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Interview Köbi Kuhn: "Beim Einkaufen spüre ich Begeisterung"

Es ist sein letztes großes Turnier. Nach der EM hört Köbi Kuhn als Schweizer Nationaltrainer auf und übergibt sein Amt an Ottmar Hitzfeld. Vorher will der der 64-Jährige aber mit seinem Team im eigenen Land noch für Furore sorgen. Wie, das verrät Kuhn im Interview mit stern.de-Autor Oliver Trust.

Schöner Pin am Revers Herr Kuhn. Das "Hopp Schwiiz" sieht aus wie die Ankündigung, bei der EM ein Farbtupfer zu sein? Ach das, das gibt etwas Farbe in den grauen Alltag. Es ist uns wichtig, die Leute positiv zu stimmen, damit jeder Mann und jede Frau merkt, dass es im Endeffekt zwar nur um ein Spiel geht, geht, aber eines, dass für viele Menschen auch in diesem Land eine besondere Bedeutung hat. Wir haben das während der beiden letzten Turnier miterleben können, was es für die Leute bedeutet und was es auf die Spieler überträgt.

Was wäre für Sie ein Erfolg bei der EM, was ein Misserfolg? Ein Erfolg wäre, die Gruppe zu schaffen und das Viertelfinale zu erreichen. Über diesen Punkt hinaus möchte ich gar nicht groß nachdenken. Aber wir spielen immerhin gegen die Nummer sechs, acht und dreizehn oder vierzehn der Fifa-Rangliste. Heute sind wir vielleicht wieder ein Stück mehr entfernt, aber wir waren nach der WM auch in dem Bereich. Dass man sich mit Freundschaftsspielen nicht verbessern kann, wussten wir. Wir sind deshalb nicht ängstlich.

Muss jeder Nationaltrainer für diesen realistischen Blick sorgen und gegen zu hohe Erwartungen anzukämpfen? Von außen betrachtet entsteht der Eindruck, die Schweiz befindet sich im tiefen Jammertal?

Dass man uns zutraut, mit den Großen mitzuhalten, ist eher ein Kompliment. Wir werden dafür sorgen müssen, dass wir das - egal wie - ein Stück weit zu einer Realität werden lassen. Die Schweizer können das gut einschätzen, die meisten freuen sich, überhaupt bei einem solchen Ereignis dabei zu sein. Genauso wie sie sich in Deutschland gefreut haben. Das war gigantisch. Wenn es losgeht, stehen die Leute hinter uns.

Die Schweizer können es also auch richtig krachen lassen? Darauf können Sie sich verlassen.

Es heißt, die Schweizer freuen sich nicht auf die EM?

Wenn ich einkaufen gehe, sehe ich etwas anderes. Ich merke, dass sich jeder aufs Turnier freut Es gibt eine große Erwartung, auf das gesamte Turnier gesehen. Natürlich auch an uns als Schweizer Nationalteam. Es wird eine super Atmosphäre im ganzen Land herrschen. Und wissen Sie was?

Bitte.

Es gibt bei uns so viele Nationen, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier. Irgendeiner wird schon Grund haben, zu feiern.

Sie waren "Trainer des Jahres" und "Schweizer des Jahres" - jetzt heißt es Ihre Stimmungswerte seien gesunken?

Es stimmt beides nicht, ich bin weder Held noch Depp. Ich habe das immer richtig eingeschätzt und deshalb stört es mich nicht. Es ist beides nicht die Wahrheit. Ich weiß es wird auf beiden Seiten übertrieben. Es gibt probate Mittel dagegen.

Die wären?

Man muss nicht alles lesen. Weder das Gute noch das Schlechte.

Das ist Ihre Art, die Balance zu halten?

Ich glaube das ist eine innere Einstellung. Die wirklich großen Stars, jetzt nicht nur im Fußball, gewinnen an Größe, wenn sie sich nicht als Nabel der Welt betrachten.

Lebt es sich für Sie nun leichter, nachdem bekannt ist, Sie hören nach der EM auf?

Ich freue mich riesig auf die Tage mit den Spielern. Aber es gibt auch noch Momente, wo man etwas ausatmet. Ich mache das jetzt sieben Jahre. Und eines wollte ich nie, ich wollte nie eine Mannschaft, die am Ende steht, weiter geben. Wir haben heute eine junge Mannschaft, die auch für die Zukunft einiges verspricht. Ich bin nicht die Mutter Theresa, ich schaue schon, dass es für mich gut ausgeht, aber war es mir ein Anliegen Ottmar ein Team abzugeben, mit dem er etwas anfangen kann.

Sind Sie glücklich mit der Lösung Hitzfeld? Ich wollte mit dem Hinweis, an meinen Assistenten Michel Pont zudenken, lediglich sagen, schaut nicht zu weit, wir haben hier auch Leute. Es gab hier zuvor Trainer aus Argentinien und Portugal. Aber ich bin absolut glücklich mit Ottmar. Er hatte seine große Zeit mit seinen Vereinen, aber wir alle haben nicht vergessen, dass er hier bei uns groß geworden ist.

Nationaltrainer zu sein, ist in jedem Land schwierig, in Deutschland gibt es 80 Millionen Bundestrainer.

Wir haben sieben.

Das ist ein bisschen leichter für Sie als für den Kollegen Löw. In der Schweiz hat man zudem den Eindruck, man kämpft mit einem gewissen Minderwertigkeitskomplex, wenn es um Fußball geht. Man steht nicht zum "Schweizer sein".

Den Minderwertigkeitskomplex teilen wir mit vielen kleinen Nationen. Im modernen Zeitalter wird der eigene Fußball ständig mit dem von anderen verglichen. Aber ein Minderwertigkeitskomplex haben Schweizer Fußballer nicht mehr nötig. Viele spielen in großen Ligen, jede Woche gegen die Großen. Diese Tatsache hat den Minderwertigkeitskomplex zur Seite geschoben. Angst vor den anderen hat keiner mehr in der Schweiz.

Dann ist das mehr die normale Aufgeregtheit vor einem großen Turnier, das auch noch im eigenen Land statt findet?

Man lernt Erwartungen und eigene Ziele zu verarbeiten. Die Erwartungen sind schließlich auch da, weil wir uns ein hohes Ziel gesetzt haben, das wir allerdings spielerisch betrachten: Wir wollen Europameister werden. Das wollen die anderen 15 auch, aber es wird nur einem gelingen.

Haben Sie mit Ihren Spielern darüber gesprochen, zu welcher Euphorie eine Mannschaft durch ein solches Turnier getragen werden kann?

Damit uns unsere Zuschauer und unser Fans lieben, müssen wir Ihnen Freude bereiten. Das Wichtigste ist, dass die Leute stolz auf uns sind. Von Geld oder anderen Motivationsfaktoren zu sprechen, ist Unsinn. Die Spieler kommen gerne in die Schweiz und spielen dort für die "Nati". Das gilt es auszunutzen.

Wo steht die Schweiz heute?

Jede Mannschaft, die sich auf ein solches Turnier im eigenen Land vorbereitet, hat es schwer. Deutschland nach seinem Spiel in Italien, gegen Japan gab es mit Mühe ein remis im letzten Spiel. Die Franzosen hatten sehr große Kritik, Amie Jacquet hat bis heute mit manchem keinen Frieden schließen können. Es ist eine schwierige Zeit, die man lange nicht wahr haben will. Ich habe alle Spiele zu Qualifikationsspielen ernannt, also zu Qualifikationsspielen für die Spieler, so kann man versuchen, die Spannung hochzuhalten.

So eine Qualifikation ist auch ein wenig eine Kennenlernreise? Ich denke schon, es ist für uns immer wichtig, das was auf uns zukommt, zu kennen. Aber auch an manchem Ergebnis wächst man, und bekommt Selbstvertrauen. Wir wissen nun, was es braucht. Ich habe immer gesagt, wir sind keine Weltmeister, wir gehören da nicht dazu. Es gibt eine Disziplin wo wir das sein können, das ist im Teamgeist. Da müssen wir besser sein als die anderen, dann haben wir gegen jeden Gegner eine Chance. Aber wir wissen auch, wenn unser Gegner mit demselben Geist ins Spiel geht, wird es schwierig. Wir können nicht immer unbedingt davon ausgehen, dass wir die besseren Fußballer sind.

Für welche Art Fußball steht die Schweizer "Nati"?

Es ist ein offensiv gedachter Fußball. Ich konnte mir nie vorstellen auch mit einer gekonnten destruktiven Spielweise zu agieren, dazu habe ich zuviel Freude am Fußball. Das versuche ich den Spielern weiter zu geben. Manchmal muss man taktisch vorgehen, nur schön spielen und hoch verlieren wollen wir auch nicht. Zusammenfassend: Die Schweiz steht für einen optimistischen Fußball.

Wagen wir einen Blick nach Deutschland rüber.

Bis die Qualifikation fest stand, war Deutschland für mich eine der besten Mannschaften der Welt, wenn nicht gar die beste. Das es ein Nachlassen gab, ist nachvollziehbar. Ein 0:3 gegen Tschechien hätte es sicher nie gegeben, wenn es noch um etwas gegangen wäre. Aber genau das zeigt, es darf kein Nachlassen geben, auch bei den ganz großen nicht, wenn man negative Überraschungen vermeiden will. Aber nach wie vor gilt Deutschland neben Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien zu den Favoriten.

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