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EM-Gastgeber Ukraine Ein Fan sagt: Danke, liebe Ukrainer!


Die Ukrainer haben trotz des Ausscheidens ihrer Nationalmannschaft jeden Grund stolz zu sein. Anders als es die hysterischen Medien erwarten ließen, hat sich das Land als ein großartiger Gastgeber erwiesen.
Von Sebastian Huld

Es war am Sonntagnachmittag, wir waren seit einem Tag in Lwiw, als ich einen kurzen Moment zum Durchatmen hatte. Während meine Begleiter damit befasst waren, lachenden Ukrainern die deutschen Farben auf die Wange zu malen oder mit dänischen und holländischen Fans zu tanzen, erwischte mich plötzlich dieses unangenehme Gefühl: Ich war peinlich berührt. Ich schämte mich für die deutschen Medien und meine Mitbürger, die monatelang hysterisch davor gewarnt hatten, dieses wunderbare Land zu besuchen. Ein ganzes Volk wurde da mal eben für seine kriminellen Politiker und Wirtschaftsbosse in Geiselhaft genommen. Ausgeglichene Berichterstattung? Fehlanzeige!

Vor der höchsten Aids-Rate Europas wurde da gewarnt, vor Kleinkriminellen und korrupten Sicherheitskräften. Die Infrastruktur sei unmöglich, die Abfertigung an den Grenzen dauere zu lang. Hotels: überteuert, ausgebucht und zudem in den Händen der Mafia. Ukrainische Fussballfans? Alles Rassisten! Ach ja, und dann fiel Deutschen und anderen Europäern urplötzlich auf, dass es in der Ukraine wenig rechtsstaatlich zugeht. Ach, was! Alles berechtigt und einen Bericht wert, doch in dieser einseitigen Form grundfalsch.

Die Ukrainer gaben sich alle erdenkliche Mühe

Wir haben an diesem wunderbaren EM-Wochenende mit Schlachtenbummlern aus diversen Ländern gesprochen, mit Ukrainern und besonders mit vielen deutschen Fans. Alle bestätigten unseren Eindruck, der sich uns in Lwiw aufdrängte. Das Turnier war gut organisiert, die Ukrainer gaben sich alle erdenkliche Mühe, damit sich ihre Gäste trotz mancher Einschränkungen wohl fühlten. Die Anekdoten über die spannenden Begegnungen der Fans mit den Einheimischen waren teilweise herzergreifend. Niemand fühlte sich unsicher oder von der Polizei drangsaliert - im Gegenteil. Natürlich gab es Widrigkeiten. Fans, die nach Charkiw reisten, mussten sich mangels bezahlbarer Hotels im Internet umschauen und stießen auf zahlreiche Angebote von Ukrainern, die ihre Privatwohnungen für kleines Geld zur Verfügung stellten. Die Gastfreundschaft gab es gratis dazu.

Die Reise zu den Spielorten war teilweise teuer, doch dafür war es schwer, in einer durchzechten Nacht samt Restaurantbesuch mehr als 20 Euro auszugeben. An der polnisch-ukrainischen Grenze warteten wir am Samstag vor dem Spiel gegen Dänemark insgesamt 45 Minuten. Polnische Grenzbeamte fuhren die Warteschlangen ab, um die Autos der Fußballfans erst heraus und dann an den Schlangen vorbeizuwinken. Die Beispiele an positiven Erfahrungen sind zahlreich und sie sind dringend notwendig, um das Bild der Deutschen von der Ukraine komplett zu machen.

Deutsche Fans gefeiert wie Popstars

Die Ukrainer verfolgen glücklicherweise die deutsche Presse nicht. Sie haben sich herzlich darüber gefreut, dass wir da waren. Beim Bummel durch die Lwiwer Innenstadt kamen wir teilweise nicht voran, weil die Menschen Fotos von ihren Kindern und anderen Verwandten zusammen mit uns deutschen Fans machen wollten. Im Stadion - vom Shuttle-Bus bis zum Einlass auch hier alles perfekt organisiert - feuerten Ukrainer in weißen Shirts Deutschland an. Viele hatten erst kurz vor dem Spiel billig Tickets erstanden, da das Stadion auch dank der schlechten Presse über das Gastgeberland eben nicht ausverkauft war. Ach, was war das doch für ein Völkerfest!

Lieber deutscher Michel, merke dir doch bitte, dass ein Land, dessen politische und wirtschaftliche Situation problematisch ist, dennoch eine Reise wert sein kann. Liebe Ukrainer, stellvertretend für zehntausende Fans, die sich von den Medien nicht haben verunsichern lassen: danke für eine wunderbare Zeit bei euch! Wir kommen wieder, ganz bestimmt.


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