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Der Fall Rafati und die deutschen Schiedsrichter Wenn Schweigen das höchste Lob ist


Lob ist rar, ätzende Kritik die Regel: Bundesliga-Schiedsrichter wie Babak Rafati bilden eine Elite, die kaum zu Ruhm gelangt. Doch sie sind auch Rampensäue, die Anerkennung brauchen.
Von Wigbert Löer

Es wird viel über die Körpersprache geredet unter Schiedsrichtern. Wie man rüberkommt auf dem Rasen, ob man sympathisch wirkt oder arrogant, Autorität ausstrahlt oder Unsicherheit - dem eigenen Auftreten wird höchste Bedeutung beigemessen.

Sich eine bestimmte Körpersprache anzueignen, das hat auch mit Verstellen zu tun, man schlüpft in eine Rolle, und so haben sich Deutschlands wichtigste Schiedsrichter von dem Theaterregisseur Stefan Spies fortbilden lassen. Spies, der gewöhnlich Führungskräfte aus Wirtschaftsunternehmen trainiert, war überrascht, wie "unglaublich hoch" der emotionale Druck der Schiedsrichter sei. Er lehrte die Referees Gelassenheit, und dass sie auf dem Rasen "durch kühles Auftreten die Situation entemotionalisieren" müssten. Aber das räumte der Theatermann und Wirtschaftscoach auch ein: dass kühles Auftreten "ungeheuer schwierig" sei, "wenn Spieler wie wütende Stiere auf einen zugaloppieren".

Entscheider auf höchstem Niveau

Die 20 Schiedsrichter der Bundesliga sind eine Elite und unverzichtbar in einem Spiel, das Milliarden Euro umsetzt. Als Manager und Entscheider auf höchstem Niveau verstehen sie sich daher alle. Doch es gibt Unterschiede zu Führungskräften in der Wirtschaft - ihr Job ist delikater. Oder hat ein Chef jemals einen Teil der Belegschaft feuern müssen, von jetzt auf gleich, mitten auf der Betriebsversammlung und von Betriebsräten umringt?

Schiedsrichter arbeiten vor Zehntausenden im Stadion und Millionen am Fernseher. Müssen binnen Sekunden handeln. Und treffen ihre mitunter weitreichenden Entscheidungen im Angesicht der Spieler und Trainer.

20 Fehler pro Spiel

Dem gelassenen Auftritt, den der Coach Spies empfiehlt, steht noch etwas entgegen: Den Schiedsrichtern ist klar, dass ihre Entscheidung durchaus falsch sein kann. Ein Bundesliga-Schiedsrichter trifft in einem Spiel rund 220 Entscheidungen, liegt dabei im Durchschnitt aber mehr als 20 Mal falsch. Jeder Referee kennt diese Fehlerquote, weiß also vor dem Spiel genau, dass er irren wird - und versucht auf dem Platz, genau das zu verdrängen. "Ich registriere während des Spiels keine eigenen Fehler", sagt der Schweizer Massimo Busacca, 42, seit Kurzem Schiedsrichter-Chef beim Weltfußballverband Fifa. "Auf dem Platz muss ich stark sein und die Überzeugung haben, dass meine Entscheidungen immer richtig sind. Wo käme ein Schiedsrichter hin, wenn er zweifelt oder einem
 Fehler nachtrauert? Er würde nach fünf Minuten den nächsten Fehler 
machen und nach zehn Minuten wieder, auch weil er vielleicht etwas gutmachen
 will."

Ein Schiri, der zweifelt, wirkt auch bei den Spielern schnell unsicher. Beide Mannschaften versuchen dann, diese Unsicherheit auszunutzen und den Schiedsrichter in ihrem Sinne zu beeinflussen. Florian Meyer, 43, der in der Bundesliga und in der Champions League pfeift, stellte kürzlich fest, das Verhältnis zu den Spielern sei schlechter geworden. DFB-Schiedsrichter Obmann Herbert Fandel beschwerte sich, dass "bei jedem Pupser, den ein Schiedsrichter macht, reklamiert und protestiert wird. Es ist einfach nicht genügend Vertrauen zu uns Schiedsrichtern da". Da klang auch der Wunsch nach mehr Wertschätzung mit, nach Respekt für sich und seine Kollegen.

Von Selbstbewusstsein und -kritik

Es kann da keine Kleinigkeit sein für einen Schiedsrichter, wenn ihn die Bundesligaspieler in Umfragen zum schwächsten Referee küren. Im Fachblatt "kicker" geschieht das regelmäßig, und Babak Rafati erwischte es seit 2005 bereits drei Mal. Unter lauter Stars und Helden verrichtete er seinen Dienst - und hatte nun schriftlich, dass diese ihn für einen Stümper hielten.

Das Problem ist für einen Schiedsrichter, dass er solchen Urteilen nichts entgegensetzen kann, nichts als das eigene Selbstbewusstsein. Doch das ist in Wirklichkeit nicht unbedingt so groß, wie souveräne Auftritte mit korrekter Körpersprache auf dem Rasen Glauben machen. In den vielen Gesprächen, die er im Laufe seiner Karriere mit Beobachtern, Kontrolleuren und Obmännern zu führen hat, lernt fast jeder Schiedsrichter auch Selbstkritik. "Man findet immer etwas, was man besser machen könnte", sagt dazu Florian Meyer.

Manche Fehlentscheidungen bleiben hängen

Sich mit Pfiffen auseinanderzusetzen und nach eigenen Irrtümern zu fahnden - Kollegen sagen, dass auch Babak Rafati das für dringend notwendig hielt. Und er konnte die Selbstkritik wohl auch gar nicht vermeiden. Der frühere Schiedsrichter Urs Meier, der auf zwei Weltmeisterschaften pfiff, hat erfahren, dass folgenreiche Fehlentscheidungen in wichtigen Spielen "ein Leben lang" haften bleiben. "Manche Szene hat man noch Jahre später vor Augen und fragt sich: Warum ist mir das passiert? Warum habe ich das nicht richtig gesehen? Das tut unglaublich weh."

Dauerhaft von sich selbst und in seiner Branche kritisiert, so muss ein Schiedsrichter leben, der in den höchsten Ligen pfeift. Lob hingegen hört er in der Regel nicht. "Das einzige Lob, das man bekommen kann, ist Schweigen", sagt der Ex-Schiedsrichter und spätere Bundestagsabgeordnete Bernd Heynemann. Lutz Wagner, der seine Karriere 2010 beendete, nun als Mitglied der DFB-Schiedsrichterkommission Referees ausbildet und sie bei Einsätzen bewertet, sieht das genau so: "Wenn ein Schiedsrichter nach dem Spiel in der Kabine sitzt und kein Journalist kommt, keiner was wissen will, wenn er völlig unbehelligt zum Auto gehen kann - dann muss er richtig gut gewesen sein."

Die Briten verehren ihre Schiris

Und doch pfeifen da keine Maschinen, sondern Menschen, die vor den 22 Spielern und dem Publikum bestehen wollen. Und die in ihrem Job durchaus wahrgenommen werden wollen. Als Markus Merk, über Jahre Deutschlands Schiri Nummer eins, seine Karriere bilanzierte, schwärmte er über die Premier League. In England, sagte der heute 49-Jährige, seien die Zuschauer "sehr sensibel gegenüber Schiedsrichtern". Bei Entscheidungen ernte man häufig Standing Ovations, "so etwas gibt es in Deutschland nicht. Ich habe am liebsten in Großbritannien gepfiffen". Merk gab zu, dass Schiedsrichter die Bestätigung der Zuschauer genießen. Dass sie letztlich auch Rampensäue sind.

Warum auch sonst sollten sie den langen Weg antreten, sich über Jahre strenger Auslese stellen, ihre Wochenenden verplanen? 80.000 Deutsche leiten regelmäßig ein Fußballspiel, 20 von ihnen dürfen das in der Bundesliga tun. Wer sich schon mit 19 oder 20 Jahren für höhere Ligen qualifiziert, weiß da noch nicht, ob sein Einsatz irgendwann mal mit 3800 Euro pro Spiel honoriert wird. Er weiß nicht, ob sein Name bundesweit bekannt sein wird. Er weiß nicht, ob er es auf die ganz große Bühne schaffen würde, mitten unter Fußballstars. Aber er hat sich immer schon gern exponiert. Wer früh nach oben drängt als Schiedsrichter, der will mit seinem Handeln auch wahrgenommen worden. Schiedsrichter begreifen sich als Leistungssportler, und sie werden von sportlichem Ehrgeiz angetrieben. Genauso aber von Eitelkeit und vom Wunsch nach Einfluss und Bedeutung.

Köln gegen Mainz - Anfang und Ende?

Nach den Kriterien, die ein Leistungssportler üblicherweise an sich stellt, hat die Karriere des deutschen Schiedsrichters Babak Rafati sich zuletzt nicht gut entwickelt. Er hatte es weit geschafft, war 2008 vom DFB sogar auf die Fifa-Liste gesetzt worden, durfte dadurch wichtige Spiele im Ausland pfeifen.

Doch die Anerkennung unter Spielern, Trainern und Managern blieb aus. Vor wenigen Wochen erfuhr er auch noch, dass der DFB ihn von der Fifa-Liste streichen würde. Fast genau zwei Jahre nach dem Selbstmord von Robert Enke hat Babak Rafati versucht, sich das Leben zu nehmen. Er tat es wenige Stunden vor der Partie Köln gegen Mainz, die er leiten sollte. Köln gegen Mainz - das war vor sechs Jahren sein erstes Bundesligaspiel.


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