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EM-Momente: Der blonde Engel und das Ungeheuer

Vor der EM erinnert stern.de an die magischen Momente der EM-Geschichte. Im dritten Teil geht es um einen aufstrebenden Genius und ein Ungeheuer – in der ewigen Stadt, in der Deutschlands Fußball-Träume wahr werden.

Von Nico Stankewitz

Es ist der gleiche Rasen im selben Stadion, in dem Deutschland zehn Jahre später den Weltmeistertitel erringen soll, die Spielfläche im Stadio Olimpico in Rom. Die deutsche Mannschaft, die hier 1980 den Europameistertitel gewann, hat dabei noch (fast) nichts mit der 90er Elf gemeinsam und auch (fast) nichts mehr mit der großen Mannschaft von 72 und 74.

Seltsam geschichtslos wirkt dieses Team, obwohl gerade in dieser Auswahl eine Reihe von höchst talentierten jungen Spielern stand, die der folgenden Dekade durchaus ihren Stempel aufdrücken sollten. Doch Rom sollte nur ein Zwischenspiel bleiben und nicht die Geburtsstunde einer großen Mannschaft.

Neue Mannschaft

Die Ära von Helmut Schön war mit der Schmach von Cordoba zu Ende gegangen und Jupp Derwall tat, was kluge Co-Trainer tun, wenn sie den Gipfel erklommen haben: Sie profitieren davon, was sie so in den vergangenen Jahren als Mittelfigur zwischen Cheftrainer und Spieler mitbekommen haben und ändern behutsam einige Dinge, die die Spieler schon immer gestört haben.

So baute Derwall ruhig und freundlich die Mannschaft Stück für Stück um und setzte durchaus auf junge Spieler. Nach dem Autounfall von Sepp Maier übernahm Toni Schumacher die Torwartposition, mit Karlheinz Förster, Hansi Müller, Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Allofs standen junge Ausnahmekönner in der Elf, die diesem Turnier ihren Stempel aufdrücken sollten.

Lösbare Aufgaben

Im Gegensatz zu den zwei vorherigen Turnieren schien die Mannschaft diesmal keine Großbaustelle, sondern gut zusammengestellt und sportlich stimmig zu sein. Die Qualifikation wurde relativ überzeugend geschafft und Deutschland hatte eine gute Gruppe erwischt: Während in der anderen Vierergruppe die hoch eingestuften Spanier und Engländer auf Gastgeber und Topfavorit Italien und Underdog Belgien trafen, hatte Deutschland mit den alternden Holländern, der Tschechoslowakei und Griechenland eine lösbare Gruppe.

Da sich der Gruppensieger direkt für das Finale qualifizierte, kein unwichtiger Umstand. Durch einen Treffer von Rummenigge besiegte Deutschland die CSSR im Eröffnungsspiel mit 1:0, besiegte dann durch drei Tore des Düsseldorfers Klaus Allofs die Niederlande 3:2 und sicherte sich den Finaleinzug.

Das Ungeheuer von Rom

Am Finaltag in Rom ist es schwül, düster-graue Wolken liegen über der italienischen Hauptstadt. Die deutsche Mannschaft ist aufgeräumt und optimistisch, aber es warten – die Belgier. Als große Außenseiter gestartet, hat die Elf von Trainerfuchs Guy Thys mit perfekter Abseitsfalle und robustem Defensivfußball die Gegner zur Verzweiflung getrieben, im „Endspiel“ der Gruppe hatten die Italiener nur ein 0:0 gegen Jean-Marie Pfaff, Erik Gerets und Co geschafft.

Gegen eine so perfekte Abseitsfalle helfen vor allem zwei Mittel: Gute Steilpässe und gute Flanken auf kopfballstarke Stürmer. Deutschland hatte an diesem Tag beides und vor allem hatte die Mannschaft einen 20-Jährigen Regisseur, der dem Spiel mit brillanten Pässen seinen Stempel aufdrückte: Bernd Schuster, vom Boulevard nur der „blonde Engel“ genannt.

Hrubesch trifft

Mit 18 Jahren war der Augsburger schon Stammspieler beim damaligen Deutschen Meister in Köln, nun, zwei Jahre später, war er der stärkste Mittelfeldspieler der europäischen Titelkämpfe, der nach dem Turnier zum großen FC Barcelona wechselte.

Der zweite deutsche Trumpf sollte ein Mittelstürmer werden, den man nur das „Kopfballungeheuer“ nannte: Horst Hrubesch. Der 29-Jährige vom Hamburger SV war aufgrund einer Verletzung des Stamm-Mittelstürmers Klaus Fischer erst im Mai in die Mannschaft gerutscht und hatte bis zu diesem Finale noch nicht getroffen. Bis zur 10. Minute, als Hrubesch einen präzisen Pass von Schuster aufnimmt und von der Strafraumkante mit einem Aufsetzer das 1:0 erzielt.

Ecke Rummenigge, Tor Hrubesch

Belgien antwortet mit heftigen Angriffen, aber insbesondere die Innenverteidigung mit den überragenden Stielike und Förster steht perfekt – bis zur 72. Minute als van der Elst von Stielike gefoult wird und Mommers mit einem Foulelfmeter den Ausgleich erzielt. Alles scheint auf eine Verlängerung zu deuten, Rummenigge vergibt noch eine gute Chance gegen Pfaff – dann kommt die 89. Minute. Eckball für Deutschland, Rummenigge sagt zu Hrubesch: „Ich hau dir jetzt den Ball auf den Kopf und du machst ihn rein.“ Rummenigge geht zur linken Eckfahne, läuft an, serviert den Ball auf den Kopf von Hrubesch, der köpft, Tor, Deutschland ist Europameister. Ein magischer Moment

Als deutscher Fußballfan konnte man an diesem Abend optimistisch nach Hause reisen, hier schien eine große Mannschaft kurz vor der Vollendung zu stehen. Es kam anders, und so bleibt diese Elf von Rom immer von etwas Wehmut umgeben – hier hätte noch mehr entstehen können, aber es dauerte zehn Jahre bis andere Spieler und ein anderer Trainer das Stadio Olimpico endgültig eroberten.

Die Finalelf von Rom:

Harald Schumacher, Manfred Kaltz, Uli Stielike, Karlheinz Förster, Bernhard Dietz, Bernd Schuster, Hans-Peter Briegel (55. Bernd Cullmann), Karl-Heinz Rummenigge, Hans Müller, Horst Hrubesch, Klaus Allofs.

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