Dietmar Beiersdorfer "Die Geister, die wir riefen..."


Der Hamburger SV will zu einem Topklub in Europa aufsteigen. Doch in dieser Saison gelang erst ein Sieg. Sportchef Dietmar Beiersdorfer über das Dilemma eines Herausforderers in der Welt der Großen.

Herr Beiersdorfer, Gratulation zum ersten Saisonsieg. Trotzdem stehen Sie nur auf Rang 13 in der Liga, in der Champions League droht das Aus. Dabei will sich der HSV unter Europas Top 20 etablieren. Ist das Projekt gescheitert?

Nein. Nichts ist gescheitert. Wir durchleben eine schwere Phase auf dem Weg, von dem wir überzeugt sind, dass er richtig ist. Darum werden wir ihn auch nicht verlassen. Und jetzt hatten wir endlich wieder ein Erfolgserlebnis.

Würden Sie denn wieder Schlüsselspieler wie Van Buyten und Boulahrouz verkaufen?

Wir wussten, dass das ein schwerer Verlust ist. Khalid Boulahrouz zum Beispiel ist ein Klassespieler. Ein Straßenkämpfer, der seine Angelegenheiten auf dem Platz regelt. Diese Typen findet man selten. Die Probleme fangen dann an, wenn Chelsea das auch bemerkt und Ernst macht. Da ist es schwer, dagegenzuhalten.

Sie hätten sich sperren können, weil die Mannschaft sonst die Stützen verliert.

Das ist leicht gesagt. Bleiben wir bei Boulahrouz. Das ist eine Sache, mit der ein Klub wie wir einfach leben muss. Am Dienstag ruft Peter Kenyon, der Geschäftsführer von Chelsea London, an und sagt: Wir wollen den und bieten soundso viele Millionen. Wir antworten: keine Chance. Am Mittwoch in der Champions-League-Qualifikation gegen Osasuna humpelt Boulahrouz auf einmal nach dem Warmlaufen vom Platz. Man weiß, hätte er gegen Osasuna gespielt, hätte er in der Champions League für einen anderen Klub nicht mehr rangedurft. Da fängt man schon an, sich Gedanken zu machen.

Er hatte immerhin einen gültigen Vertrag, und zuletzt vermissten Sie ihn bitter.

Es hilft nicht, hinterher zu klagen, wenn man weiß, dass ein Spieler unbedingt weg wollte. Noch dazu, wenn man die Begleitumstände kennt. Es ist oft leichter, einen neuen Spieler zu integrieren, als einen unzufriedenen zu halten, der gerade die Chance seines Lebens gewittert hat. Wir können uns den Gesetzen des Geschäftes nicht entziehen. Sobald ein Verein einen mächtigen Schritt nach vorn macht, treten die ganz Großen auf den Plan. Das sind die Geister, die wir riefen. Um selbst ein großer Klub zu werden, wollen wir ja auch Spieler, die das Niveau haben, bei einem großen Klub zu spielen.

Bleibt also nur die Kapitulation vor den Mechanismen des Marktes?

Wenn Chelsea anruft, ist das ein ungleicher Kampf. Es reicht auch schon, wenn die Bayern sich melden, wie bei van Buyten. Diese Vereine können Gehälter zahlen, die wir nicht toppen können und gar nicht toppen wollen. Als Borussia Dortmund sich Ende der Neunziger in Europas Spitze etablieren wollte, haben sie zu schnell versucht, mit den richtig reichen Klubs zu konkurrieren. Das trieb sie fast in den Konkurs. Für einen Verein wie uns ist es wichtig, die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten. Auch wenn in einer Situation wie dieser die Versuchung verdammt groß ist. Wir müssen akzeptieren, dass es schwer ist, als Herausforderer im internationalen Geschäft aufzuschließen, wo manche Klubs über Jahrzehnte eine gigantische Finanzkraft aufbauen konnten.

Ist es unter diesen Bedingungen überhaupt möglich, eine Mannschaft zu formen, die ein paar Jahre zusammenbleibt?

Ich hätte mir das für diese Saison auch gewünscht, ich bin ja ein Stück weit Fußballromantiker. Bei aller Romantik: Es wird sehr schwer, so lange wir nicht die Rolle des Herausforderers ablegen, aber den einen oder anderen überragenden Mann im Team haben.

Wird der HSV also auch in Zukunft nur das Sprungbrett für begabte Spieler sein, die zu einem großen europäischen Klub wollen?

Das sehe ich nicht so. Wir wollen nur sportliche Weiterentwicklung in einem gesunden wirtschaftlichen Umfeld. Wir haben ein gutes Scouting, wir entwickeln Spieler weiter. Wir versuchen uns auf allen Gebieten Stück für Stück zu verbessern. Und es wird nicht die Regel sein, mit einem Golf zum HSV zu kommen und mit einem Bentley nach London abzurauschen. Auch wenn so was natürlich immer wieder vorkommen kann. Das wird einerseits immer ein Verlust für uns sein, aber anderseits: Genau das macht uns für hochtalentierte Spieler interessant. Die sehen, dass man bei uns groß rauskommen kann. Ein Vincent Kompany war in Europa heiß umworben, aber er entschied sich für den HSV.

Diese Umwälzungen sind aber das Problem: Sie hatten vergangene Saison ein funktionierendes Team. Zuletzt war da nur Chaos.

Was jetzt passiert ist, hat Ursachen, die wir kennen und nur zu einem geringen Teil beeinflussen können. Wir hatten zeitweise sechs verletzte Stammspieler, dazu Sperren. So viele Ausfälle kann kein Verein unserer Größe kompensieren. Aber trotzdem, die Mannschaft kann mehr, sie ist gut. Ich hatte wochenlang nur noch im Konjunktiv geredet: Wir müssten, könnten, sollten besser spielen. Der Konjunktiv nervte langsam. Aber am Sonntag in Leverkusen haben wir gezeigt, was wir können und wurden dafür auch endlich belohnt.

Jetzt haben Sie ein paar Tage Ruhe. Den Fans schien die Geduld auszugehen, die Kritik auch an Ihnen wurde immer lauter.

Klar sind die Leute enttäuscht. Die letzte Saison hat hohe Erwartungen geweckt. Und das zu Recht, denn wir haben selbst einen hohen Anspruch formuliert. Jetzt müssen wir versuchen, weiter Boden unter den Füßen zu bekommen. Das liegt natürlich auch daran, dass wir Spieler wie Juan Pablo Sorin aufgrund der Unsicherheit der Champions-League-Qualifikation erst sehr spät holen konnten. Aber im letzten Jahr haben wir auch sehr lange auf Thimothée Atouba gewartet, weil wir ihn unbedingt wollten. Das zahlte sich aus. Jetzt wurden wir für späte Transfers kritisiert, die nicht früher möglich waren. In einer Situation wie dieser entsteht eine unglaubliche Dynamik: Auf einmal ist alles falsch, was vor einiger Zeit noch richtig war.

Bis auf Trainer Thomas Doll, der scheint auch Kritikern unantastbar.

Thomas Doll ist der richtige Mann. Auch hier geht es um langfristiges Denken. Thomas versteht, wie das Kräftespiel von Markt, Mannschaft, Vorstand und Fans funktioniert. Er hat immer den gesamten Verein mit seinen Zielen im Blick.

Ein Platz in einem europäischen Wettbewerb ist momentan außer Reichweite. Wenn Sie nächstes Jahr nicht dabei sind, werden weitere Spieler gehen wollen. Müssen Sie von null anfangen?

Moment, wir haben acht Spieltage hinter uns, und ich bin kein Hellseher. Aber auch in Phasen wie dieser dürfen wir unsere Pläne nicht über Bord werfen. Wir werden ruhig an unserer Entwicklung weiterarbeiten. Das hat uns in den Jahren zuvor gut getan. Und das wird es auch in Zukunft tun.

Christian Ewers, Bernd Volland print

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