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DFB-Team schlägt Österreich Viel Grauen und viel Glück


Die Nationalmannschaft hat den zweiten Sieg in der WM-Qualifikation eingefahren. Doch das DFB-Team hat beim 2:1 gegen Österreich etwas verloren, was es bis vor kurzem noch ausgezeichnet hat.
Von Klaus Bellstedt, Wien

Als die 94 äußerst unterhaltsamen Minuten im Wiener Ernst-Happel-Stadion schließlich vorüber waren, schlichen elf Spieler in weißen Shirts und schwarzen Hosen mit hängenden Köpfen wie Verlierer vom Rasen. Ein paar von ihnen grüßten sogar noch artig in die Kurve zu den mitgereisten Fans. Der Rest verdrückte sich zügig in die Kabine. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens und einer hastigen Gratulationskur blickte der Trainer der deutschen Nationalmannschaft schnell noch einmal auf die Anzeigetafel. Österreich 1, Deutschland 2 stand dort. Joachim Löw, so schien es jedenfalls, wollte sich noch einmal vergewissern. Und ja, sein Team hatte dieses intensive WM-Qualifikationsspiel tatsächlich gewonnen. Eine Erklärung dafür hatte aber selbst der Bundestrainer hinterher nicht parat – auch wenn er es versuchte.

"Wir waren heute cleverer als die Österreicher", hauchte ein sichtlich angestrengter Joachim Löw ins Mikrofon oben auf dem Podium des kleinen Presseraums im Bauch des Stadions. Aber was steckt eigentlich hinter so einem Satz? Cleverer als der Gegner zu sein, bedeutet intelligenter, listiger und aufgeweckter als der Kontrahent zu sein. All das war die deutsche Mannschaft an diesem schwül-heißen Abend in Wien ganz sicher nicht. Normalerweise zeichnet Joachim Löw aus, dass er den Sinn für die Realität nie verliert. Dabei blieb es erfreulicherweise auch nach dem Spiel gegen Österreich. Denn dass dieser Erfolg einzig und allein aufgrund des Unvermögens der zum Teil furios aufspielenden Gastgeber zustande kam, wusste natürlich auch der Bundestrainer. Und gab es dann auch zu: "Wir hatten heute in manchen Situationen Glück. Die Österreicher hätten das 2:2 erzielen müssen", sagte er.

Arnautovic verstolperte verdienten Ausgleich für Austria

Es lief die 87. Minute, einer dieser unzähligen Angriffswellen der Mannschaft von Trainer Marcel Koller rollte mal wieder auf das Tor von Manuel Neuer zu, als Marco Arnautovic der Ball von rechts außen perfekt in den Lauf gepasst bekam. Der Star der Österreicher brauchte seinen Fuß nur an den Ball zu bringen. Neuer war schon geschlagen. Aber Arnautovic verstolperte aus irgendwelchen Gründen diese Großchance. Eine Szene, die das Zeug dazu hat, in Fußball-Geschichtsbüchern zu landen. Erinnerungen an Mario Gomez wurden wach, dem während der EM 2008 im Spiel gegen Österreich übrigens vor demselben Tor ein ähnliches Kunststück gelang. Dieses Mal wäre es der verdiente Ausgleich für Team Austria gewesen. So aber blieb es bei einer aus Sicht der Heimmannschaft selten dämlichen 1:2-Niederlage.

Aufgeputscht durch den Radetzky-Marsch und angeheizt durch einen Stadionsprecher mit möglicherweise etwas zu viel Red Bull im Blut schlug der Nationalmannschaft im Ernst-Happel-Stadion von Beginn an von den Rängen eine feindselige Stimmung entgegen. Das ist nicht neu, wenn Deutschland in Wien gegen Österreich antritt. Das wusste man vorher. Und doch schien es sie zu beeindrucken. Das war schon verwunderlich. Hinzu kam die Spielweise des Gegners. Die Rot-Weißen agierten aggressiv und druckvoll. Sie spielten ein gnadenloses Pressing und zwangen Lahm und Co. dadurch immer wieder zu hanebüchenen Fehlern. "Mit dem Spiel kann man nicht zufrieden sein. Der Gegner hat früh Druck gemacht. Damit sind wir überhaupt nicht klargekommen", bilanzierte der DFB-Kapitän danach. Nur schnell zur Erinnerung: Der Gegner hieß Österreich (Platz 49 in der Fifa-Weltrangliste) – und nicht Spanien.

Schmelzer spielte grauenhaft

Die Freude über die beiden Tore von Marco Reus (45.) und Mesut Özil, der per Elfmeter in der 52. Minute zum zwischenzeitlichen 2:0 traf, hielt bei den Spielern nicht lange an. "Wir können glücklich und zufrieden sein mit dem Sieg, mit dem Spiel aber weiß Gott nicht. Solche Fehler dürfen uns nicht passieren", meinte hinterher Manuel Neuer. Der Frust überwog auch deshalb, weil die Defizite im deutschen Team so offensichtlich waren. Im Grunde waren in Wien alle Mannschaftsteile davon betroffen. Mit Ausnahme von Özil und Reus erreichte kein Spieler seine Normalform, nicht mal Manuel Neuer, der mit einem schlimmen Abschlag zum Gegner in der ersten Hälfte für einen Gänsehautmoment sorgte. Es waren gegen Österreich vor allem auch die Etablierten, die weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Das war das Erstaunliche. Philipp Lahm zum Beispiel leistete sich Mitte des zweiten Abschnitts einen unglaublichen Rückpass, der zum Glück nicht zum Ausgleich führte. Vor Arnautovic' Mega-Chance stand er zudem völlig verkehrt. Oder auch Sami Khedira. Der Profi von Real Madrid war längst nicht die ordnende Hand, die er sein will und sein muss. Die Anzahl seiner Ballverluste lag im zweistelligen Bereich.

Löws größte Baustelle bleibt aber die linke Außenbahn. Marcel Schmelzer hat vom Bundestrainer vor Beginn dieser WM-Qualifikation eine Art Freifahrtschein für die ersten vier Spieler ausgestellt bekommen. Man fragt sich, warum? Schmelzer spielte grauenhaft und verschuldete unter anderem das 1:2 durch Junuzovic (57.) mit, als er sich von Flankengeber Arnautovic ausdribbeln ließ. Löws Beurteilung hinterher hatte fast schon resignative Züge: "Wir haben links nicht allzu viele Perspektiven und müssen mit Schmelzer weiterarbeiten", sagte der Bundestrainer. Und er fügte noch hinzu: "Ich hoffe, dass er sich weiterentwickelt." Sonderlich zuversichtlich klang er dabei nicht.

"Dafür brauchen wir Monate"

Was ist bloß los mit dieser Mannschaft, die derzeit fast alles vermissen lässt, was sie über die vergangenen zwei Jahre so ausgezeichnet hat? Wo ist die Leichtigkeit? Wo das Selbstvertrauen? Man wird das Gefühl nicht los, dass sich Spieler und Trainer noch immer nicht vom Halbfinal-Aus bei der EM gegen Italien erholt haben. Das Team macht zu viele Fehler. Gegen Argentinien, selbst gegen die Färöer. Löw spricht diese immer wieder an. So wie jetzt nach dem Österreich-Spiel. Aber vielleicht ist auch sein Coaching manchmal fehlerhaft. Die Einwechslung von Lukas Podolski für Miro Klose 15 Minuten vor dem Ende ist zumindest diskussionswürdig. Der Gegner drängte in dieser Phase mit Macht auf den Ausgleich. Ein defensiver Mittelfeldspieler wie Lars Bender stand schließlich auch bereit. Und was war mit dem viel zitierten Gegenpressing, das Löw seiner Mannschaft eigentlich einimpfen wollte? "Eine Woche reicht nicht, um das zu lernen. Dafür brauchen wir Monate", verteidigte sich der Bundestrainer. Nun ja.

Löw machte am Ende eines langen Arbeitstages trotz des glücklichen 2:1-Sieges einen ziemlich genervten Eindruck. Als die Pressekonferenz vorüber war, ging er schnellen Schrittes zum Mannschaftsbus. Der stand mit laufendem Motor in den Katakomben des Stadions bereit zur Abfahrt. Während Mats Hummels einer kleinen Traube deutscher Fans durch die Gitterstäbe des großen Eingangstores hindurch noch ein paar Autogramme schrieb, enterte sein Trainer das Riesengefährt und nahm wie immer vorne rechts vom Fahrer aus Platz. Zwei blonde Mädchen skandierten Löws Namen. Einmal, zweimal, dreimal. Sie wollten ein Foto, die Smartphones waren schon gezückt. Aber der Bundestrainer kam nicht mehr heraus zu ihnen. Er blieb im Bus sitzen.

Klaus Bellstedt

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