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stern vor Ort: Kein normaler Fußball-Abend - wie es sich im Dortmunder Stadion anfühlte

Den Spielern des BVB steckte der Schock noch in den Knochen. Das zeigten sie zumindest in der ersten Halbzeit gegen Monaco. stern-Reporter Uli Hauser war im Stadion und machte sich so seine Gedanken über ein Spiel in Zeiten des Terrors.

BVB Bericht

Der verletzte Marc Bartra auf der Anzeigetafel im Signal-Iduna-Park von Dortmund beim neu angesetzten Spiel zwischen dem BVB und Monaco

Nuri Sahin, der sympathische Dortmunder aus Lüdenscheid, sagte, was zu sagen war. "Wir sind auch nur Menschen", meinte der Fußballer, angesprochen auf die Fußballpartie gegen den AS Monaco, die seine Borussia am Abend mit 2:3 verlor. All die krachenden Fragen, die uns unsere "Rund um die Uhr erreichbar"-Gesellschaft offenbar abverlangt, danach, wie man sich fühlt, danach, wie man damit umgeht, beantwortete der Mittelfeld-Star einer Fußballmannschaft so einfach wie ehrlich. Und es tat so gut, seinen Satz zu hören.

Gestern noch fast gestorben und heute schon wieder zur Auskunft verpflichtet: Einen Tag nach dem Bombenanschlag auf die Dortmunder Fußballmannschaft mussten die Jungs so spielen, als ob nichts gewesen wäre. Ein Wahnsinn, das eine wie das andere.
Ein paar Fans haben das auch so gesehen, und so war das Stadion im Viertelfinale der Champions League vor wenigen Stunden auch nicht so voll. Und alle, die da waren, gaben sich größte Mühe, nett zueinander zu sein. Fast frenetischen Beifall gab es für jeden gelungenen Zweikampf, lautstark die sogenannte Gelbe Wand, keine Minute ohne leidenschaftlichen Gesang. Eine eindrucksvolle Choreografie und freundliche Monegassen, die in Sprechchören den beim Anschlag schwer verletzten Spieler Marc Batra feierten. Und dazu noch "Dortmund", "Dortmund" riefen.

BVB: Als würden die Spieler mit sich ringen

Allein, die Freundlichkeiten reichten nicht. Nicht einmal mit der großzügigen Geste der Monegassen, in der 17. Minute einen Elfmeter zu verschießen (danke dafür!), konnten die Dortmunder an diesem Abend so richtig gut umgehen. Als sich ihre Gäste dann wenig später doch bemüssigten, ein (eigentlich irreguläres) Tor zu erzielen, hatte man oben auf der Tribüne das Gefühl: Naja, einer muss ja damit anfangen. Denn die Dortmunder, noch unter dem Eindruck des Schockerlebnisses des gestrigen Abends, wollten so recht nicht spielen. Es schien, als würden sie mit sich ringen, als hätte sie jemand auf diesen Platz gestellt, genötigt, gezwungen, und sie müssten nun irgendwie mitmachen.

"Ohnmächtig" habe man sich gefühlt, so drückte es Trainer Thomas Tuchel aus; aber bei dem engen Spielplan käme derzeit eben kein anderer Termin in Betracht, so kurz nach dem Überleben. Hochgeschwindigkeits-Auferstehung im Hochgeschwindigkeits-Fußball, so könnte man sagen.

Die Haltung der Dortmunder in der ersten Halbzeit aber war eine andere: Sie mussten, aber sie konnten nicht. Sie schoben sich hinten den Ball zu, unentschlossen und bemerkenswert passiv, und waren sehr froh, dass sie das Spielgerät immer wieder an ihren Torhüter Roman Bürki abgeben konnten, so, als wären sie damit auch in Sicherheit. So, als böte dies Schutz und einen Rückzugsort. Es tat fast körperlich weh, von da oben dem Geschiebe da unten zuzuschauen, da war viel Mitgefühl und die Vorstellung, warum jetzt nicht einer einfach den Ball nimmt und sagt, Leute, das hier geht zu weit und über meine Kraft, wir sind Vorbilder, und jetzt wollen wir allen da draußen mal zeigen, dass man so mit uns nicht umgeht, auch wenn wir viel Geld dafür bekommen. Ich mache nicht mit, das ist unter meiner Würde, ich kann das nicht, ich muss das alles erst verarbeiten. Gestern wollten sie mich noch in die Luft jagen und heute soll ich hier wieder für Glück sorgen, sorry, das ist zu viel.

Das passierte aber nicht. Also mussten wieder die Monegassen ran, und traurig genug, dass nun ein Dortmunder Spieler den Ball im eigenen Tor versenkte - ausgerechnet jener Sven Bender, der für den von Bombensplittern getroffenen Marc Batra in die Mannschaft gekommen war. Spätestens da hätte man sagen können, seht ihr, wir schaffen das nicht, bitte lasst uns in Ruhe. Nachdenken, zum Beispiel.

Aber dann war Pause, und da hat es es bestimmt eine gute Ansprache vom Trainer gegeben, denn in der zweiten Halbzeit kam die Mannschaft wie ausgewechselt aus der Kabine. So, wie das einige vorher gesagt hatten: Wir müssen jetzt dem Terror trotzen und so. Auf der Südtribüne, die ja sonst so gern den Kommerz geißelt, wenn der in Form von Red Bull Leipzig daherkommt, dem bösen Dosenklub, sah man nur ein einziges und winziges Plakat, auf dem was Richtiges stand: "Fuck Uefa". Also die, die mehr oder minder den ganzen Rummel mit zu verantworten haben, dass man keine Zeit zum Innehalten bekommt, als Fußballer und als Mensch.

Aber irgendwie war das plötzlich kein Thema mehr, als die Dortmunder wie entfesselt in den Strafraum des AS Monaco eindrangen und ein Tor schossen; und die anderen Dortmunder im Stadion standen von ihren Sitzen auf und es wurde laut und groß und stark. Borussia, Hey Hey, Borussia, Ho, Ho, immer wieder. Und oben auf der Tribüne wieder der Träumer, der sich als Reporter verkleidet hatte und dachte, jetzt geht es los, das ist wie im Märchen, wenn sich die Schwachen gegen die Starken aufbäumen und am Ende gewinnen, trotz aller Verletzung. Wenn sie so weiterspielen und Haken schlagen, dann machen sie jetzt noch ein Tor und vielleicht noch eins und alles wird gut. Diese Gedanken waren eine Erholung, es war eine schöne Zeit, keine Chance dem Terror.

Die Fans aus Monaco riefen wieder "Dortmund"

Doch dann, elf Minuten vor dem Ende, war da plötzlich wieder so ein Rückfall in die Unentschlossenheit und das Zaudern aus der ersten Halbzeit. Weil die ganze Angst und das Gefühl, wie klein und angreifbar ein jeder von uns ist, so hilflos und zerbrechlich, weiter in den Knochen steckte. Und ein Spieler im Gedanken wohl nicht bei der Sache war und den Ball verschenkte. Das ist zumindest eine Erklärung, es könnte eine sein. Und was sollten die Monegassen nach dieser Einladung auch anderes tun, sie machten dann noch ein Tor und beendeten die Träumerei, fürs Erste. Es gab dann doch noch ein zweites für die Borussia, aber die anderen hatten nun mal eines mehr. Und dann war Schluss, und alle bedankten sich beieinander.

Aber in einer Woche, beim Rückspiel, da brauchen die Borussen auch nur zwei Tore, sie müssen nur auf ihr eigenes aufpassen, dass da niemand reinschießt, vorsätzlich nicht und aus Versehen auch nicht. Und dann, mit dem Geist dieses Abends in Dortmund, an dem so viele wirklich freundlich miteinander umgingen, und Friede war, dann könnte es klappen.

Die Fans aus Monaco nämlich, die riefen, als alles vorbei war, im Stadion wieder sehr laut "Dortmund, Dortmund", und klatschten dabei in die Hände. Das ist, glaube ich, ein gutes Zeichen. Sie sind ja auch nur Menschen. Und wissen, dass Verlieren dazu gehört.

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