Bilic-Interview "Derzeit bin ich ein Held"


Die EM-Qualifikation hat Kroatien mit Bravour gemeistert. Jetzt erwarten die Fans von Slaven Bilic und seinem Team den Titel in Österreich und der Schweiz. Im Interview mit stern.de spricht der 39-jährige Trainer über seine Ziele und verrät, warum Erfolg für ihn in erster Linie Kopfsache ist.

Herr Bilic, neulich haben sie auf einem Dach in Split mit Ihrer Rockband "Rawbau" gespielt? Split ist meine Heimatstadt.

Nun spielt nicht jeder Nationaltrainer als Leadgitarist in einer Rockband?

Musik bedeutet mir sehr viel. Leider hatte in den letzten Monaten immer weniger Zeit, zu üben.

Trotzdem hat es zum neuen Song "Vatreno Ludilo" gereicht, was soviel wie "Der reine Wahnsinn" bedeutet. Fühlen Sie sich so?

Für Kroatien ist die EM von großer Bedeutung und es ist von großer Bedeutung, dass wir einen Umbruch des Teams eingeleitet haben, der Früchte trägt. Nun haben wir ein Lied für die Fans geschrieben.

Welche Musik ist Ihre Musik?

Heavy Metal, ich mag Metallica und Ramstein.

Ihr Auftritt mit Ihrer Band wurde bejubelt, aber auch im Fußball sind Sie ein Held?

Es ist bei uns wie überall. Du bist der Held oder der Depp. In Kroatien ist nur alles noch ein bisschen schlimmer. Es gibt keine Mitte, wie in vielen südlichen Ländern. Derzeit bin ich eben ein Held.

Neben neuen Songs, erwarten die Kroaten jetzt Siege?

Die Euphorie ist groß und eigentlich etwas zu groß. Die Leute erwarten, dass wir die Europameister werden. Das ist auch möglich, wir haben eine gute und starke Mannschaft. Schließlich haben wir in dieser Qualifikation gezeigt, dass wir mit jeder Mannschaft in Europa mithalten können. Aber ich kann mich nicht hinstellen und das versprechen, aber wir probieren es.

Wie hat sich das Leben als Nationaltrainer nach der EM-Qualifikation verändert?

Vieles hat sich geändert. Aber vor diesem Job war ich ja kein Professor an der Universität, sondern ich habe Fußball gespielt. Wir waren 1998 mit der Nationalmannschaft Dritter bei der WM. Ein wenig also kannten mich die Leute. Zudem war ich Trainer von Hajduk Split. Das ist in Kroatien ein großer Verein und ich war schließlich Trainer der U-21-Nationalmannschaft. Auch damals gab es Interviews und das Fernsehen. Jetzt, das stimmt allerdings, ist es ein bisschen mehr. Es ist eine riesige Euphorie in Kroatien wegen der Qualifikation und noch mehr, wegen der Qualität des Fußballs, den wir spielen.

Am Anfang hatten einige ihre Zweifel, dass der junge Trainer Bilic die Nationalmannschaft führen kann? Wie gesagt, ich war Trainer der U-21, ich hatte Erfolg, aber es war eben 'nur' die U-21. Dann haben sich manche den Spielplan der Qualifikation angeschaut und bekamen schon beim Blick auf die ersten drei Spiele einen Schreck. In Moskau, zuhause Andorra, dann daheim gegen England. Nach dem Englandspiel wird Bilic schon weg sein, haben viele gedacht. Aber ich habe einen Plan. Unserem Trainerteam, zu dem Aljosa Asanovic, Nikola Jurcevic und Robert Prosinecki gehören, war klar, dass wir auch auf neues Blut im Team setzen und, dass wir so eine gute Mannschaft bekommen können. Wir haben das Team mit jungen Spielern wie Luka Modric, Niko Kranjcar und Mladen Petric verstärkt.

Modric wechselte jetzt für über 20 Millionen Euro zu Tottenham Hotspurs?

Man wird erkennen, dass er ein unglaubliches Talent hat und bald zu den ganz Großen des Fußballs gehören kann. Ich freue mich für ihn.

Gibt es für Sie den Traum vom perfekten Fußball?

Wer kann sich als Nationaltrainer schon Träume leisten. Du hast die Mannschaft nur ein paar Tage zusammen und kannst, anders als ein Klubtrainer, nur wenig umsetzen, was Taktik und Spielsystem angeht. Manchmal muss man da pragmatisch denken und versuchen, die wenige Zeit so zu nutzen, dass am Ende ein akzeptables Ergebnis steht. Deshalb ist es wichtig, vorbereitet zu sein. Es muss Plan A und Plan B geben, aber keinen C, D, E oder F. Dafür bleibt keine Zeit.

So groß die Euphorie nun ist, bei vielen großen Turnieren war für Kroatien schon in der Vorrunde Schluss?

Auch damals in Japan, Portugal und Deutschland waren die Erwartungen hoch, aber wir haben immer das letzte entscheidende Spiel nicht gut gespielt. Vielleicht war das eine Kopfsache und wir konnten mit dem Druck nicht umgehen. Ich denke, die kroatische Mannschaft 2007/2008 ist ein Stück weiter. Wir hatten die schwerste Qualifikationsgruppe und konnten da lernen, mit dem Druck umgehen. Ich versuche der Mannschaft zu vermitteln, dass Druck positiv sein kann. Ich denke, eine unsere größten Qualitäten ist nun der Kopf.

Kroatien ist ein kleines Land und hat nur rund vier Millionen Einwohner. Wie schafft man es, immer wieder solche Talente hervorzubringen? Wir haben eine besondere Leidenschaft für unser Nationalmannschaft und für den Fußball, man kann sagen, für Sport im Allgemeinen. Es ist etwas besonderes in unserer Mannschaft.

Sind die Deutschen der große Favorit?

Seit der WM gibt es in Deutschland eine Euphorie, wenn es um die Nationalmannschaft geht. Joachim Löw hat es geschafft, trotz vieler verletzter Spieler, eine Atmosphäre zu schaffen, die Erfolg bringt. Es gibt ein System, das Grundgerüst stimmt und die Mannschaft hat in verschiedenen Aufstellungen ein Gleichgewicht. Deutschland ist bei solchen Turnieren immer eine Macht.

Ihr Ziel bei der EM?

Jede Mannschaft, die dort spielt, will das Turnier gewinnen. Auch wir. Ich kann das nicht versprechen, aber ich kann sagen, wir werden es mit aller Macht probieren. Ich erinnere da an Griechenland. Für alle kleinen Nationen ist das der Beweis, dass man das schaffen kann.

Gibt es den Bilic-Stil?

Wir spielen offensiv, aber die Grundlage für Offensivfußball ist eine gute Verteidigung. Haben wir nicht den Ball, sind alle an der Abwehrarbeit beteiligt, haben wir den Ball sind es mindestens fünf oder sechs, die sich mit viel Tempo am Angriff beteiligen. Das ist für mich moderner Fußball.

Sie sprechen sehr gut Deutsch?

Das habe ich alles in Karlsruhe gelernt. Ich bin aber gar nicht zufrieden damit. Ich vergesse alles und bräuchte drei, vier Wochen, um es aufzufrischen. Mit Englisch kommt man jeden Tag in Kontakt. Im Fernsehen zum Beispiel.

Das heißt, Spielfilme werden in Kroatien in Englisch mit kroatischen Untertiteln gezeigt?

Das finde ich auch besser. Bei euch klingt Al Pacino wie ein Mann aus Dortmund. Oder Robert de Niro ist kein de Niro, sondern Herr Schmitz aus Berlin. Ich finde Sofia Loren kann nicht Deutsch sprechen, es muss wenigstens ihre Stimme sein.

Interview: Oliver Trust


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