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Interview

ARD zeigt "Inside Borussia Dortmund": BVB-Doku von Aljoscha Pause: "Die Mannschaft ist nur verstehbar, wenn man den Anschlag mitdenkt"

"Inside Borussia Dortmund" gibt tiefe Einblicke in das Innenleben des BVB. Am Samstag zeigt auch die ARD Teile der Doku, die bisher ausschließlich bei Amazon Prime verfügbar war. Regisseur Aljoscha Pause spricht im stern-Interview über das Verhältnis zu den Spielern, den Anschlag und die Derby-Niederlage.

Inside Borussia Dortmund Trailer: Borussia Dortmunds Spieler tanzen und feiern nach einem Sieg in der Kabine

Zum Fußball gehen die Menschen, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Dokumentationen über Fußballteams erfüllen, so gesehen, wohl den Zweck, zu erklären, warum Spiele so ausgegangen sind. Filmemacher Aljoscha Pause, der zuvor bereits Fußball-Dokumentationen wie "Being Mario Götze" oder "Trainer!" gedreht hat, hat für die Doku-Serie "Inside Borussia Dortmund" die BVB-Mannschaft dafür in der vergangenen Saison von der Winterpause bis zum Saisonfinale begleitet.

Für die Doku durfte Pause auch in der Dortmunder Kabine drehen und führte zahlreiche Gespräche mit Spielern und Verantwortlichen. So ist in der Serie der Verlauf einer turbulenten BVB-Saison zu sehen: Borussia Dortmund dominierte in der Hinrunde die Liga, verlor dann aber einen Neun-Punkte-Vorsprung an den späteren Meister FC Bayern. "Inside Borussia Dortmund" ist auf Amazon Prime zu sehen. Die ARD zeigt am Samstag um 17.05 Uhr eine gekürzte Version.

Aljoscha Pause

Aljoscha Pause

Im stern-Interview spricht Regisseur Pause darüber, wer im BVB-Team ihn besonders beeindruckt hat, wie sich der Terroranschlag 2017 auf die Mannschaft ausgewirkt hat und ob er jetzt Dortmund-Fan ist.

Aljoscha Pause, wie kam es zu dem Projekt?
Pause: Die Verantwortlichen beim BVB fanden meine vorherigen Filme gut und haben dann während meiner Dreharbeiten zu Being Mario Götze gemerkt, wie ich konkret arbeite. Das latente Interesse in Bezug auf eine solche Serie über den BVB gab es schon länger und mit mir konnte man sich das vorstellen. Ich persönlich habe schon Trainer und Spieler porträtiert, ein Porträt eines ganzen Vereins stand aber noch auf dem Zettel. Da hat man bei mir offene Türen eingerannt.

Gab es im Vorfeld Absprachen, was Sie filmen dürfen und was nicht?
Im Vorfeld haben wir grundsätzlich nichts ausgeschlossen. Ich sehe mich nicht als Erfüllungsgehilfen – so ein Film muss schon meine Handschrift tragen. Eine solche Langzeitbegleitung funktioniert aber nicht nach Schema F, sondern ist in gewisser Weise eine Art Operation am offenen Herzen. Wie im richtigen Leben muss da Vertrauen wachsen. Gerade in dem oft hermetisch abgeriegelten Bereich Profifußball muss man sehr behutsam ausloten, wo die Grenzen sind.

Wo lagen diese Grenzen bei Ihrer Arbeit? Gab es Situationen, in denen Ihnen gesagt wurde: "Mach mal die Kamera aus"?
Es war eher umgekehrt. Es wäre naiv zu glauben, dass man dort aufschlagen kann und sofort überall reindarf. Man muss sich Bereiche, die man sonst nicht kennt, Stück für Stück erschließen: die Mannschaftskabine, den Mannschaftsbus oder das Trainingsgebäude in Brackel, wo noch niemand vorher gedreht hatte. Irgendwann hatten wir so viel Vertrauen erworben, dass wir uns dort so frei wie die Spieler bewegen konnten.

Aljoscha Pause spricht in der BVB-Kabine mit den Spielern

Aljoscha Pause spricht in der BVB-Kabine mit den Spielern

Wie haben die Spieler auf Sie reagiert?
Die Spieler haben super reagiert. Bei Sebastian Kehl, der gerade neu als Chef der Lizenzspielerabteilung angefangen hatte, hat man am Anfang noch manchmal gemerkt, dass er mal geguckt hat: Aha, was machen die jetzt da? Aber bei den Spielern war nach wenigen Wochen schon der Punkt erreicht, dass der Blick nicht mehr Richtung Kamera ging, wenn wir dabei waren. Das ist immer ein Zeichen, dass sie es als natürliche Situation wahrnehmen.

Gab es da eine Situation, die besonders kurios oder interessant war?
Es war toll, wie sich Marco Reus geöffnet hat, obwohl er zwischenzeitlich verletzt war und sich bei ihm immer die Frage stellte, wie lange es dauern und wie sehr es der Mannschaft schaden würde. Er war trotzdem bereit, uns zur Reha mitzunehmen und auch für Interviews bereitzustehen. Auch dass Torwart Roman Bürki ein so meinungsstarker Typ ist, war mir vorher nicht klar. Dann hat es durchaus auch ein paar witzige Begebenheiten gegeben, wenn zum Beispiel Julian Weigl sich mit Zahnbürste im Mund ins Bild drängte, während wir ein Interview mit Axel Witsel führten.

Die Hinrunde des BVB war sehr erfolgreich in der Saison. Nachdem sie in der Winterpause zur Mannschaft gestoßen sind, folgte eine schwierige Phase, in der Borussia Dortmund am Ende seinen Vorsprung auf den FC Bayern verspielt und die Meisterschaft verpasst hat. Hat das Ihre Arbeit schwieriger gemacht?
Wenn es losgeht und sie haben sofort eine sportliche Flaute, tun sich alle Beteiligten ein Stück weit schwerer – das ist ganz menschlich. Das war aber nicht unspannend für die Doku, im Gegenteil. Denn ich bin ja daran interessiert, keine simple lineare Erfolgsgeschichte zu erzählen, sondern eine Dramaturgie mit Höhen und Tiefen. Aber da habe ich schon gehofft, dass es bald wieder besser läuft, weil sich dann natürlich eher positive Dynamiken für Drehabläufe ergeben. Als sich der BVB dann wieder aus der Bedrängnis befreit hat, waren wir auch noch mehr drin im Team.

Amazon-Doku: Kabine von Borussia Dortmund

Die BVB-Kabine in der Amazon-Doku "Inside Borussia Dortmund"

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Es gab einige Schlüsselspiele in dieser Zeit, die den BVB-Fans lange in Erinnerung bleiben werden. Zum Beispiel das 2:4 im Revierderby gegen Schalke 04 ...
Dortmund stand vor dem Spiel 42 Punkte vor Schalke, es schien eigentlich nur Formsache zu sein, wie hoch man den Rivalen schlagen würde. Nach dieser Niederlage weiter zur Verfügung zu stehen, auch nach dem 2:2 in Bremen, wo man die Meisterschaft wahrscheinlich verspielt hat – das fand ich schon klasse. Es war auch großer Sport, dass sich Michael Zorc ausgerechnet beim Derby gegen Schalke auf der Bank hat verkabeln lassen.

Wie haben Sie die andere ganz bittere Niederlage in der Rückrunde, das 0:5 gegen den FC Bayern, erlebt?
Die Gründe dafür, dass der BVB in der Saison nicht Deutscher Meister geworden ist, sind da sehr gebündelt zu Tage getreten. Normalerweise möchte ich, dass die Deutungshoheit in einer Doku beim Zuschauer bleibt, aber an der Stelle war mir schon wichtig, dass deutlich wird, wo es gehakt hat beim BVB. Zum Beispiel in der Altersstruktur der Mannschaft, bei den Standardsituationen oder möglicherweise auch daran, dass die Kritikkultur im Team noch nicht so weit gediehen ist, wie es notwendig wäre.

Vor zweieinhalb Jahren wurde ein Bombenanschlag auf die BVB-Mannschaft verübt, der auch Thema in der Serie ist. Inwiefern haben Sie als Außenstehender dem Team noch die Folgen angemerkt?
Die BVB-Mannschaft, die zur Zeit unserer Doku aktiv war, ist nur verstehbar, wenn man diesen Anschlag mitdenkt. Mich hat beeindruckt und berührt, wie sehr er Spieler wie Roman Bürki oder Marcel Schmelzer immer noch beschäftigt. Beide haben erzählt, dass sie immer noch einen kleinen Schock erleiden, wenn es irgendwo laut knallt. Bestimmte andere Spieler waren offenbar nicht ohne Weiteres in der Lage, die posttraumatischen Effekte, die durch den Anschlag entstanden sind, zu verdauen und haben den Verein gewechselt. Der BVB-Boss Hans-Joachim Watzke hat es ganz plastisch gesagt: Wenn man nicht mehr in den gelbschwarzen Mannschaftbus einsteigen muss, dann hilft das bei der Verarbeitung enorm.

In Ihrer Serie haben Sie viele historische Exkurse in die BVB-Geschichte eingebaut. Warum nehmen die so viel Raum ein?
Bei diesem Klub gibt es eine bestimmte DNA, die auf das Ruhrgebiet, die Mentalität der Menschen dort und eben auf die Vereins-Historie zurückgeht. Das wollte ich sichtbar machen. Das Erhalten dieser Wurzeln ist für den BVB natürlich eine Gratwanderung, das beschreibt auch Watzke in der Doku: Natürlich muss Borussia Dortmund Wege in der Kommerzialisierung mitgehen, sonst ist man international nicht mehr konkurrenzfähig. Da habe ich es aber als beeindruckend und authentisch empfunden, wie sich die beiden Macher Watzke und Zorc auf diesem Grat bewegen. Ich habe schon den Eindruck, solange die beiden das Ruder in der Hand behalten, wird sich der BVB einen Kern seiner Identität erhalten.

Wie schauen Sie nach diesem Projekt auf den BVB – sind Sie Fan geworden?
Fan geht ein bisschen zu weit. Aber wenn man sich so intensiv einer Sache widmet – und ich habe mich in den letzten neun Monaten mit Haut und Haaren diesem Projekt verschrieben - dann wächst einem so etwas ans Herz. Wenn der BVB jetzt gewinnt, dann bekomme ich ein bisschen das Gefühl, dass dort eine Geschichte weitererzählt wird.

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