HOME

Stern Logo EM 2008

EM 2008: Frings ist der heimliche Boss

Torsten Frings gilt neben Michael Ballack als der Kopf der deutschen Elf. Doch während der deutsche Kapitän die Titelblätter ziert, steht Frings cool und lässig in seinem langen Schatten. Intern jedoch genießt er mindestens genauso viel Respekt.

Von Martin Sonnleitner

Da ist diese Wangennarbe, die einem zunächst ins Auge sticht, dann das Tribal-Tattoo. Schließlich die wispernde Stimme. Nein, Torsten Frings ist nicht einfach zu durchschauen. Lediglich auf dem Fußballplatz gelingt das ein wenig: Frings ist neben Kapitän Michael Ballack die Zentralkraft im deutschen Spiel, umtriebiger Mittelfeldallrounder, schuss-, zweikampf-, willensstark, hart im Nehmen, torgefährlich und für viele Experten der heimliche Chef im Team.

Frings' Geheimnis beginnt damit, dass er eigentlich gelernter Stürmer ist. Noch in der A-Jugend bei Alemannia Aachen spielte er im Sturm. Mit 17 Jahren schaffte er den Sprung in die erste Mannschaft. Dann erst arbeitete er sich positionsmäßig schrittweise nach hinten.

Ehrgeiz, Mumm, mentale Stärke

"Klar, er war talentiert, doch dass er diese Karriere hinlegt und Nationalspieler wird, hätte ich nie im Leben gedacht", wundert sich sein damaliger Jugendcoach Günter Cajet noch heute über die außergewöhnliche Laufbahn seines einstigen Schützlings."Es gab talentiertere Spieler, doch er hatte den Ehrgeiz und den nötigen Mumm."

Sein jetziger Trainer bei Werder Bremen, Thomas Schaaf, drückt es noch pointierter aus: "Er weiß mental genau, was er will und stellt sich in den Dienst der Mannschaft. Mit dieser Einstellung reißt er alle mit." Versetzt zu Michael Ballack verrichtet der nach wie vor torgefährliche Frings in der Nationalelf deshalb meist die Kärrnerarbeit.

Vertrauen des Bundestrainers

Es kam beinahe einer Huldigung gleich, als Bundestrainer Joachim Löw wenige Wochen vor der Europameisterschaft dem lange verletzten und noch angeschlagenen Frings seinen ganz persönlichen Freibrief für die EM aussprach:"Frings ist ein Turnierspieler."

Eine Innenbandverletzung am rechten Knie hatte ihn über Monate außer Gefecht gesetzt. Einen Tag vor dem Polen-Spiel lobte Löw nun: "Ich muss ihm ein Kompliment aussprechen, mit welcher Energie er die Einheiten bewältigt, wie er sich herangekämpft hat." Auch Ballack bestätigte die Ausnahmestellung des 31-Jährigen: "Es ist ganz wichtig, dass er rechtzeitig wieder fit geworden ist."

Im modernen Fußball wird gerne mit zwei defensiven Mittelfeldakteuren agiert, der sogenannten Doppel-Sechs. Offensivfreunden gilt diese Sicherheitsvariante als Angsthasenfußball. Löw entschied sich nach einigen Experimenten für die versetzte Zentrale, Ballack vorne, dahinter Frings. Weniger aus ideologischen Gründen, sondern eher, weil er weiß, dass der Bremer diese neuralgische Nahtstelle im System trocken und pflichtbewusst abdichtet.

Der stille Boss

Frings' Standing im Team wird in Sönke Wortmanns Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" eindrucksvoll dokumentiert. Nach dem Sieg im Spiel um den dritten Platz in Stuttgart diskutierten die Nationalspieler über das Abschiedsfest der WM 2006. Ballack führte das Wort und plädierte dafür, nach all den Strapazen in Stuttgart zu bleiben. Frings zischte lässig, cool und ohne eine Miene zu verziehen, er wäre für Berlin, dem eigentlichen Mekka der deutschen Mannschaft und ihrer Fans. Er setzte sich durch.

Wissenscommunity