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Christoph Daum bei Eintracht Frankfurt: Rückkehr eines Wahnsinnigen

Christoph Daum ist der grellste Trainer, den die Bundesliga je hatte. Er beschimpfte die Bayern, war Meister und Fast-Nationaltrainer, nahm Drogen, floh in die Türkei, kam zurück, blieb nur kurz, floh erneut. Jetzt ist er zum zweiten Mal zurück. Es wird sicher wieder lustig.

Von Klaus Bellstedt

All die lustigen Szenen aus zig Jahren "Aktuelles Sportstudio", die Perücke von Jonny Weißmüllers Frau, Schalke 05 oder der schweigsame Boxer Prinz von Homburg - müde Gags gegen den Auftritt von Christoph Daum im Frühjahr 1989. Das Spitzenspiel seiner Kölner gegen den FC Bayern stand bevor. Der Trainer heizte schon mal ein, beleidigte die Bayern und brachte Uli Hoeneß in Rage, während Jupp Heynckes mit hochrotem Kopf sprachlos daneben saß. Die Zuschauer brüllten "Zieht den Bayern die Lederhose aus". Einmalig, unvergessen. Dass Daum anschließend das Spitzenspiel verlor und die Bayern Meister wurden, wen schert es? Vom Helden zum Looser, das ging bei Daum schließlich schon immer schnell.

Jahre später, nach zahlreichen Vizemeisterschaften, einer richtigen Meisterschaft, Kokainskandal und Flucht in die Türkei wurde er als Messias gefeiert. Die Kölner Fans waren vollkommen jeck, als bekannt wurde, dass Christoph Daum wieder Trainer bei ihrem FC werden würde. Das war 2006. Daum führte den Herz- und Schmerzverein zwei Jahre später zurück in die Bundesliga. Der Denkmal-Platz neben dem Dom war schon reserviert. Die Kölner erfüllten ihm sogar seinen größten Wunsch: Der Prinz wurde mit einer finanziell äußerst riskanten Aktion zurück vom FC Bayern geholt, Lukas Podolski war wieder da. Nur Daum war 2009 nicht mehr in Köln - sondern auf dem Weg zurück in die Türkei, zu Fenerbahce Istanbul. Aus dem Messias wurde der Judas.

Warum Christoph Daum damals Hals über Kopf die Kölner verließ? Es war ein monströses Angebot von Fenerbahce Istanbul, das ihn schwach werden ließ. Der FC gab ohne weitere Verhandlungen auf. Daum hatte den Clubbossen einen Vertrag diktiert, der ihm alle Freiheiten gewährte und aus dem er im Grunde ständig aussteigen konnte. Er hatte in Köln den Generalschlüssel in die Hand bekommen, der Club hatte sich ihm komplett ausgeliefert. Wohl auch deshalb waren einige im Verein gar nicht so unglücklich über die abrupte Trennung. Angeblich gab es sogar zwischendurch Bestrebungen, Daum wegen seiner Allmacht loszuwerden. Aber vor allem auch, weil er ein Selbstdarsteller ist.

Geschichte wiederholt sich in Istanbul

Apropos Selbstinszenierung: Die zieht sich durch seine gesamte Trainerkarriere wie ein roter Faden. Erinnert sei an einer Pressekonferenz im Spätherbst 2006. Die Szene erinnerte an eine Theateraufführung, nur hatte sich der Hauptdarsteller seine Krankheit nicht eingebildet. Christoph Daum trommelte Journalisten in einer Klinik zusammen, um über sein Befinden zu reden und mit dünner Stimme zu verkünden, dass er nicht Trainer des 1. FC Köln wird - um nur wenige Tage später dann doch zuzusagen.

Für Daum wiederholte sich dann Geschichte 2009 in der Türkei. Wie beim FC war es auch bei Fenerbahce Istanbul sein zweites Engagement. Nach der Kokainaffäre im Jahr 2000, als ihm durch eine Haaranalyse der Konsum von Koks nachgewiesen wurde, war Daum in der Bundesliga aber vor allem beim Deutschen Fußball-Bund verbrannt. Der DFB kündigte damals seinen Handschlag-Vertrag, der seine Ernennung als Bundestrainer zum Juni 2001 vorgesehen hatte. Fenerbahce gab ihm eine zweite Chance. Das vergaß er dem Club nie. "Fener" und Daum, das ist vergleichbar mit der Liebe zum 1. FC Köln. Auf Händen trugen die Fans den Rückkehrer durch die Ankunftshalle des Atatürk-Flughafens. Daum ließ sich schon immer gerne abfeiern. Aber auch diese Liebe sollte in einem Desaster enden.

Zum zweiten Mal nach 2006 verspielte der Deutsche mit Fenerbahce einen sicher geglaubten Titel am letzten Spieltag. Konsequenz: Daum musste gehen. Nach seiner Entlassung sprach er von einer "Meuchelei". Auch das ist typisch für ihn. Sein Abgang in Istanbul war fast so dramatisch wie seine Rückkehr fröhlich.

Praktika bei Manchester United und Chelsea

Im Sommer 2010 wurde es still um Christoph Daum. Der 57-Jährige absolvierte Praktika in England und Südamerika. Unter anderem bildete er sich bei Manchester United, dem FC Liverpool, dem FC Chelsea und bei Manchester City fort. Schon damals träumte er aber immer von einer Rückkehr in die Bundesliga. "Ich hatte in den vergangenen Monaten einige Angebote aus dem Ausland. Doch ich habe sie in erster Linie abgesagt, weil ich zurück in die Bundesliga möchte. Auf ihr liegt mein Fokus", sagte er zu Monatsbeginn in einem Gespräch mit der "Welt". Nun ist Christoph Daum, der von sich selbst behauptet ein Konzept-Trainer zu sein, zurück in der Bundesliga.

Noch vor wenigen Tagen hatte Christoph Daum die irre Situation in der Bundesliga so beschrieben: Bei den Vereinen herrsche eine Art Erinnerungsoptimismus vor, meinte der Trainer. Es überwiege also jenes recht konservative Gefühl, dass früher alles besser war als heute. Verbunden mit der Sehnsucht, die angeblich guten alten Zeiten vielleicht noch einmal heraufzubeschwören. Nun muss er, der manchmal leicht wahnsinnig erscheinende Trainer, selber beweisen, dass früher eben doch nicht alles besser war.

Gespannt sein darf man in Frankfurt vor allem auf Daums Zusammenspiel mit Eintrachts Vorstandsboss Heribert Bruchhagen. Bruchhagen steht für Ruhe und Kontinuität - aber auch für Macht. Mit Daums Verpflichtung gibt der Chef einen Teil seiner Macht nun ab. Daum hatte zuletzt immer betont, bei einer Rückkehr in die Bundesliga die komplette sportliche Verantwortung übernehmen zu wollen. Sie werden in Frankfurt mit Christoph Daum ihren Spaß haben, so oder so.

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