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Bundesliga-Fazit: Das war diese Saison anders

Eine Liga in Aufruhr: Trainer gingen, neue kamen, Ultras strebten an die Macht. Und sonst? Das Ende der Leitwölfe ist gekommen. Das bleibt von der Bundesliga-Saison 2010/2011 hängen.

Von Klaus Bellstedt und Jens Fischer

Es war eine verrückte Bundesliga-Saison. Aber was bleibt hängen? Was war anders als sonst? Und was sind die Erkenntnisse? Eine Analyse.

Trainer-Karussell


Die Armee der Kurzarbeiter

Es war Christoph Daum, der dieser Tage Beobachter und Beteiligte der Liga wieder einmal zum Lachen brachte. "Besser als wir in den letzten Wochen kann man nicht arbeiten", behauptete der Trainer von Eintracht Frankfurt allen Ernstes. Der Mann also, der mit den Hessen gerade einmal drei Punkte aus sechs Spielen holte. Daum, einst Guru, Scherbenläufer, Löffelverbieger, heute nur noch Verkünder von Offenbarungseiden, wird mit Frankfurt wahrscheinlich absteigen, eine Weiterbeschäftigung wird es für ihn kaum geben. Der einstige VfB-Meistercoach hat seine Mannschaft in den Abgrund geführt.

Verantwortlich für derart fatale Entwicklungen waren Manager wie der Frankfurter Heribert Bruchhagen, der einen Trainer wie Michael Skibbe selbst nach einem Sieg rausgeworfen hatte. Wie infiziert wirkte Bruchhagen von einem in der Bundesliga grassierenden Virus, der Trainer zu Kurzarbeitern mutieren ließ. Angetrieben von Existenzangst und sportlichem Misserfolg wechselten die Vereine ihre Übungsleiter wie schmutzige Trikots, zumeist fernab jeglicher Philosophie und Perspektive.

Ein Felix Magath wurde mit seinem Zwei-Tage-Wechsel von Schalke nach Wolfsburg zum Inbegriff des verhassten Söldners und zur Spitze einer "Hire-and-fire"-Bewegung. Sage und schreibe zwölf Trainer schieden in dieser Spielzeit aus, fünf verkündeten vorzeitig ihren Abschied zum Saisonende und wurden so zu zahnlosen Tigern. Dabei gingen die jeweiligen Vereine zumeist beliebig und konzeptlos zu Werke, ein Trend war nicht auszumachen. Feuerwehrmänner folgten Konzepttrainern, Konzepttrainer ersetzten Feuerwehrmänner. Assistenten wurden erst zu Chefs, dann wieder entlassen. Gewinner gab es dabei keine. Vielleicht noch am Ende einen Andries Jonker, der sich bei den großen Bayern als Meister der kleinen Dinge entpuppte und den Rekordchampion erst von General van Gaal erlöste, um ihn daraufhin noch in die Champions League zu hieven.

Das "Trainer-wechsel-dich"-Spielchen versetzte die ganze Liga in Panik, selbst der sonst so smarte und um Ausgleich bemühte Bundestrainer Joachim Löw war zur Wechselhochphase für seine Verhältnisse außer sich. "Generell muss man sehen, dass die Seriosität erhalten bleibt", stellte er den gesamten Betrieb in Frage.

Es gab aber auch positive Ausnahmen. Marco Kurz in Kaiserslautern oder Thomas Schaaf bei Werder Bremen stehen dafür, dass sich Vertrauen und Durchhaltevermögen immer noch auszahlen können. Vielleicht ist genau dies das Fazit, an das sich in Zukunft die Verantwortlichen erinnern sollten.

Blättern Sie um und lesen Sie alles über die wachsende Macht der Ultra-Gruppierungen in der Bundesliga.

Hooligan-Problematik war gestern. Heutzutage müssen sich die Vereine mit den Ultras auseinandersetzen. Sie wollen in ihren Clubs mitreden. Manchmal eskaliert das.

Fan-Problem


Sie wollen an die Macht

Fredi Bobic hatte in dieser Saison viele Probleme. Drohender Abstieg, Angst vor finanziellen Verlusten, Zittern um den Job, einmal aber da stand der Stuttgarter Manager so richtig unter Druck. Bobic musste in den Katakomben der Mercedes-Benz-Arena den drängelnden Journalisten wie so häufig in diesem Jahr erklären, warum der VfB wieder nicht gewonnen hatte. Soweit alles ganz normal also, soweit, bis Bobic urplötzlich vom VfB-Pressesprecher hektisch nach draußen vor das Stadion beordert wurde. Dort hatte sich der wütende schwäbische Mob versammelt, und wollte Antworten. Wollte wissen, wieso, weshalb, warum. Ultras hatten die Verantwortlichen der Krise im Visier. Bobic konnte die Gruppe schließlich beruhigen. Aber es stand Spitz auf Knopf.

Derartig brenzlige Szenen wiederholten sich im Laufe der Saison. Ob in Stuttgart, zuletzt in Frankfurt, in München oder Köln - einzelne Fangruppierungen geben sich nicht mehr damit zufrieden, ihren Unmut in einer verrauchten Eckkneipe kundzutun, sie drängen nach draußen, wollen Einfluss nehmen, mitmischen in der Vereinspolitik, ihre Ideen verwirklicht sehen. Sie nennen sich "Commando Cannstatt", "Ultras Frankfurt" oder "Schickeria" und richten sich gegen Kommerz und Fremdbestimmung. Sie wollen Teil sein ihres Clubs, am liebsten aber hätten sie die ganze Macht.

So bewegt sich die Ultra-Bewegung in einem Strudel aus Gewalt und Gegengewalt, alles was konventionell ist und aus finanziellen Motiven heraus gesteuert wird, ist böse. Die Ultras tragen ihre Wut offen zur Schau, das Abbrennen von bengalischen Feuern beispielsweise ist für sie Ausdruck ihrer Liebe zum Verein, das aus Sicherheitsgründen verhängte Verbot inakzeptabel. Alles was für die Ultras zum Establishment gehört, sei es die Polizei, seien es Ordnungskräfte, alles was nur ansatzweise so aussieht, als würde der Verein seine Fans lediglich zur Kasse bitten, ist wert es zu bekämpfen.

So haben manche Bundesliga-Vereine mittlerweile ein echtes Fanproblem, und müssen aufpassen, nicht erpressbar zu werden. Oft passiert die Gewalt in den Stadien ungehemmt und ungesteuert, ist Ergebnis einer sozialen Frustration. Die Vereine werden reagieren müssen. Werden ihre Fans einbinden und überlegen müssen, wie sie Entscheidungen glaubhaft und verständlich vermitteln können. "Jeder Verein wäre gut beraten, genau das zu tun", sagt der Gunter A. Pilz. Der Fanforscher hat Recht: In der Familiensendung "Sportschau" konnte am letzten Wochenende jeder sehen, zu was Ultras in der Lage sind. Da rannten Spieler um ihr Leben. Eine Fortsetzung ist in der kommenden Saison nicht ausgeschlossen. Ein Handeln der Vereine ist unausweichlich.

Auf der nächsten Seite lesen Sie über das Ende der Leitwolf-Ära in der Bundesliga und wie sie vom Kollektiv ersetzt wird.

Die junge Spielergeneration führt sich selbst. Typen wie früher Stefan Effenberg oder Mark van Bommel lassen sich nur noch schwer in die Gemeinschaft integrieren.

Das Ende der Leitwölfe


Alle Macht dem Kollektiv

Joachim Löw weiß es schon lange. Fragen Sie mal nach bei Michael Ballack oder Torsten Frings. Was der Bundestrainer mit seiner Nationalmannschaft seit Jahren vorexerziert, greift nun auch in der Bundesliga um sich. Immer mehr Trainer setzen in ihren Teams auf flache Hierarchien - und haben damit Erfolg. Borussia Dortmund, der Deutsche Meister, zum Beispiel. Subotic, Hummels, Schmelzer, Bender, Götze, Sahin: Allesamt junge und kluge Spieler, die den Teamgedanken voll verinnerlich haben und sich selber führen. Ein Stefan Effenberg hätte die Jungs verstört. Mit ihren Methoden hätten auch Mark van Bommel oder Torsten Frings beim BVB nichts erreichen können.

Apropos Mark van Bommel: Von Ottmar Hitzfeld wurde er einst "Aggressive Leader" getauft. Der Niederländer soll ein "großartiger Kapitän" bei den Bayern gewesen sein, so sagte es zumindest Karl-Heinz Rummenigge nachdem er van Bommels Vertrag im Winter aufgelöst hatte. Als das Raubein die Bayern in Richtung Mailand verließ, stand der Club auf Rang sechs. Vor dem letzten Spieltag belegen die Bayern Platz drei und kratzen sogar noch an der direkten Champions-League-Qualifikation. Dass nach dem Weggang von Mark van Bommel bei den Bayern alles eingestürzt ist, lässt sich nicht gerade behaupten. Auch wenn Schweinsteiger, Lahm, Gomez und Müller vielleicht noch nicht die große Ausstrahlung haben, lenken und führen können sie die Mannschaft auch - als Gruppe.

"Ich denke, unsere Generation bringt eher Leute hervor, die nicht auf dem Platz herumschreien, sondern genug Feingefühl haben, um zu merken, wenn jemand Hilfe braucht", sagt Nuri Sahin vom Meister aus Dortmund. Ähnlich sieht es der Mainzer Lewis Holtby, der mit seiner Mannschaft, einem Team ohne echten Kopf, den Einzug in die Europa League geschafft hat. "Jetzt reift eine Generation heran, in der das Kollektiv an Bedeutung gewinnt. Wir pushen uns gegenseitig, und wir jungen Spieler sind gewillt, Verantwortung zu übernehmen." Die Spieler wollen keine Effenbergs mehr in ihren Mannschaften.

Zum Schluss geht es auch um Felix Magath und seinen antiquierten Führungsstil. Bitte blättern Sie.

Gehorsam, Drill und Disziplin: Trainer wie Felix Magath glauben immer noch, dass man nur so ein Team führen kann. Weit gefehlt.

Trainer in der Bundesliga


Schleifer sind out

Kennen Sie den "Berg der Leiden"? Felix Magath hat diesen brutal-steilen Trainingshügel während der Wolfsburgs Meistersaison 2008/2009 auf dem Vereinsgelände der Wölfe bauen lassen. Überliefert ist aus Wolfsburg folgende Geschichte: Der Spieler x soll sich nach Erklimmen des Berges auf der obersten Stufe übergeben und zum Spieler y gesagt haben, dass er sofort kündigen wolle, weil er unter Felix Magath keinen Tag länger mehr trainieren könne. Die Kündigung blieb aus, dafür bekam Felix Magath Wind von der Geschichte. Spieler x fand sich fortan auf der Ersatzbank wieder - und bekam vom Trainer bis zu seinem Wechsel keine weitere Minute Einsatzzeit.

Nun könnte man sagen, dass Felix Magath alles richtig gemacht hat. Er wurde damals Deutscher Meister. Aber was kam dann? Der Trainer-Söldner verließ Wolfsburg, heuerte bei Schalke 04 an und hinterließ beim VfL eine total ausgebrannte und verunsicherte Mannschaft, die die Nach-Meister-Saison auf Platz acht abschloss. Magaths Stil basiert, ähnlich dem von Bayerns Ex-Trainer Louis van Gaal, auf dem Prinzip der Unterwerfung. Deshalb scheiterte "Quälix" zuletzt bei Schalke 04. Auch Van Gaal soll einzelne Spieler bei seinen gefürchteten Videoanalysen vorgeführt und so der Lächerlichkeit preisgegeben haben. Holger Badstuber kann davon ein Lied singen. Seit van Gaals Abschied spielt Badstuber übrigens in der Innenverteidigung fehlerfrei. Das war nicht immer so in dieser Saison.

Felix Magath und Louis van Gaal gehören einer Trainergeneration an, die - so scheint es - in der Bundesliga ausgedient hat. Beide behandeln ihre Spieler eher emotionslos, manchmal sogar wie lebloses Arbeitsmaterial. Aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Junge Spieler sehnen sich nach demokratischen Strukturen - und nicht nach dem "Berg der Leiden" oder Trillerpfeife und Gebrüll. Für das Gegenmodell stehen diese Namen: Tuchel (37), Klopp (43), Oenning (45), Kurz (41), Labbadia (45), Slomka (43), Stanislawski (41), Hecking (46), Dutt (46). Junge Trainer, sicher auch autoritär, die für jedes Spiel einen akribischen Plan besitzen und ihre ganz eigene Philosophie haben. "Thomas Tuchel behandelt uns erst an zweiter Stelle als Spieler, zunächst sieht er nur den Menschen", hat André Schürrle über seinen Trainer Thomas Tuchel mal gesagt. Das Bild des Mannes am Spielfeldrand, es hat sich in dieser Saison überholt. Auch das stimmt hoffnungsfroh.

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