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Cristiano Ronaldo: Schönheit geht vor

Cristiano Ronaldo, Frauenschwarm und Stürmer von Manchester United, ist zum besten Spieler der Premier League gewählt worden. In England wurde er lange als Aufschneider angefeindet. Am Abend trifft der Superstar mit ManU im Champions-League-Halbfinale auf Bayern-Bezwinger AC Milan.

Von Raphael Honigstein, Manchester

Natürlich gewann Cristiano Ronaldo am Sonntag wie erwartet die Wahl zu Englands Fußballer des Jahres. Und die Auszeichnung für den besten Nachwuchsspieler staubte er bei der Gelegenheit auch noch ab. Die Mitglieder der Spielergewerkschaft hatten den 22-Jährigen mit großem Vorsprung gewählt, auch ohne die Stimme seines Teamkollegen Wayne Rooney. Der hatte sich für Chelsea-Stürmer Didier Drogba und Cesc Fábregas von Arsenal entschieden.

Rooney und Ronaldo. War da nicht etwas? Im WM-Viertelfinale waren sie in Gelsenkirchen als Gegner aufeinander getroffen. Der Engländer trat Ricardo Carvalho in den Unterleib, Cristiano Ronaldo protestierte beim Schiedsrichter, es gab Rot für Rooney und jede Menge Empörung auf der Insel, weil der Portugiese nachher noch frech zu seiner Bank zwinkerte. In der völlig verdrehten Berichterstattung des englischen Boulevards wurde daraufhin Cristiano Ronaldo zum Hauptschuldigen für Englands Aus. Fernsehexperte Alan Shearer empfahl Rooney sogar, seinem Vereinskameraden bei Gelegenheit "die Fresse zu polieren".

Trieb van Nistelrooy zur Weißglut

Cristiano Ronaldo litt unter den Anfeindungen, am liebsten wäre er im Sommer nach Spanien gewechselt. United-Trainer Alex Ferguson ließ ihn nicht ziehen. Er wusste warum. Im Vorjahr hatte das große Talent von der Blumeninsel Madeira noch den United-Stürmer Ruud van Nistelrooy regelrecht zur Weißglut getrieben, weil es den bereits zwei Mal verladenen Außenverteidiger lieber ein drittes Mal aufs Kreuz legte als scharf zu flanken.

Doch der nun auch körperlich robustere Cristiano Ronaldo entwickelte unter dem Druck der öffentlichen Kampagne eine neue Klarheit und Effizienz in seinem Spiel. Seine Dribblings und 21 Saisontore machten United zum dreifachen Titelanwärter, und mit Rooney war der 2003 für 19 Mio. Euro von Sporting Lissabon verpflichtete Frauenschwarm schnell wieder versöhnt. Die beiden sind zwar nicht die besten Freunde, wie es in Manchester kolportiert wird, aber sie spielen immerhin so. Dass Rooney dem Sturmpartner die Stimme verweigerte, hatte übrigens rein administrative Gründe: Die Gewerkschaft verbietet die Wahl von Teamkollegen.

Schwalben gehören zu seinem Programm

Mit Cristiano Ronaldos Durchbruch hat auch die Europäisierung des englischen Fußballs einen neuen Höhepunkt erreicht. Er ist Ausländer, trägt zu viel Gel in den Haaren und zu teure Anziehsachen, zu große Brillianten in den Ohren sowieso. Vom englischen Fairplay-Kodex hat er sich wenig beeindrucken lassen, Schwalben sind fester Bestandteil seines Schlitzohr-Repertoires. Zudem erniedrigt er die Gegner manchmal regelrecht; spätestens beim fünften Übersteiger schwingt ein bisschen Arroganz mit. So einen Leitkultur-Schänder hätten sie hier vor nicht allzu langer Zeit mit Wonne kaputtgetreten und mit Schimpf und Schande davon gejagt, aber diese kleineren Mängel nimmt man nun geflissentlich in Kauf. Schönheit geht vor Idealismus. Man ist auf der Insel insgesamt ambivalenter geworden. Es gilt etwa das WM-Wort des Ex-Nationalspielers Ian Wright, wonach "Schwalben für England erlaubt" sind.

Falls es noch Restzweifel an der außerordentlichen Klasse Cristiano Ronaldos gab, so sind diese spätestens seit dem 7:1 gegen den AS Rom hinfällig. Der irische Fußballguru Eamonn Dunphy hatte ihn vor der Partie noch als "puffball" (Sporenpilz) bezeichnet, als harmlosen Aufschneider, "der auf diesem Niveau noch nichts gerissen hat". Hinterher rühmten die Römer Cristiano Ronaldo als "weltbesten Spieler", auch weil dies die Schmach ein wenig erträglicher machte.

Gut 9,5 Mio. Euro Jahresgehalt

Trotz wahnwitzig lukrativer Angebote aus Spanien gelang es den "Red Devils" kürzlich, mit ihm bis 2012 zu verlängern: Der Junge mit der Sieben auf dem Rücken verdient in Zukunft gut 9,5 Mio. Euro im Jahr. Nicht nur United, sondern die ganze Premier League darf sich glücklich schätzen - ihre finanzielle Übermacht drückt sich nach einigen verlorenen Jahren nun endlich auf dem Rasen aus.

Pelé ist noch skeptisch, ob der Portugiese das Prädikat "Weltklasse" tatsächlich verdient: "Er muss diese Leistung erst ein paar Jahre bestätigen", sagt der Brasilianer. Doch niemand mag Sir Alex widersprechen, wenn er von Cristiano Ronaldo und dem Mailänder Kaká als den "zwei derzeit besten Spielern auf der Welt" schwärmt. Im Old Trafford kommt es Dienstagabend zum Duell von Ronaldinhos Erben, außerdem muss es AC Milans "Dinosaurier-Abwehr" ("Daily Telegraph") mit Uniteds Offensivvirtuosen aufnehmen. Auf die Tricks von Cristiano Ronaldo kann man sich auf jeden Fall freuen. Und vielleicht auch auf eine Beantwortung der Frage, ob in der Champions League Alter vor Schönheit geht.

FTD

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