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Siegesfeiern: Deutschland im Freudentaumel

Millionen Fußball-Fans in Deutschland haben friedlich den Einzug der deutschen Nationalelf ins EM-Finale gefeiert. Die Polizei sprach von einem gemeinsamen großen Fußball-Fest von Deutschen und Türken. Nur vereinzelt gab es Zwischenfälle. In Sachsen allerdings kam es zu Randalen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen.

Nach dem knappen Sieg der Nationalelf gegen die Türkei dürfen die Fans weiter vom EM-Titel träumen. Millionen Menschen wurden am Mittwochabend einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt, erst der Schlusspfiff in Basel erlöste die Menschen. Eine Woge der Begeisterung breitete sich in der Republik aus. Auf Fanmeilen und Straßen, vor den Riesenleinwänden und in den Kneipen feierten die Menschen das 3:2 von Ballack und Co., das der deutschen Elf in letzter Minute den Einzug in das Endspiel am Sonntag brachte.

Überall in Deutschland hatten sich Zehntausende versammelt, um gemeinsam bei dem Halbfinale im Baseler St.-Jakob-Park-Stadion mitzufiebern. Das Münchner Olympiastadion war mit mehr als 30.000 Fans bereits lange vor Spielbeginn brechend voll, weitere 12.000 waren in der Innenstadt unterwegs. In Nürnberg kamen 25.000 Menschen zusammen, die Hälfte davon Türken. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammelten sich 40.000 Menschen. Auf dem Frankfurter Rossmarkt und der nahe gelegenen Konstablerwache wurden 10.000 Menschen geschätzt. Etwa 42.000 deutsche und türkische Fans verfolgten bei der größten Feier im Norden in Hamburg das Spiel. Am Dresdner Elbufer waren 10.000 Zuschauer unterwegs, in Leipzig mehrere tausend, in und vor der Kölnarena feierten 40.000 Menschen. Die 30.000 Menschen in der Fanzone in Wien mussten das Gelände kurz vor Spielende wegen eines schweren Gewitters räumen. Dabei wurden zwei Menschen niedergetrampelt und schwer verletzt.

Jugendliche zünden in Dresden Döner-Buden an

In Dresden griff eine Gruppe Jugendlicher nach dem Spiel drei Döner-Buden an und verletzte zwei türkische Betreiber. Die 20 bis 30 Randalierer hätten außerdem türkische Fahnen angezündet. Mehrere Schaulustige und Mitläufer verfolgten die Randale. Auch in Chemnitz war die Stimmung laut Polizei sehr aufgeheizt. Als die Einsatzkräfte weitere Ausschreitungen verhindern wollten, seien die Randalierer plötzlich auf die Beamten losgegangen. Dabei wurden sechs Polizisten verletzt und mehrere Polizeiautos beschädigt. In Hannover nahm die Polizei 20 Rechtsradikale in Gewahrsam, die beim Fan-Fest wiederholt rassistische Parolen skandierten.

Trauer herrschte bei Millionen türkischer Fans in Deutschland und in der Heimat. Unter den 12.000 Türkei-Anhängern auf dem Hamburger Heiligengeistfeld machte sich Enttäuschung breit. In Berlin-Kreuzberg, einer Hochburg der türkischen Gemeinde, erholten sich die Fans schnell von ihrer Trauer. Viele schwenkten auf die deutsche Flagge um. Ein deutscher Fan stellte sich vor die Fernsehkamera mit seinem türkischen Freund. "Ich tröste ihn heute, ich trockne seine Tränen", sagte der junge Mann.

Auch in der Türkei reagierten die Fußballfans zunächst mit langen Gesichtern auf die Niederlage. Auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul herrschte nach dem Tor zum 3:2 zunächst fassungsloses Schweigen, nachdem Tausende Fans das Spiel leidenschaftlich mit Trommeln und bengalischen Feuern vor einer Großleinwand begleitet hatten. Nach einigen Minuten wurden wieder trotzige "Türkiye, Türkiye"-Rufe angestimmt. "Wir tragen den Kopf hoch", sagte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül in einem Fernsehinterview.

DPA/Reuters / DPA / Reuters

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