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Chaos-Klub Krieg der Investoren beim HSV: Kühne will mit 120-Millionen-Euro-Angebot die Macht übernehmen

Die Fans unterstützen den HSV mit einem gewaltigen Banner vor dem Relegationsrückspiel gegen Hertha BSC Berlin im Mai 2022
Immer optimistisch: Die Fans unterstützen den HSV mit einem gewaltigen Banner vor dem Relegationsrückspiel gegen Hertha BSC Berlin im Mai 2022
Kampf um Macht und Geld: Das Klima in der Führungsetage des HSV ist vergiftet. Es gibt gleich mehrere Fraktionen, die sich bekämpfen. Und mitten im Chaos macht Investor Kühne dem Verein ein gefährliches Angebot.

Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Unter der Woche verabschiedete der Hamburger SV die kürzlich verstorbene Klub-Ikone Uwe Seeler mit einer großen Trauerfeier einträchtig im Volksparkstadion. Es war, als könnte der geplagte Klub kurz durchatmen angesichts des Chaos, in das der Verein zum Leidwesen seiner Fans versinkt – mal wieder. Dabei hat der Zoff zwischen den verschiedenen Fraktionen diesmal nichts mit der Mannschaft oder dem Trainer Tim Walter zu tun. Die hat zuletzt zwar den vierten Anlauf zum Wiederaufstieg in die erste Bundesliga verpasst, ist aber solide in die neue Saison gestartet und strebt weiter den Wiederaufstieg an. Ob das angesichts der heftigen Machtkämpfe aber realistisch ist, erscheint zweifelhaft. 

Denn das Hauen und Stechen, das den Verein seit Monaten durchzieht, erinnert an die übelsten Zeiten unter dem früheren Präsidenten Bernd Hoffmann, als auch der sportliche Niedergang an Fahrt aufnahm. Die aktuellen Protagonisten: Investor und Finanzvorstand Thomas Wüstefeld, Manager Jonas Boldt, Investor Klaus-Michael Kühne und der gespaltene Aufsichtsrat unter HSV-Präsident Marcell Jansen. Es ist kompliziert.

Brisant ist der Zeitpunkt des Angebots

Jüngster Höhepunkt ist das Angebot von Investor Kühne, 120 Millionen Euro in den HSV zu stecken und den hochverschuldeten Klub damit zu sanieren. Dass die Annahme des Angebots trotz der 50+1-Regel eine komplette Machtübernahme Kühnes beim HSV bedeuten würde, versteht sich von selbst.

Brisant ist der Zeitpunkt der Offerte, die am Donnerstagnachmittag mitten in die Pressekonferenz von Trainer Tim Walter zum nächsten Spiel gegen Arminia Bielefeld platzte und alles Sportliche umgehend überlagerte. Sie kam damit kurz vor der Sitzung des Aufsichtsrats am Freitagabend, die damit noch mehr als zuvor zu einer Art Showdown wird.

Kühne knüpft sein Investment natürlich an Bedingungen und präsentierte dazu einen Zehn-Punkte-Plan. Der sieht vor, dass die Kühne Holding AG ihre Anteile an der HSV AG von 15 auf 39,9 Prozent erhöht. Allein dafür würden 60 bis 80 Millionen Euro fließen. Die Mitgliederversammlung des HSV müsste den Deal absegnen, denn bislang darf ein Investor höchstens 24,9 Prozent der Anteile erwerben. Die Regel müsste gekippt werden.

Kühne will den HSV nach seinen Vorstellungen formen

Aber nicht nur das: Kühne will den Verein nach seinen Vorstellungen formen. Dafür will er eine neue "Vorstandsstruktur" einführen, die von Gutachtern erarbeitet werden soll. Darin säßen neben zwei Vertretern des HSV zwei Kühne-Leute als Aufpasser.  Zudem will er für zehn Jahre die Namensrechte des Stadions übernehmen (bis zu 40 Millionen Euro für das Uwe-Seeler-Satdion), Geld in den Schuldenabbau stecken und die Stadionsanierung bezahlen, die bis zur Europameisterschaft 2024 notwendig ist.

Der Plan Kühnes richtet sich auch direkt gegen Finanzvorstand Wüstefeld, der selbst mit seiner Medizin-Firma Calejo GmbH 5,11 Prozent der Anteile hält, die er im vergangenen Oktober von Kühne kaufte. Seitdem hat Wüstefeld einen rasanten Aufstieg beim HSV hingelegt und ist im verkleinerten Vorstand quasi HSV-Chef. Fragt sich nur wie lange, denn Wüstefeld hat sich mit Kühne angelegt. Der Grund: Wüstefeld will einen Teil seiner 14,2 Millionen Euro zurück, die er an die Kühne Holding AG für die HSV-Anteile überwiesen hatte, weil er sich betrogen fühlt.

Sein Vorwurf hängt damit zusammen, dass Geld im hochverschuldeten Verein versickert ist. Vor zwei Jahren hatte der HSV das Stadiongelände im Volkspark für 23, 5 Millionen Euro an die Stadt verkauft. Bedingung: Der Verein steckt das Geld hauptsächlich in die Sanierung des Stadions, damit es als Spielort für die EM 2024 fit ist. Dann kam Corona und das Geld wurde zum Stopfen der Löcher benötigt. Angeblich sei Wüstefeld über das wahre Ausmaß der "verschwundenen" Millionen nicht korrekt von seinem Vorgänger Frank Wettstein informiert worden. Wüstefeld hat deswegen seine Anwälte vorgeschickt, eine Klage steht im Raum. Kühne ließ daraufhin mitteilen, dass er hoffe, Wüstefeld sei beim HSV "recht bald Geschichte".

Wüstefeld will über Preis seiner Anteil neu verhandeln

Hamburger Medien mutmaßen, dass Wüstefeld über den Kauf der HSV-Anteile mit Kühne neu verhandeln will, weil er sich vertraglich verpflichtet hatte, weitere Anteile zu erwerben und die "Zahlungen hierfür aber seit Monaten überfällig sind" ("Hamburger Abendblatt").

Als wäre das nicht genug Konfliktstoff, wird die Spaltung in der Klubführung durch einen weiteren Streit forciert. Wüstefeld liefert sich mit Sportvorstand Jonas Boldt seit Monaten ein Scharmützel nach dem anderen. Erst ging es um den von Boldt gefeuerten Sportdirektor Michael Mutzel, dann um die verweigerten Millionen für die Verstärkung des Kaders, die Wüstefeld nicht freigeben wollte. Boldt sieht dadurch den ersehnten Aufstieg in die erste Bundesliga gefährdet.

Auf der Aufsichtsratssitzung am Freitagabend will Wüstefeld nun einen Finanzierungsplan für die Stadionsanierung präsentieren und Boldt soll über die sportlichen Planungen reden. Doch ob es überhaupt so weit kommt, ist offen. Eine Gruppe der Aufsichtsräte um den HSV-Präsidenten Marcell Jansen unterstützt Wüstefeld, eine andere hält zum Sportvorstand. Vorsorglich sollen Wüstefelds Gegner einen Abwahlantrag für den Finanzvorstand vorbereitet haben. Und dann ist da noch das unglaubliche 120-Millionen-Euro-Angebot von Kühne. Der Wahnsinn hat Methode beim HSV.

Auffällig ist, dass sich die Konflikte seit Wüstefelds Einstieg in den Verein im vergangenen Oktober als Anteilseigner potenziert haben. Das kann an seiner Doppelrolle als Investor und Finanzvorstand liegen. Ein unabhängiger Finanzvorstand würde vielleicht andere Entscheidungen treffen als einer, der mit dem Verein geschäftlich verbunden ist. Aber allein Wüstefeld die Schuld für Misere zu geben, wäre unfair, schließlich zerlegt sich der Klub aus Hamburg-Stellingen seit Jahren regelmäßig selbst. Und die immensen Schulden stammen aus aus früheren Zeiten.

Quellen: NDR, "Hamburger Abendblatt", "Süddeutsche Zeitung", "kicker", "Bild"

tis

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