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Champions-League-Nachklapp: Adrenalin pur

Wer Fußball nicht mag, ist selbst schuld. Ein Besuch im Bremer Weser-Stadion würde so manchen von seinem Anti-Fußball-Syndrom befreien.

Von Klaus Bellstedt

Gibt es sie eigentlich noch, die bemitleidenswerte Spezies Mensch, die sich nicht für Fußball interessiert? Ja, man hört davon - immer wieder. Es wäre vermessen, das versprengte Grüppchen der Anti-Fußballer als krank zu bezeichnen, aber - und diese Bemerkung sei dem objektiven Sportjournalisten mit dem Hang zum Fanatismus erlaubt -, diesen Leuten fehlt etwas Elementares in ihrem Leben. Oder hatten Sie schon mal einen 90-minütigen Adrenalin-Kick? Fußball-Freunde (nennen wir sie ruhig mal die Guten) kennen dieses Hochgefühl, dafür werden sie von den Bösen (in unserem Fall also die Ahnungslosen) beneidet.

Aber - und das ist die gute Nachricht - es ist noch nicht zu spät. Noch gibt es Hoffnung für die kränkelnde Minderheit, die im tristen Hamsterrad sitzt und die Guten voller Neid wahlweise im Samstag-Mittwoch-Rhythmus in die Augen blickt. Ein Tipp: Gehen Sie zu Ihrem Fußball besessenen Hausarzt und lassen Sie sich ein Rezept über ein Ticket für das Bremer Weser-Stadion verschreiben. Über die durchaus einzukalkulierenden Risiken und Nebenwirkungen wird Sie dann schon Ihr Sitznachbar aufklären. Gut möglich, dass er Ihnen etwas von akuten Kreislaufproblemen oder Herzflattern erzählt. Versuchen Sie daran aber vorerst nicht zu denken, sondern lassen Sie ganz einfach das Spektakel auf dem Grünen Rasen auf sich einwirken.

"Sechs-Minuten-Wahnsinn"

Ein paar Genesungs-Chancen haben Sie allerdings schon verpasst, die letzte am Mittwoch beim Champions-League-Spiel der Bremer gegen Udinese Calcio. Jeder der über 35.000 Fans in der Arena wird diese Begegnung in seinem Leben nicht vergessen. Es war ein Fußball-Thriller, spannender als jeder Horror-Streifen, bei dem Wes Craven Regie geführt hat. Im vorentscheidenden Gruppenspiel glänzte Werder mit einem fulminanten Start, führte schnell mit 2:0, legte in der 51. Minute gar einen dritten Treffer nach. Wieder einmal zelebrierte das Team von Trainer Thomas Schaaf Fußball der allerersten Klasse - Leidenschaft, Kampf und Spielwitz inklusive. Die Zuschauer hielt es nicht mehr auf ihren Sitzen, bis das Unfassbare passierte.

Innerhalb von sechs Minuten verspielten die bis dahin so brillant aufspielenden Norddeutschen ihre komfortable Drei-Tore-Führung. Die Werder-Anhängerschaft erstarrte zur Salzsäule und schrie einen stummen Schrei aus, so als hätte man ihr das grün-weiße Herz herausgerissen. Nach dem "Sechs-Minuten-Wahnsinn" schien die Mannschaft mausetot, die Beine der Spieler blockiert. Klose und Co. bewegten sich im Zeitlupentempo über den vom Nieselregen aufgeweichten Rasen imWeser-Stadion. Keiner hätte zu diesem Zeitpunkt auch nur einen Cent auf diese in ihr Verderben laufende Mannschaft gesetzt. Alles sprach jetzt für die Gäste aus Udine. Aber, und genau das meinen die Guten, wenn sie von der 'Faszination Fußball' sprechen, es kam wieder anders.

"Bei uns ist immer was los"

Angetrieben von ihrem genialen Regisseur Johan Micoud, der in diesem denkwürdigen Match die vielleicht stärkste Leistung seiner Karriere ablieferte, mobilisierte Werder die letzten Kräfte und schwang sich zum Schlussspurt auf. Und der wurde tatsächlich vom Erfolg gekrönt. In der 67. Minute gelang den Bremern der frenetisch umjubelte Siegtreffer. Aber dummerweise war der Achterbahn-Fußball, der die Sinne der Zuschauer verwirrte, noch längst nicht vorbei. Auf der Tribüne wurde gezittert. Man mochte nicht mehr hinsehen. Angriff auf Angriff rollte auf das Bremer-Gehäuse zu bis, ja bis der Schlusspfiff ertönte. Der Jubel danach war anders als sonst, irgendwie gespenstisch. Wildfremde Menschen (wahrscheinlich auch einige Böse) lagen sich in den Armen, so als hätten sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Mit zitternden Knien verließ die Werder-Gefolgschaft die Arena am Weserbogen, die schon Schauplatz so mancher Europapokal-Schlacht war. Die Zuschauer in Bremen sind Gefühlswechselbäder gewohnt, aber so eine Horror-Show hatten sie noch nie erlebt.

Thomas Schaaf fand nach dem Psycho-Schocker als Erster seine Sprache wieder, wenn auch in gewohnt einsilbiger Form. "Bei uns ist immer etwas los. Das kann man ruhig an jeden weitergeben." Wen er damit meinte, war klar: die bösen Ahnungslosen. Für sie bietet sich am 7. Dezember die nächste Gelegenheit auf eine Befreiung vom Anti-Fußball-Syndrom. Dann empfangen die Grün-Weißen am letzten Champions-League-Spieltag Panathinaikos Athen. Spektakel garantiert!

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