EM-Tagebuch, Tag 16 Schluss mit der Frauen-Diskriminierung!


Das weibliche Geschlecht interessiert sich für Fußball. Nichts Neues! Frauen unterhalten sich längst nicht mehr nur über die Frisur von Schweini oder Ronaldo. Thematisch geht vor allem die Generation 60 plus in die Tiefe. Das "Kicker-Sportmagazin" will von all dem nichts bemerkt haben. Unser EM-Reporter empfiehlt einen Anruf bei seiner Mutter.
Von Klaus Bellstedt

Am Wochenende im Café: Vier ältere Damen im Alter zwischen 60 und 65 unterhalten sich bei Apfelkuchen mit Sahne und einer gepflegten Tasse Filterkaffee über was? Über Fußball! "Wunderbar, wie der Schweinsteiger das 1:0 gegen die Portugiesen reingemacht hat", sagt die eine. Darauf die andere mit dem Haarnetz: "Aber ohne die Flanke von Poldi wäre es doch nie dazu gekommen." Eine Dritte, ebenfalls sehr gepflegt mit Hut: "Der Löw ist ja auch so ein schlimmer Finger, hat er da oben auf der Tribüne einfach geraucht." Die Haarnetz-Lady wieder: "Nun lass ihn mal. Zum Stressabbau darf der das. Ist schließlich unser Bundestrainer." Über Schuhe, Diäten oder Frisuren wird hier kein Wort verloren.

Apropos Bundes-Jogi: Meine Telefonate in die Heimat - vor allem die mit meiner Mutter - verlaufen thematisch zunehmend einseitiger. Während ich endlich mal nicht über Fußball sprechen möchte, löchert mich meine Mutter noch Tage danach mit Fragen über Joachim Löws Verbannung auf die Tribüne im Spiele gegen Portugal. "Sag mal, das war doch von der Uefa eine schreiende Ungerechtigkeit, den armen Mann in diese Glasbox zu setzen, oder nicht? Und noch was, der Backup von Frings hat ja seine Sache exzellent gemacht, findest du nicht, Junge?" "Ja Mami, der Ersatz von Frings war echt super. Und vergiss nicht, dass Löw sicher kein Unschuldsengel ist. Wie ist denn das Wetter so zu Hause?"

Gegenfragen werden dieser Tage von meiner Mutter nicht akzeptiert, was eindeutig beweist: Die weibliche Generation 60 plus hat das Fußball-Fieber gepackt. Das Bemerkenswerte daran: Die Damen im hoch-herrschaftlichen Alter wissen genau, worüber sie sprechen. Man bleibt nicht mehr nur an der Oberfläche. Wohl gemerkt: Wir sprechen hier (noch) nicht über die kreischende weibliche Schweini-Geili-Poldi-Generation!

Dem "Kicker-Sportmagazin", dem leicht angestaubten Pflichtblatt eines jeden deutschen Fußballfans, ist das natürlich mal wieder verborgen geblieben. Da erdreistet sich doch Klaus Smentek, ein kahlköpfiger Mann etwa Ende 40 und immerhin Mitglied der Chefredaktion, in der aktuellen Ausgabe unter der Überschrift "Respekt! Die weiblichen Fans sind auf der Überholspur", in seinem Vorwort folgendes, völlig Antiquiertes, von sich zu geben: "Spätestens seit dem Sommermärchen 2006 ist die Beziehung zwischen Frau und Fußball eine andere. Natürlich diskutieren sie über die Frisur von Cristiano Ronaldo und über den Body von Fredy Ljungberg. Aber nein, allein in diese Schublade passen Fußball-Frauen 2008 nicht: Vielen wissen auch, was eine Viererkette ist."

Uijuijui! Ach wirklich? Laaaaaaanngweilig Herr "Kicker"-Schreiber! Über das, was sich fußballbegeisterten Damen dieser Tage unterhalten, wissen sie gar nichts.

Und fast noch schlimmer: Sie halten nicht nur die Generation zwischen 20 und 30 für oberflächlich, sie lassen die betuchten, lebenserfahrenen Damen bei ihrer Betrachtung von vorgestern völlig außen vor.

Lieber Herr Smentek, ich empfehle ihnen mal einen Anruf bei meiner Freundin, 26. Die weiß nicht nur, was Abseits ist, die weiß auch wann aus passivem aktives Abseits wird. Noch mehr empfehle ich ihnen allerdings einen Anruf bei meiner Mama. Obwohl, besser nicht. Die würde sie aber mal so richtig alt aussehen lassen!


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker