EM-Fernsehkritik, Tag 5 Poschmann, der Plattitüden-Bomber


In der Fußball-Berichterstattung sollte man allzu abgedroschene Phrasen vermeiden - aber das ZDF ließ gestern ein verbales Gewitter auf den Zuschauer niedergehen, das es in sich hatte. Spätestens, als bei der "Wasserschlacht von Basel" die "Luft brannte", sehnte man sich nach dem trockenen Humor der ARD-Kommentatoren.
Von Malte Krebs

Gestern gab es zwei Spiele, in denen es für die beteiligten Mannschaften um den Einzug ins Viertelfinale ging. Und fürs ZDF ging es darum, an die Traumquoten vom Wochenende anzuknüpfen. Knapp 26 Millionen Fußballfans bejubelten am Sonntag den Sieg der deutschen Mannschaft, der Marktanteil lag bei sensationellen 69 Prozent. Diesmal ging es für den Gastgeber Schweiz um alles, aber das erhoffte "Sommermärli" entwickelte sich im entscheidenden Spiel gegen die Türken zu einem nassen Alptraum, das Match in Basel versank zeitweise im Matsch.

"Psychologischer Vorteil für Portugal"

Davor gab es das Spiel Portugal gegen Tschechien. Hier versorgte Kommentator Thomas Wark die Zuschauer mit Urteilen, die das Palttitüden-Bombardement des ZDF an diesem Abend eröffnen sollte. Er faselte von einem "psychologischen Vorteil für Portugal" und vom "50er Jahre-Fußball" der Tschechen. Es sollte anders kommen. Zwar hielten sich die Spieler zunächst an diese vom ZDF-Mann festgelegte Dramaturgie: "Und da isses! Das Tor für Portugal" schmetterte er in der achten Minute ins Mikrofon. Wenige Augenblicke später überquerte dann der Ball nach einem Doppelpass die Torlinie.

Wortreich ging es weiter. Laut Wark sah man nun "Anschauungsunterricht für die anderen Mannschaften - Portugal ist doch verwundbar." Sprach es, und eine Sekunde später fiel der Ausgleich. Diesmal versagte die Fähigkeit, per Kommentar ein Spiel zu steuern, kläglich. Ganz im Gegensatz zu Portugals Trainer Felipe Scolari, der am Spielfeldrand tobte.

Prophetische Fähigkeiten versagten später

In der zweiten Hälfte wurde Wark stellenweise erfreulich wortkarg, bis er schließlich wieder zu unken begann: "Bei den letzten Turnieren enttäuschte Ronaldo, weil er sich zu sehr unter Druck setzt - wird es diesmal genau so sein?" Kurze Zeit später ballerte der Superstar das 2:1 ins Netz. Die prophetischen Fähigkeiten des Kommentators versagten zusehends. Lediglich das letzte Orakel aus der Sprecherkabine kurz vor Abpfiff sollte sich bewahrheiten: "In wenigen Sekunden wird sich die portugiesische Seite des Stadions in ein Tollhaus verwandeln." Und tatsächlich: sie tobten.

Zwar konnte die Stadion-Atmosphäre in die gut gefüllte ZDF-Arena in Bregenz herübergerettet werden, nicht jedoch das Urteil des Sprechers. Die "Dreierkette" der ZDF-Experten Kerner, Klopp und Meier rückte die Einschätzung ihres Vorredners zurecht: "Die Tschechen spielen jetzt auch nicht gerade die Sterne vom Himmel", hatte Jürgen Klopp schon in der Halbzeitpause resümiert. Die Spezialisten waren sich einig: Portugal hatte verdient gewonnen. "Kebab-Connection oder Gammelfleisch" lautete Kerners nicht gerade originelle Frage zum nächsten Spiel des Abends. Hinsichtlich der türkischstämmigen Schweizer Spieler gab Urs Meier eine deutliche Antwort: "In der Schweiz gibt es kein Gammelfleisch!"

Wenig Information, viel Gerede

Auch Kommentator Wolf-Dieter Poschmann brachte wenig neue Erkenntnisse: Seine rhetorische Frage "muss man da noch mehr sagen?" bejahte er im Folgenden wortreich und zeigte, wie man aus wenig Information viel Gerede machen kann: "Es wird kein Spiel der wenigen Zweikämpfe - im Gegenteil, das Spiel geht nur über Kampf"

In puncto Plattitüden war Poschmann in alter Form. "Die Luft brennt", wusste er zu berichten, kurz bevor es in Basel wie aus Kübeln zu regnen begann. Wenig begeistert von dem Naturschauspiel zeigte sich Kerners Halbzeitrunde, Urs Meier machte sich gar Gedanken über einen "Unterbruch" der Partie. Aber in Poschmanns Kommentatorenkabine belebte das nasse Wetter offenbar die Stimmung. Von "Wasserball" bis "Schlammschlacht" wurde jeder sich bietende Kalauer dankbar aufgenommen. Da sehnte man sich nach dem trockenen Humor des ARD-Duos Netzer/Delling.

Nach dem Aus für Gastgeber Schweiz musste der Schweizer Urs Meier schwer schlucken. Er überließ seinen Kollegen die Analyse, bevor er traurig resümierte: "Es ist mehr als bitter!" Inzwischen war das schlechte Wetter in Bregenz angekommen, man debattierte unter Regenschirmen vor menschenleerer Kulisse. Viel voller war es bei der Live-Schaltung in Istanbul auch nicht. "Hier steppt der Bär!" beteuerte der Reporter, doch statt jubelnder Menschenmassen sah man nur ein spärlich besetztes Straßencafé. Ganz anders in Basel: Arm in Arm mit türkischen Fans zogen Schweizer Schlachtenbummler durch die Straßen und wurden zumindest optisch ihrer Gastgeberrolle gerecht. Die Verlierer hatten offenbar die bessere Party.


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