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Leseprobe "Zockerliga": Mit viel Adrenalin im Körper

Zwischen Fußballplatz und Pokertisch hat sich das Leben des früheren St.-Pauli-Profis René Schnitzler abgespielt. Wie groß Spiellust und Spielsucht unter Profi-Fußballern verbreitet ist, haben er und andere Top-Kicker für das Buch "Zockerliga" erzählt. Ein Textauszug.

Es dauert ein bisschen, aber man kann die Leute finden, die von illegalen Hotelrunden in Hamburg erzählen. Die regelmäßig dabei sind und die Namen der Häuser nennen, die von den Teilnehmern berichten, auch von Fußballprofis. Die Partien finden in unterschiedlichen Hotels statt. Alle haben riesige Suiten, fünf Sterne und einen Blick auf die Alster. Etwa acht Mal im Jahr kommen hier Pokerspieler zusammen, aus Hamburg die meisten, manche reisen auch aus Berlin an. Der Mindesteinsatz der Runden liegt bei 1 000 Euro pro Spieler. Oft betreten Pokerspieler die Sui ten, die mehr als 30.000 Euro im Brustbeutel stecken haben. Auf ein paar tausend Euro kommt es den wenigsten an.

Ein Richter hat hier schon gespielt und ein Staatsanwalt, auch ein Zahnarzt, ein Spielhallenbetreiber und ein Schauspieler. Mit ihnen zockten professionelle Pokerspieler und Bordellbesitzer. Und eben Fußballer. Die sind besonders gern gesehen. Sie garnieren die Runden: Alle wollen mit Fußballstars am Tisch sitzen und sich mit ihnen messen.

Pokertisch und Protituierte

Eine Suite, die für eine solche Hotelrunde angemietet wird, besteht aus mindestens drei Zimmern. In einem der Räume eröffnen die Veranstalter ihr "Office", wechseln Geld in Jetons und Jetons in Geld. In der Lounge-Ecke rich tet das Hotel ein Buffet an, es gibt das in feinen Kreisen übliche Fingerfood, Saté-Spieße zum Beispiel, Garnelen, erlesene Käsesorten. Die Bar ist gut bestückt, doch die meisten Spieler trinken Kaffee oder Cola.

An manchen Tagen treten auch Prostituierte in Slip und Stiefeln auf. In der Nähe des Pokertisches haben die Frauen aber nichts zu suchen. Dort herrscht Konzentration. Doch von den rund 20 Gästen spielen ja nicht immer alle. Zumal die Hotelrunden vom Samstagabend bis weit in den Sonn tag hinein reichen. Manchmal dauert die Veranstaltung so lange, dass der Dealer am Pokertisch ausgetauscht werden muss. Der Ausrichter trägt Anzug, sein Dealer am Pokertisch auch, die Gäste dürfen anziehen, was sie wollen. Wichtig ist nur, dass sie aggressiv spielen. Aggressives Spielverhalten erhöht den Umsatz und damit den Erlös der Veranstalter.

Die Mindesteinsätze sind nicht gering. Der Small Blind liegt bei zehn Euro, der Big Blind bei 20 Euro, 40 Euro kostet ein zusätzlicher Live Straddle. Der erste Spieler, der setzt, erhöht im Durchschnitt auf 130 bis 150 Euro. Manche gucken ihre Karten dabei nicht mal an, spielen Hände blind für 300 Euro. Auch so genannte Side-Wetten sind üblich, über alles, was man sich nur so vorstellen kann. Viel Bargeld wechselt den Besitzer während einer Hotelrunde, und weil man nie weiß, wie Verlierer reagieren, heuern die Veranstalter jedes Mal zwei Sicherheitsleute an. Doch richtigen Streit gab es bisher kaum. Meistens kommen die Aufpasser nur zum Einsatz, wenn ein Spieler sich Begleitschutz erbittet. Das passiert schon mal, wenn einer die Runde mit einem Bündel Bargeld verlässt und ausschließen will, dass ihm auf dem Weg zum Auto aufgelauert wird.

Marcell Jansen, der Vernünftige

Auch Marcell Jansen, beim Hamburger SV und in der deutschen Nationalmannschaft auf der linken Seite eingesetzt, hat schon in einer der Hotelrunden gesessen. Er wurde eingeladen, im Frühjahr 2010. "Ich wollte mir das einmal anschauen", sagt er. Jansen pokert gern, das Spiel fasziniert ihn. "Dazu stehe ich auch. Ich möchte offen damit umgehen, habe da nichts zu verbergen." Der Nationalspieler sagt, er besuche alle paar Monate mal eine Spielbank, das Kasino Esplanade in der Hamburger Innenstadt oder das Kasino in Venlo, allerdings ohne dabei abzuheben. "Da spiele ich Cash-Game, den Blind für zwei Euro pro Runde, ich bin da ziemlich konservativ." Seinem Poker-Budget setzt er einen engen Rahmen. Einmal, erzählt Jansen, habe er in der Spielbank in Venlo 700 Euro gewonnen, das sei sein bislang größter Coup gewesen. "Wenn ich mal den einen oder anderen Euro zu viel verloren habe, höre ich auf. Ich bin dann sauer und will nicht mehr weiterspielen." Leute, die mit Jansen gezockt haben, beschreiben ihn als vernünftigen Pokerspieler. Er selbst findet, dass er zumindest kein schlechter sei. "Ich kann einschätzen, wann ich Harakiri und wann ich gut spiele."

Neben Marcell Jansen zeigen auch die Niederländer beim Hamburger SV Geschick am Pokertisch, Romeo Castelen etwa und Eljero Elia. Castelen wurde auch zu Hotelrunden eingeladen, gemeinsam mit seinem Kollegen Nigel de Jong, der heute bei Manchester City in der Premier League spielt. Das war im Nobelrestaurant "IndoChine" an der Elbe. Castelen beteuert, er sei der Einladung nicht gefolgt und habe allenfalls mal mit Mannschaftskameraden im Hamburger Kasino Esplanade gezockt. Nigel de Jong und Rafael van der Vaart, der zu Real Madrid und von dort zu Tottenham Hotspur wechselte, waren regelmäßig in der Spielbank Esplanade zu Gast. Sie wollen zeigen, was sie drauf haben. "Das ist wie ein Sport", sagt Jansen.

Doch der Mönchengladbacher, der René Schnitzler seit der C-Jugend kennt und ihn immer gemocht hat, kennt auch die dunkle Seite des Glücksspiels. Er hat miterlebt, wie Schnitzler am Spieltisch die Kontrolle über sich verloren hat. Bei Uli Hamanns war das, Jansens Halbonkel, der früher schon mit ihm Playmobil gespielt hat. "In der Runde bei Uli habe ich einmal gesehen, wie das läuft. Damit wollte ich nichts zu tun haben." Jansens Eltern waren mit Heike und Harald Schnitzler befreundet, auf einem Campingplatz in den Niederlanden trafen sie sich gelegentlich, dann wurde zusammen gegrillt. Marcell ging bei Schnitzlers ein und aus, als sie die Jugendmannschaften von Borussia Mönchengladbach durchliefen, manchmal übernachtete er auch bei René. "Das ist ein guter Typ, aber er war schon immer ein durchgeknallter Vogel", sagt Jansen. Vor sieben Jahren hat er deswegen den Kontakt zu Schnitzler abgebrochen.

Das Image des Spiels aufpäppeln

In öffentlichen Kasinos ist Marcell Jansen auch Spielsüchtigen begegnet, "mit viel Adrenalin im Körper, und dann hatten die die Illusion im Kopf, ganz schnell Millionen abzuräumen". Solche Spieler, sagt er, finde man vor allem beim Black Jack und am Roulettetisch. "Da hat ja auch René die großen Summen verloren. Aber wenn man spielt, muss einem bewusst sein, dass Spielsucht eine Gefahr ist. Darüber muss man offen reden, gerade auch im Profi-Fußball."

Im Dezember 2010 hat Jansen ein Projekt gestartet, auch weil er Poker zu einem besseren Image verhelfen möchte. Bei "V-I-Poker" wird nicht um Geld gespielt, sondern um Sachpreise. Zu gewinnen sind zum Beispiel signierte Trikots von Fußballstars wie Lukas Podolski, Ruud van Nistelrooy oder Sami Khedira. Auf der Homepage können Pokerspieler gegen Fußball-Nationalspieler antreten, gegen Thomas Müller etwa, gegen Lukas Podolski, Patrick Helmes oder Stefan Kießling – und natürlich gegen Marcell Jansen. Dafür muss man Mitglied werden und pro Monat fünf Euro zahlen. Mit einem Teil der Beiträge unterstützt V-I-Poker wohltätige Zwecke.

Fünfstellige Verluste, kein Spitzenverdiener

Max Kruse vom FC St. Pauli wurde noch nicht zum Pokern in die Nobelhotels geladen, dabei wäre der Mittelfeldspieler, der seinen Vertrag beim FC St. Pauli um drei Jahre verlängerte, sicher ein Gewinn für die Runde gewesen. Kruse ist kein unerfahrener Glücksspieler und dutzende Male bei Partien und an Roulettetischen im Kasino Schenefeld gesehen worden. Er verkehrte auch in der Hamburger Spielbank Esplanade an der Innenalster. Zudem pokerte Kruse online.

Dort trat er bei Turnieren an und setzte sich auch an die virtuellen Cash-Game-Tische, an denen René Schnitzler ein Vermögen verlor. Kruses Online-Bilanz ist besser, aber nicht gut. Er verzockte mehr als 11.000 Euro. Kruse wechselte von Werder Bremens Amateurmannschaft zum FC St. Pauli, war dort dann keineswegs ein Spitzenverdiener. Zu seinem Spielverhalten jenseits des Rasens wollte Max Kruse auf Anfrage nichts sagen.

Zwischen Zerstreuung und Suchtbefriedigung

Claus-Dieter Wollitz ist auskunftsfreudiger. Beim VfL Osnabrück pokerten zu Zweitligazeiten nicht nur ein paar Spieler. "Eine Zeit lang war es extrem", erinnert sich Wollitz, der die Mannschaft damals trainierte und heute bei Energie Cottbus engagiert ist. "Es wurde vor dem Training gespielt und danach sogar noch vor dem Duschen weitergespielt, ebenso auf dem Weg zu Auswärtsspielen und auf der Heimreise." Er habe das erlaubt, es sei manchmal "gut für die Lockerheit" gewesen. "Wenn ich das Gefühl hatte, dass ein Spieler darunter leidet, habe ich dafür gesorgt, dass er aufhört."

Doch der Grad zwischen Zerstreuung und Suchtbefriedigung, zwischen lockerer Stimmung und verbissenem Spiel ist schmal, niemand weiß das besser als Claus-Dieter Wollitz. Der Wettskandal ergriff den VfL Osnabrück mit voller Kraft, nachweislich verlor die Mannschaft Spiele, in denen sich einige Spieler hatten kaufen lassen - von Wettmafiosi. Wollitz ereiferte sich damals, Unkorrektheit, sagt er heute, sei für ihn "das Schlimmste, was es gibt". Als sein Spieler Marcel Schuon vom Amtsgericht Bochum zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, forderte er eine härtere Bestrafung. "Inzwischen frage ich mich, ob ich das nicht eher hätte erkennen müssen."

Fußballwetten und Poker - für beide Spiele braucht es Fachwissen, aber auch Glück. Bei beiden kann man sehr schnell sehr viel Geld verlieren. Von beiden kann man süchtig werden. Wollitz aber sieht hier einen Unterschied. Er habe wohl mal mitgepokert, aber niemals mit seinen Spielern gewettet. "Ich wette mit einem Spieler um einen Tag trainingsfrei, dass er die Latte trifft. Aber ich setze nicht selbst auf Fußballspiele."

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