifft?"

"Spiele werden nicht am Richtertisch entschieden"

Zudem wirkten die verbalen und körperlichen Attacken gegen den Fifa-Referee nach Ansicht des Richters nicht so, dass man den Schilderungen von einem gefürchteten Blutbad und angeblicher Todesangst bei den Gästen Glauben schenken müsste. Und: Zwei der insgesamt drei Unterbrechungen seien aufs Konto der Hertha-Fans gegangen. Lorenz‘ Urteilsbegründung wirkte in sich eigentlich logisch; merkwürdig nur, dass der ehrenamtlich für den DFB tätige Richter die Tatsache des von den Fans gefluteten Rasens ziemlich verharmloste. Der Platzsturm sei "nicht in feindseliger Haltung" erfolgt. "Sie wollten keine Gewalt. Sie wollten ihre Aufstiegsgefühle ausleben." Nun ja.

Lorenz sprach explizit Stark ein Sonderlob aus; auch an der letzten Nachspielzeit sei nichts zu bemängeln gewesen, "1:30 Minuten waren angezeigt, 1:33 wurden gespielt." Lorenz: "Spiele werden auf dem Platz und nicht am Richtertisch entschieden." Anders wäre es gewesen, wenn ein Spieler verletzt und körperlich attackiert worden wäre - "völlig klar, dann wäre das Spiel annulliert worden", so der Richter. Und wäre der Rasen der Düsseldorfer Arena nicht nach den Unterbrechungen geräumt worden, "hätte eine Spielumwertung stattgefunden". Lorenz schrieb Düsseldorf ins Stammbuch, dass Bundesliga-Tauglichkeit auch im Umfeld nachgewiesen werden müsse: "Der Ordnungsdienst hat komplett versagt, da muss Fortuna noch gewaltig arbeiten." Und weiter warten, bis der Aufstieg wirklich feststeht.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

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