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Türkei: Die Unberechenbaren

Die türkische Nationalmannschaft ist die größte Wundertüte des Turniers. Unberechenbar, überraschend ihr Auftreten und ihr Erscheinen. Fatih Terim ist ein Trainer mit wechselnden Gesichtern, seine Mannschaft wird notgedrungen auch für das Halbfinale gegen Deutschland nicht kräftig umgebaut.

Von Frank Hellmann, Wien

Der Imperator, das weiß der gemeine Betrachter dieser Europameisterschaft, mag es gerne lässig. Wird gespielt, dann knöpft Fatih Terim sein blütenweißes Hemd so weit auf, wie es mancher Macho vor Betreten eines Nachtclubs nicht wagen würde. Wird trainiert, dann trägt der türkische Nationaltrainer auch gerne einen Schlabberlook zur Show. Etwa jenen, mit dem der 54-Jährige in den Tagen vor dem historischen Halbfinale im Franz-Horr-Stadion von Wien zu besichtigen war: viel zu weite Trainingshose, rotes Poloshirt über die Hose.

Terim, keine Frage, hätte an diesen Tagen auch als Zeugwart durchgehen können. Beim Abschlusstraining in Basel hat der Mann mit dem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung dann noch ein drittes Gesicht offenbart: sportlich leger, weiße Turnschuhe, blaue Hose, weißes Poloshirt, am Kragen blau abgesetzt, rechts das geschwungene Ausrüsterlogo, links der türkische Halbmond. Die Knöpfe? Natürlich aufgerissen.

Termin - der Mann mit dem Charisma

Terim, 54 Jahre, 1,75 Meter klein, ist die Symbolfigur einer Nationalelf mit wechselnden Erscheinungsbildern. Lachfalten zieren das Gesicht des einst sehr umstrittenen Unikums: Und dieser Tage lacht Terim eine ganze Menge. Beim lockeren Training am Sonntag und Montag machte der Sohn eines Pistazienverkäufers unentwegt Scherze mit seinem Trainerstab, er kniff Kollegen gerne in den Bauch, verpasste kleine Fußtritte, rannte davon wie ein kleiner Junge. Man glaubte diesen Mann, der an der Seitenlinie den verbissenen Springinsfeld gibt, gar nicht wiederzuerkennen. Doch der öffentliche Eindruck täuscht: "Außerhalb des Platzes ist er ganz anders. Er imitiert mich immer und kann sehr komisch sein", verriet Colin Kazim-Richards, der 21-jährige Flügelflitzer, der in der Türkei nur Kazim-Kazim heißt.

Und Semih Sentürk, der 25-jährige Joker mit Torgarantie, pries seinen Trainer überschwänglich als "Vater, der uns allen Spielern ein gutes Gefühl gibt." Der Umgang zwischen Terim und seinen Vertrauten scheint in der Tat ein Erfolgsgeheimnis dieser türkischen Truppe zu sein, die der Fachwelt inklusive allen Spielanalytikern große Rätsel aufgeben. Ihre Spielweise ist ebenso schwierig zu ergründen wie ihr Erfolg, der auf jeden Fall seit jeher auf späten Toren beruht: Seit der EM 1996 hat die Türkei überhaupt in Endrunden nur ein Tor vor der Pause erzielt.

Die Reservisten in der Pflicht

"Wir glauben bis zuletzt an uns. Wir dürfen nie aufgeben", verrät Terim bei seinen raren Auftritten auf Pressekonferenzen. Aufs Podium setzt sich der Fußballlehrer im Gegensatz zu manchen Kollegen nur, wenn die Uefa es vorschreibt: am Abend vor einem Match, im Anschluss nach einem Spiel. Ansonsten überrascht der Imperator lieber mit stiller Zurückhaltung und wechselnden Trainingszeiten und -orten. Es wird geheim gehalten, was geheim zu halten ist. Und auch vor den vielen türkischstämmigen Landsleuten, die beim Training im Wiener Stadtteil Favoriten einen Blick auf ihre neuen Helden erhaschen wollten oder am Hotel im Wiener Stadtpark warteten, gab es kein Pardon: Die türkischen Tore und Türen blieben zu.

Und vermutlich ist auch das noch ein Teil der Masche: Der Türkiye Futbol Federasyonu (TFF) überraschte seine Begleiter, vor allem die aufgeregten Medienschaffenden, mit ständig wechselnden Aufenthaltsorten: erst das feudale La Reserve Hotel in Genf, dann das abgelegene Steigenberger Avance in Krems in der Wachau, anschließend das Hilton in Wien, nun wieder Basel. Improvisation wird in jeder Hinsicht groß geschrieben. Überraschungen müssen sein. Lässt sich davon auch ein weiterer Favorit dieses Turniers überrumpeln?

Kein Torwart als Stürmer

"Wir wollen Deutschland jetzt zeigen, wie erfolgreich der türkische Fußball mit seinen Mitteln sein kann", sagte Verbandspräsident Hasan Dogan dieser Tage und grinste sich einen. Auch von ihm kam kein Wort des Wehklagens, obgleich es dafür ja so viele Gründe gäbe. Denn in Wahrheit ist die türkische Mannschaft von einer Ausfallliste getroffen, die größer kaum sein könnte: Stammtorwart Volkan Demirel rot-gesperrt, Emre Asik, Arda Turan, Tuncay Sanli sind gelb-gesperrt. Emre Güngör (Muselfaserriss) und Torjäger Nihat Kahveci (Leistenverletzung) fallen ebenso aus wie Abwehrchef Servet Cetin. Und am Dienstagabend erläuterte Terim auch, dass sich alle Hoffnungen auf das Comeback von Spielmacher und Filigrantechniker Emre Belözoglu zerschlagen hätten, Antreiber Tümer Metin allenfalls Kraft für "30, 40 Minuten" habe.

Von der einstigen Wunschelf, die bunte Magazine vor diesem Championat auf Doppelseiten druckten, sind nur noch Fragmente übrigens. Hat die Türkei mit solch einer Rumpfelf überhaupt eine Chance? Nein, sagt Türkei-Experte Karl-Heinz Feldkamp. Ja, entgegnet der Deutsch-Türke Hamit Altintop. Unentwegt redeten sich die Protagonisten dieser Tage selbst Mut zu. Man werde die Deutschen überraschen, glaubt Torwart Rüstü Recber. Und Altintop schöpft die Zuversicht aus der einfachen Erkenntnis: "Wir werden mit elf fitten Spielern beginnen." Das ist garantiert. Nicht sicher ist, was bei Formschwächen, Verletzungen oder Verlängerung passiert. Die Alternativen auf der Ersatzbank, vor der Terim herumzurennen pflegt, sind rar. Eines wird aber nicht geschehen: Tolga Zengin, der dritte Torwart, wird nicht eingewechselt.

Zwar ließ sich Terim einige Tage so unwidersprochen zitieren, nach der Ankunft in Basel stellte der Trainer, der einst beim AC Mailand den heutigen deutschen Teammanager Oliver Bierhoff auf die Tribüne setzte, immerhin klar: "Das war ein Witz." Nur im Falle des Finaleinzugs könnte daraus noch bitterer Ernst werden, wie Verteidiger Gökhan Zan glaubt: "Natürlich wollen wir gegen Deutschland gewinnen. Es wird ein kämpferisches Spiel, so dass wir im Endspiel keine elf Mann mehr aufstellen können. Das ist bitter." Die Nummer vier der Türken blickte dabei betreten zu Boden. Er fand diese Vorstellung gar nicht lustig.

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