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Champions League: Barcas brillante Antwort

Allen Abgesängen zum Trotz zieht der FC Barcelona ins Champions-League-Viertelfinale ein. Messi und Co. zaubern wie in besten Tagen. Nun kehrt auch noch Trainer Vilanova früher zurück als gedacht.

Von Maximilian Koch

Es gab diesen einen Moment am Dienstagabend, als das Barca-Comeback am seidenen Faden hing. Der Mailänder Montolivo hatte den Ball unkontrolliert in die gegnerische Hälfte geschossen, es war ein Befreiungsschlag, kein gezielter Pass. Doch Barcelonas Mascherano, mit nur 1,74 Meter einer der kleineren Innenverteidiger auf dieser Welt, sprang nicht hoch genug, er streifte den Ball nur – und gab somit die perfekte Vorlage für Milans Sturmtalent Niang. Der 18 Jahre alte Franzose rannte allein auf Torhüter Valdes zu, visierte das linke Eck an – aber er hatte Pech: Sein Schuss klatschte an den Außenpfosten. Vertan war die große Chance zum 1:1. Es wäre die Vorentscheidung gewesen, die Katalanen hätten dann noch drei weitere Treffer für den Einzug ins Champions-League-Viertelfinale gebraucht. Eine Minute später traf Messi zum 2:0 – und der Widerstand der Italiener war endgültig gebrochen.

Natürlich wäre ein Weiterkommen des AC Mailand nicht verdient gewesen. Wohl selten zuvor wurde der dreifache Champions-League-Sieger so dominiert wie an diesem Abend. Von einem Team, das beim 0:2 im Hinspiel keine nennenswerte Torchance herausgespielt hatte. Doch das Barca vom Dienstag war ein anderes Barca. Es war nicht das Barca aus dem Hinspiel. Es war das alte Barca. Die beste Mannschaft der vergangenen Jahre, die an guten Tagen jeden Gegner in den Wahnsinn treiben kann mit ihrem Pressing und Tempofußball. Am Dienstag war so ein Tag. Barca umzingelte Milan tief in dessen Hälfte, kombinierte auf engstem Raum und nutzte jeden Fehler der Lombarden aus. Und die gab es reichlich. Weil die Spanier sie dazu zwangen. Nach dem am Ende standesgemäßen 4:0 gab es wohl niemanden im Camp Nou, der nicht diesen Gedanken im Kopf hatte: Der Sieg in der "Königsklasse" geht auch in diesem Jahr nur über den FC Barcelona.

Barca zuletzt mit ungewohnten Schwächen

Danach hatte es vor ein paar Tagen noch nicht ausgesehen. Zwei Niederlagen gegen den Erzrivalen Real Madrid, eine im Pokal, eine in der Meisterschaft, und jenes seltsam lustlose Achtelfinal-Hinspiel in Mailand – Barca machte nicht in den Eindruck, als sei in dieser Saison der ganz große Triumph in Europa möglich. Daran änderte auch die souveräne Tabellenführung in der spanischen Meisterschaft nichts. Die Katalanen wirkten in vielen Partien ideenlos, es fehlte zudem das Engagement vergangener Tage.

Zu abhängig schien das Team von Weltfußballer Lionel Messi, der die Last, eine Elf fast allein auf Kurs zu halten, freilich beeindruckend trägt: 40 Tore hat der Argentinier in der Liga schon wieder geschossen, sieben sind es in der Champions League. Doch wenn Messi mal einen schlechten Tag erwischt, ist es schnell vorbei mit dem Zauber. So wie bei der Niederlage gegen Milan vor drei Wochen.

Zugleich offenbart die Abwehr Barcelonas in dieser Spielzeit ungewohnte Schwächen. Kapitän Puyol sucht wie Nebenmann Piqué nach seiner Form, die Außenverteidiger Alba und Alves haben ihre Stärken klar in der Offensive. Dass Barca inzwischen auch gegen kleinere Mannschaften der Primera Division regelmäßig Gegentreffer hinnehmen muss, ist kein Zufall. Konzentration und Souveränität sind Barca abhandengekommen.

Trainer Vilanova plant wohl frühere Rückkehr

In Spanien rätselte man wochenlang über die Krise der einstigen Überflieger. Und fast alle Zeitungen kamen zu demselben Ergebnis: Die Abwesenheit von Trainer Tito Vilanova hat den größten Anteil an der Schwächephase. Seit Mitte Januar befindet sich der Coach in New York, lässt sich dort wegen seines Krebsleidens an der Ohrspeicheldrüse behandeln. Und auch wenn Vilanova regen Kontakt zur Mannschaft hält – er telefoniert sogar während der Spiele mit Interimstrainer Jordi Roura – fehlt er Barca enorm. "Es ist nicht normal, dass der Trainer nicht da ist", sagt Andres Iniesta. "Das ist nicht einfach." Auch eine Mannschaft wie der FC Barcelona, das haben die vergangenen Wochen gezeigt, kommt nicht ohne eine echte Führungsfigur aus.

Da passt es gut, dass Vilanova offenbar früher wieder auf der Bank sitzt, als zunächst angenommen. Am Rande des Champions-League-Spiels am Dienstag sickerten Meldungen durch, der 44-Jährige kehre bereits am 25. März nach Spanien zurück. Das sagte der frühere Club-Spieler und -Trainer Carles Rexach im katalanischen Fernsehsender TV3. Nach den bisherigen Plänen sollte Vilanova erst am 2. April wieder in Spanien sein. Stimmen die Berichte, übernimmt der Coach rechtzeitig zur heißen Phase der Saison wieder das Zepter: Anfang April steht das Viertelfinale in der "Königsklasse" an. Das Barca vom Dienstag, angeleitet von Vilanova - für die Konkurrenz sind das keine guten Aussichten.

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