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Tradition im Überfluss Das wird die beste 2. Liga aller Zeiten (diesmal aber WIRKLICH!)

Dresdens Christoph Daferner jubelt nach seinem Tor zum 1:0 gegen Türkgücü München – die SG Dynamo hat am Wochenende den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt gemacht
Dresdens Christoph Daferner jubelt nach seinem Tor zum 1:0 gegen Türkgücü München – die SG Dynamo hat am Wochenende den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt gemacht
© DPA
Wenn man sich als Fan eines Zweitligisten freut, dass der eigene Verein nicht aufsteigt: Unser Autor über die irrationale Vorfreude auf die kommende Saison im Unterhaus, wo sich die fußballerischen Hochkaräter der Vergangenheit die Klinke in die Hand geben werden.

Ich habe es mir nicht ausgesucht, aber ich bin leidenschaftlicher Anhänger von Fortuna Düsseldorf. Ich stehe daher sicher nicht im Verdacht, ein Erfolgsfan zu sein, und noch schöner und größer ist deshalb die Freude, wenn meinem launischen Herzensverein dann doch mal was gelingt. Der Schmerz über verpasste Ziele bleibt dagegen aber bei aller Gewohnheit normalerweise immer gleich stark.

Umso seltsamer fühlte sich deshalb an, was am Wochenende passiert ist: Die Fortuna musste trotz eines souveränen Heimsiegs gegen Erzgebirge Aue die letzte Aufstiegshoffnung begraben, weil sie an den 32 bisherigen Spieltagen bereits zu viele gute Chancen ungenutzt gelassen hatte. Aber vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben als Fan tat das Scheitern überhaupt nicht weh. Im Gegenteil: Es stellte sich Erleichterung ein – nicht als Trotzreaktion, nein, ehrliche Erleichterung.

Die beste 2. Liga: Nur der VfL Bochum könnte fehlen

Weil ich den Aufstieg überhaupt nicht mehr wollte, seit sich in den vergangenen Wochen anhand der Tabellenkonstellationen allmählich die jeweilige Besetzung der beiden Bundesligen in der kommenden Saison abzeichnete. Denn das Teilnehmerfeld, welches sich 2021/22 voraussichtlich im sogenannten "Unterhaus" tummeln wird, lässt das Herz jedes Old-School-Fußballfreundes vor lauter Vorfreude einen Schlag aussetzen.

Im Ernst: die Fortuna, der HSV, Schalke, Karlsruhe, St. Pauli, Hannover, Nürnberg, Dresden (alle sicher dabei), möglicherweise kommen noch Bremen und Köln (von oben) sowie Rostock und 1860 (von unten) dazu – das ist so geballte Traditionswucht, dass es sich diesmal wirklich um die so gern bemühte "beste 2. Liga aller Zeiten" handeln dürfte, die von DSF/Sport1 bereits vor ungefähr 20 Jahren erstmals ausgerufen wurde. Da mutet es beinahe wie eine ironische Ausnahme der Regel an, dass ausgerechnet der VfL Bochum vor dem letzten Spieltag beste Aussichten auf den direkten Aufstieg in die Bundesliga pflegt.

Aber auch ohne die Bochumer wird die Zweitliga-Tabelle auf den ersten Blick schwer nach der Bundesliga der 80er oder 90er aussehen – einer Ära also, in die sich viele Fußballfans in Zeiten von Super League, der "Mannschaft" und Katar zunehmend zurücksehnen.

Eine willkommene Illusion für Fußball-Nostalgiker

Was natürlich irrationales Wunschdenken ist: Natürlich weiß ich, dass es zur finanziellen Sicherheit der Fortuna besser so schnell wie möglich wieder nach oben gehen sollte, denn je länger dieser Anschluss verpasst wird, desto schwerer gestaltet sich die Rückkehr (davon können sie rund um den Hamburger Volkspark dieser Tage ein besonders trauriges Lied singen). Ganz zu schweigen von der drohenden Gefahr eines noch tieferen Absturzes.

Aber zumindest die nächste Saison hätte ich ungern gegen die Bundesliga getauscht, erst recht nicht, sollten dann endlich wieder Anhänger in den Stadien zugelassen sein. Denn auch wenn die Nostalgie im Leben nur selten ein guter Berater ist: Für uns Fußballfans ist sie in Zeiten, da sich unser Lieblingssport auf den höchsten Ebenen immer widerlicher und weltfremder geriert, ein Anker.

Und so wird uns allen, den Ewiggestrigen, die beste 2. Liga aller Zeiten eine willkommene Illusion sein, dass es noch einmal so sein könnte wie früher (kann es natürlich nicht, aber egal). Eine Illusion, der wir uns nur zu gern hingeben werden. Denn früher war vielleicht nicht alles besser. Aber wenigstens müssen wir uns dann nicht damit befassen, dass bei RB Leipzig "ganz tolle Arbeit" geleistet wird.

tim

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