HOME

Champions League: Die edlen Ritter des FC Barcelona

Der VfB Stuttgart trifft im Achtelfinale der Champions League auf Titelverteidiger Barcelona (ab 20.45 im stern.de-Liveticker). Barca ist derzeit der europäische Vorzeigeclub. Denn Trainer Guardiola bringt seinen Spielern nicht nur bei, Tore zu schießen - sondern auch Demut und Höflichkeit.

Von Ronald Reng

Als er im vergangenen Sommer zum VfB Stuttgart wechselte, hatte Alexander Hleb alles, was es braucht, um sich bei den neuen Mitspielern beliebt zu machen. Er hatte Geschichten vom FC Barcelona zu erzählen. Berichte aus dem Innenleben des überwältigenden Champions-League-Siegers 2009, der an diesem Dienstag im Achtelfinal-Hinspiel in Stuttgart (ab 20.45 im stern.de-Liveticker) antritt, sind Nachrichten aus dem Paradies für den Rest der Fußballwelt.

Also, erzählte der weißrussische Mittelfeldspieler Hleb, der eine Saison bei Barça arbeiten durfte, seinen Kollegen in Stuttgart, sie sollten sich das mal vorstellen: Einen Audi habe jeder Barça-Spieler als Sonderprämie für den Champions-Leauge-Sieg bekommen, er habe sich den A 6, ein Luxusmodell, bestellt. Da sei Xavi Hernández, Taktgeber im Barça-Spiel, zu ihm gekommen: "Alex, kannst du nicht einen kleineren Wagen auswählen? Wir bekommen die Autos geschenkt, da wollen wir es nicht übertreiben."

"Sei elegant im Spiel wie in deinem Verhalten"

Hleb fand die Episode ulkig. Er hat nicht verstanden, dass in ihr die Basis von Barças Erfolg zum Vorschein kommt: Bescheidenheit. Wie kein anderer Verein hat es der FC Barcelona verstanden, nicht nur das Passen, sondern auch das Denken seiner Profis zu schulen. Der beste Fußballer ist der, der durch seine Aktionen die Mitspieler besser macht; der größte Fußballer ist der, der nie vergisst, dass er nur ein kleiner Teil einer Mannschaft ist - das ist die Essenz der Barça-Schule. Und so ist ein neuer Typus Fußballstar entstanden: Lionel Messi, Weltfußballer des Jahres, oder Xavi Hernández, offiziell bester Spieler der EM 2008, haben den Glauben verinnerlicht, dass Demut und Höflichkeit auch für einen phänomenalen Fußballer keine schlechten Werte sind. All diese Ehrungen für einzelne Barça-Spieler seien "in Wahrheit Auszeichnungen für die Erziehung, die wir bei Barça erfuhren", sagt Xavi: "Sei elegant im Spiel wie in deinem Verhalten."

Nun, da sich Barca der schwierigsten Herausforderung des Fußballs stellen muss - in der Saison nach dem totalen Erfolg weiter erfolgreich zu bleiben -, setzt der Klub radikaler denn je nur noch auf sich selbst und seine Erziehung. Im Januar beim Ligaspiel in Gijón standen acht Spieler in der Elf, die Barça selbst großgezogen hatte: eine in diesem globalisierten Sport unerreichte Anzahl. In Stuttgart werden Kräfte wie Xavi und Dani Alves verletzt fehlen, und Trainer Pep Guardiola wird sie wieder selbstverständlich mit 19-, 20-Jährigen aus der eigenen Schule wie Jeffren Suarez und Thiago Alcántara ersetzen. Thiago, Sohn des brasilianischen Weltmeisters von 1994 Mazinho, schoss am Samstag beim 4:0 über Santander sein erstes Tor bei den Profis.

Die Öffentlichkeit lechzt nach Ronaldos

Barcelona ist mit nur einer Niederlage in 22 Spielen Tabellenerster in Spanien vor Real Madrid, das dem anderen, dem herkömmlichen Fußballstar huldigt: dem Heldenspieler, den Flash-Gordon-Typ wie Cristiano Ronaldo, der vermeintlich ganz allein Fußballspiele gewinnt und das Glitzernde auch jenseits der 90 Minuten nicht ablegt. Und es stimmt ja: Die Öffentlichkeit lechzt noch immer mehr nach den Ronaldos als nach den Xavis, auch in Deutschland - das ist das Bittere und Unverständliche für eine junge Generation von Fußballern um Philipp Lahm und René Adle. Spieler, die sehen, wie etwa Bayern Münchens Flügelstürmer Arjen Robben für spektakuläre Dribblings gefeiert wird, die aus Sicht der Barça-Lehre nichts als selbstverliebt und letztlich taktisch dumm sind.

Der derzeitige Triumph von Barça mit seinem Modell vom bescheidenen Fußballer ist deshalb auch ein Sieg über das älteste Vorurteil des Profisports: Der Edle gewinne nicht. "Xavi ist ein guter Mensch", sagt Trainer Guardiola über Barças Musterschüler, "in seiner Freizeit geht er sogar Pilze sammeln."

"Wir dürfen keine Angst haben"

Den Stuttgartern, die nach verkorkster Vorrunde reichlich überraschend ins Achtelfinale der Champions League eingezogen sind, dürfte das alles reichlich egal sein. "Wir sind krasser Außenseiter", weiß VfB-Manager Horst Heldt, und der ehemalige Barca-Profi Hleb fürchtet: "Das wird ganz, ganz schwer, die Chancen stehen 10 zu 90 Prozent:" Wer sich daran erinnert, wie der FC Barcelona durchs vergangene Jahr marschiert ist und wie schwer sich der VfB auf europäischem Parkett tat, der könnte da noch optimistisch finden. Aber Hleb hat eine Idee: "Wir dürfen keine Angst haben, in Ballbesitz zu kommen."

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden.

FTD

Wissenscommunity