HOME

Champions League: Alte Liebe, Leidenschaft und Kokain

FC Bayern gegen AC Florenz. Oder: Luca Toni gegen Alberto Gilardino und Adrian Mutu (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker). Die Laufbahn der drei Stürmer hat einige Brisanz zu bieten. Toni und Gilardino sind Rivalen in der Squadra Azzura, der geniale Mutu kämpft mit den Folgen eines Kokainskandals.

Von Jens Fischer, München

Vergangenen Samstag, Spielminute 75 beim Spiel des AC Florenz gegen Reggina Calcio: Florentina-Stürmer Alberto Gilardino war gerade einmal vier Minuten im Spiel, als er den ersten seiner beiden Treffer erzielte. Florenz siegte locker mit 3:0, Gilardino befindet sich in herausragender Verfassung.

Genau das will der 26-Jährige auch beim Champions-League-Gastspiel seiner Violetten bei den Bayern unter Beweis stellen. Sechs Tore in acht Ligaspielen, zwei Treffer in den bisherigen zwei Champions-League-Partien und momentan Stammspieler in der italienischen Squadra Azzura – auf die Bayern-Verteidiger wartet mit Gilardino einer der schwersten Aufgaben der Saison. Nicht umsonst sagte Florenz-Coach Cesare Prandelli am Montag in München: " 'Gila' ist in Top-Form. Er kann international den Unterschied ausmachen". "Alberto hat einfach die richtige Einstellung." Und dazu noch genau die Leidenschaft, die es vor dem Tor braucht, um erfolgreich zu sein.

Gilardino klaut Toni den Platz

Demichelis, Lucio und Co. sollten sich also schnellstens ein paar Tipps von einem Kollegen holen. Luca Toni, Ex-Florentiner und Gilardinos direkter Sturm-Rivale in der italienischen Auswahl, wird wissen, wie man den brandgefährlichen und emotionsgeladenen Angreifer in den Griff bekommt. Immerhin wurde Toni von diesem der Platz in der italienischen Nationalmannschaft geklaut. Zuletzt in der WM-Qualifikation gegen Bulgarien spielte Gilardino, Trainer Marcello Lippi verbannte Toni auf die harte Bank.

Dennoch will Toni von gegenseitigen Animositäten nichts wissen. "Alberto und ich sind gut befreundet. Ich wünsche ihm viele Tore, nur gegen die Bayern natürlich nicht", sagte er blendend gut gelaunt mit seinem Zahnweiß-Lächeln am Montag. Dabei hatte Toni eigentlich nur wenig Grund zum Strahlen. Im Infight mit dem Karlsruher Maik Franz am Samstag zog sich Toni eine schmerzhafte Rippenprellung zu. Ob er am Dienstagabend gegen seinen Ex-Club auflaufen kann, wird sich erst kurz vor dem Spiel entscheiden, auch wenn sich die Anzeichen verdichten, dass Toni spielen wird.

Tonis "Spiel des Jahres"

Ein Fehlen Tonis käme für diesen fast einem persönlichen Drama gleich. In 67 Ligaspielen hat Toni 47 Tore für Florenz erzielt und 2006 den "Goldenen Schuh" als erfolgreichster Torjäger Europas gewonnen. Der 31-Jährige hat für sein "Spiel des Jahres" die gesamte Familie nach München eingeladen. "Zwei wunderschöne Jahre" habe er bei seiner "alten Liebe" Florenz verbracht, eine Zeit, die er nie vergessen werde. Auch die Florentiner loben Toni in den höchsten Tönen: "Luca hat so viele Verdienste. So viel habe ich noch lange nicht erreicht", meint zum Beispiel Gilardino.

Aber wie das so ist im Fußball: Das Gestern zählt nicht mehr, das Heute ist entscheidend. Und da hat Toni momentan große Probleme. In der Bundesliga trifft er seit vielen Spielen nicht mehr und wirkt ohne Selbstvertrauen. Deswegen soll für ihn das Spiel gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber auch so etwas wie ein Befreiungsschlag werden. "Luca ist bis in die Haarspitzen motiviert", versicherte Jürgen Klinsmann den Medienvertretern. Das darf man bei so einem Spiel erwarten. Nur: Auch ins Tor muss er wieder treffen. Erst dann hätte Toni wirklich einen wunderschönen italienischen Abend.

Mutu – skandalös und genial zugleich

Die "magische Verbindung" zwischen Toni und Gilardino heißt Adrian Mutu. Der zweite Star-Stürmer der Florentiner hat seine Knieverletzung auskuriert und ist "Gott sei Dank" (O-Ton Trainer Prandelli) gegen die Bayern wieder mit an Bord. 33 Ligatore hat der Rumäne in den letzten beiden Jahren für Florenz erzielt und vor allem: Er hat sowohl mit Toni als auch mit Gilardino im Sturm gewirbelt. Aber Mutu ist anders als die beiden.

"Mit Gilardino macht es mehr Spaß, der ist nicht so eigensinnig wie Toni", ließ Mutu gewohnt selbstbewusst in Richtung München verlauten. Mutu ist nicht "Mamas Liebling" wie Toni oder Gilardino. Mutus Karriere ist gepflastert mit Skandalen. Vor vier Jahren wurde in Mutus Blut nach seinem Wechsel zum FC Chelsea Kokain nachgewiesen. Der exzentrische Angreifer war endgültig zum Opfer privater Probleme und Verfehlungen geworden. Frau und Kind hatten sich von ihm getrennt, Mutu suchte Trost in der Londoner Clubszene. Und fand diesen im Kokain.

Eine unglaubliche Strafe

Chelsea entließ Mutu und verklagte ihn wegen Vertragsbruchs. Erst jüngst wurde vom Internationalen Sportgerichtshof (Cas) das Urteil gefällt: Unglaubliche 17,7 Millionen Euro Strafe soll Mutu an Chelsea zahlen. Noch ist nichts endgültig entschieden, aber die Episode passt zu dem "verzogenen Kind" (Zitat eines rumänischen Psychologen) Mutu.

Aber nun scheint der rumänische Nationalspieler in Florenz die Wende zum Positiven geschafft zu haben. Unter Cesare Prandelli ist er zum Stammspieler avanciert und bildet mit Gilardino ein Duo von internationalem Spitzenformat. "Glauben Sie, dass sie zusammen mit Adrian Mutu eines der besten Sturmduos der Welt bilden", wurde Gilardino am Montag in München gefragt. "Das halte ich für etwas übertrieben", war dessen Antwort. Bevor er diese aussprach, musste er aber sehr gut überlegen.

Wissenscommunity