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Mit Fans – oder gar nicht? Fußball-EM im Sommer: Seltsame Drohkulissen um ein Turnier voller Fragezeichen

Philipp Lahm
Viel Gesprächsbedarf: Philipp Lahm, Münchner Botschafter für die Fußball-EM 2021
© Matthias Balk/dpa
München kann zwei Monate vor Beginn der Fußball-EM weiterhin keine Spiele mit Zuschauern garantieren und riskiert damit das Aus als Ausrichterstadt. Aufgrund der Pandemielage in Deutschland kommt die Debatte allerdings ohnehin zur Unzeit.

Es sind optimistische Zahlen, die viele der vorgesehenen Austragungsorte für die Fußball-EM bezüglich der geplanten Auslastung ihrer Spielstätten präsentieren: Budapest – bis zu 100 Prozent; St. Petersburg und Baku – mindestens 50 Prozent; Kopenhagen. Amsterdam, Bukarest, London, Glasgow – mindestens 25 Prozent bis 33 Prozent.

Zurückhaltender gibt man sich nur in München, Rom, Bilbao und Dublin, wo zur Stunde keine Garantien gegeben werden können, ob im Juni und Juli Fans in den Stadien erlaubt sein werden. Genau diese Garantie erwartet die Uefa aber offenbar mehr oder weniger, wenn Verbandsboss Aleksander Ceferin andeutet, auf einer Zulassung von Zuschauern zu bestehen.

Mit Fans – oder gar nicht?: Fußball-EM im Sommer: Seltsame Drohkulissen um ein Turnier voller Fragezeichen

Und so zettelt der gewohnt weltfremde internationale Fußball mal wieder eine Debatte an, die aufgrund der dynamischen Pandemie-Lage mindestens in Deutschland zur Unzeit kommt. Weil es geradezu absurd anmutet, wenn Politik und Behörden angesichts von Bundes-Notbremse und weiterhin perspektivloser Gastronomie oder Kultur trotzdem grünes Licht für vier Fußballspiele mit internationalen Besuchern geben würden – vier Partien, die wohlgemerkt bereits in zwei Monaten stattfinden sollen.

Es sei "aus heutiger Sicht natürlich leider nicht auszuschließen, dass aufgrund des Infektionsgeschehens und entsprechender Vorgaben der bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung zu den Spielterminen im Juni keine Zuschauer:innen zugelassen werden können", sagte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) laut einer Mitteilung der Stadt am Montag im Anschluss an ein Treffen mit DFB-Vizepräsident Rainer Koch.

Philipp Lahm: "Die Hoffnung stirbt zuletzt"

Koch teilte dagegen via Facebook mit, es sei "schwer international zu vermitteln, auf Spiele in München bestehen zu wollen und gleichzeitig schon jetzt zu sagen, dass Zuschauer nicht zugelassen werden, wenn anderswo in Europa, z.B. in London, sich Länder anbieten für weitere Spiele mit Zuschauern."

Aber selbst Philipp Lahm, Chef des lokalen Organisationskomitees in München klingt alles andere als optimistisch, wenn er sagt: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Man müsse dranbleiben und dafür arbeiten.

Die Uefa hatte die Ausrichter München, Rom, Bilbao und Dublin in der vergangenen Woche aufgefordert, bis zum 19. April – also bis zum kommenden Montag – zusätzliche Informationen für die Durchführung der Partien nachzureichen. DFB-Vize Koch hat unterstrichen, dass der Gesundheitsschutz zentral und auch die generelle Lage zu beachten sei: "Ich würde mich freuen, wenn vor diesem Hintergrund auch die Stadt München die Haltung der Uefa als wünschenswerte Zielvorstellung ansieht."

Dabei ist genau die Haltung der Uefa mal wieder das Problem. 

Denn einerseits ist es natürlich wünschenswert, dass mit der Veranstaltung eines internationalen Fußballturniers ein seltenes Zeichen kollektiver Freude aus einer fast vergessenen Zeit vor Corona zu setzen und damit ein bisschen Hoffnung auf allgemeine Besserung in absehbarer Zeit zu machen.

Andererseits kommt die Pistole, die Ceferin den unsicheren Austragungsorten auf die Brust setzt, schon maximal zynisch daher. Jeder Bürger, der seit über einem Jahr in und mit der Pandemie leben muss, weiß genau, wie schnell sich die Situation und damit einhergehend eventuelle Maßnahmen ständig ändern können.

Aus Respekt vor allen Betroffenen – ob es nun Erkrankte, Intensivmediziner oder Existenzbedrohte sind – wäre es deshalb ein stärkeres Zeichen der Stadt München, sich nicht auf die Anbiederung von Koch und Konsorten an einen fragwürdigen europäischen Fußballverband einzulassen, sondern stattdessen auf die Frage nach der Auslastung der Allianz Arena in diesem Sommer zu antworten: null Prozent. Weil Deutschland freiwillig darauf verzichtet, ein Turnier voller Fragezeichen mit auszurichten.


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