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Schweiz - Tschechien: Doppelter Schock für die Schweiz

Sie waren das bessere Team, zeigten nach dem Ausfall von Kapitän Alexander Frei große Moral - doch am Ende jubelte der Gegner. Mehr als unglücklich verlor EM-Gastgeber Schweiz die Eröffnungspartie gegen Tschechien mit 0:1. Das entscheidende Tor schoss der eingewechselte Vaclav Sverkos.

Von Mathias Schneider, Basel

Die Tränen rannen ihm bereits über die Wangen, da hatte er noch gar nicht den satten Rasen des Basler St. Jakob-Park verlassen. Alexander Frei hielt sich den Ellbogen vor die Augen, um den Schmerz zu verbergen. Ein Schmerz, der wohl weniger im malträtierten Knie seinen Ursprung fand, sondern eher in der Gewissheit, dass diese Europameisterschaft für den Kapitän der Gastgeber beendet sein könnte, bevor sie recht begann. Der böse Verdacht: Innenbandabriss.

Ein einfacher Zweikampf in der 40. Minute war ihm zum Verhängnis geworden. Das Knie hielt der Belastung nicht stand. Frei humpelte vom Feld. Kurz darauf gab er das Signal zum Wechsel. Auf dem Weg in die Kabine wurde er von Weinkrämpfen geschüttelt.

Sturm und Drang nach dem Seitenwechsel

Die Schweiz war zur Ouvertüre dieser EM gegen Tschechien vor 45.000 Zuschauern ihres Kapitäns beraubt. Nichts konnte sie härter treffen als der Verlust ihres einzigen Stürmers von Format. Dass sie beim 0:1 dennoch in der zweiten Hälfte Sturm und Drang verströmte, spricht für die Moral der Elf. Und doch braucht es eine Menge Phantasie, um sich beide Parteien später im Turnier vorzustellen, zu wenig Finesse und individuelle Klasse verströmen sie in ihren Offensivaktionen. Freis Ausfall wird den Optimismus nicht eben nähren.

Dabei hatte die Schweiz sich doch bereits vor der Partie trotz ihres Heimvorteils nicht eben mit breiter Brust des Großereignisses genähert, und es drängte sich der Eindruck auf, dass sie es dem großen Nachbarn Deutschland in der Vorbereitung gleichtun wollte, auf dass sie einen ähnlich euphorischen Sommer verleben möge wie die Deutschen vor zwei Jahren bei ihrer WM. 0:4 gerieten Köbi Kuhns Männer gegen die Deutschen im März unter die Räder. Die erlebten vor dem Heimturnier in Italien beim 1:4 ein ähnliches Waterloo.

Schweiz weiter ohne Sieg bei einer EM-Endrunde

Damals sank das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Klinsmann-Elf in den tiefroten Bereich. Der Zweifel wurde auch zum einzigen steten Begleiter der Schweiz in den letzten Wochen. Die Parallelen sollten sich nach dem Anpfiff erschöpfen. Deutschland bleib wie so oft Deutschland und gewann, wenn auch nicht eben überzeugend. Die Schweiz wartet dagegen weiter auf einen Sieg bei einer EM-Endrunde. Dabei hätte der Kontrahent zum Auftakt nicht dankbarer sein können. Längst ist die große Klasse aus dieser mit mittelprächtigen Bundesligalegionären mühsam aufgepäppelten tschechischen Auswahl gewichen.

Routine als einziger Trumpf

Koller (35), Polak und Galasek (35) plumpsten vor vier Wochen mit dem 1. FC Nürnberg in die zweite Liga. Jarolim vom Hamburger SV sorgte nur seiner Schwalben wegen für Aufregung. Der Siegtorschütze Sverkos (70.) war einst von Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach gewogen und für zu leicht befunden worden. Der Halbfinalist vor vier Jahren hatte eine Elf im Spätherbst der eigenen Schaffenskraft aufgeboten. Routine als einzigen echten Trumpf.

So war es nicht verwunderlich, dass die ganz in Rot gewandeten Eidgenossen sich ihrer Jugend als größtes Kapital besannen und vom Anpfiff weg aufs Tempo drücken. Allein die Angriffsbemühungen sollten nicht lange anhalten. Immer seltener Drang der Ball durch die beiden vier Mann starken Abwehrriegel der Tschechen. Zu langsam zirkulierte das Leder durchs Schweizer Mittelfeld, der neben Frei im Sturm aufgebotene Streller, ob seiner fehlenden Durchschlagskraft vor einem Jahr beim VfB Stuttgart aussortiert, demonstrierte einmal mehr eindrucksvoll, warum er selbst bei Länderspielen im eigenen Land vor Pfiffen aus dem Fanblock nicht gewappnet ist.

Lattentreffer von Vonlanthen

Es sprach für die Gastgeber, dass sie bis zum Schluss nicht verzagten, noch einmal das Leder durch Vonlanthen an die Latte donnerten und auch noch Pech hatte, dass ihnen ein Elfmeter verwehrt wurde. Der für Frei eingewechselte Yakin belebte die Offensive mit seiner geschmeidigen Technik erheblich. So hätten Kuhns Männer mindestens einen Punkt, wenn nicht den Sieg verdient gehabt. Stattdessen steht sie bereits nach einer Partie mit einem Bein im Aus. Die Routine hatte gesiegt. Zumindest noch dieses eine Mal.

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