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TV-Kritik zum Deutschland-Spiel: Mehmet foult Mario

Hauptsache gewonnen: Dieses Fazit zog sich nach dem mühsamen 1:0-Sieg durch die Kommentare der TV-Experten. Nur einer hielt sich nicht daran und teilte ordentlich gegen den Helden des Abends aus.

Von Mark Stöhr

Nach dem Grottenkick kam das große Grölen. Bei Waldemar Hartmann im Bayerischen Bahnhof in Leipzig ist "Schlaaand!" zuhause, die Proll- und Partyvariante von dem, was früher Fanunterstützung hieß. Wer bei "Waldi" nicht das unterirdischste nationale Ressentiment aus der unterirdischsten nationalistischen Schublade parat hat, kann gleich wieder nach Hause gehen. Oder wird gar nicht erst eingeladen.

Für Hartmann und seine Witzsportgruppe um Comedian Matze Knop war dieser erste Spieltag der Gruppe B natürlich ein Geschenk: Deutschland gewonnen, Holland verloren. Dass der Sieg der Löw-Elf furchtbar zusammengestolpert war und die Elftal eine Menge Pech hatte, interessierte niemanden. Es zählte nur der Hohn. Und so peitschte "Waldi" gekonnt die Bierseligkeit Richtung Siedepunkt, als er ausrief: "Jetzt schau'n wir uns mal das dänische Tor an!" Im Anschluss daran folgte ein Zusammenschnitt der enttäuschten niederländischen Spielergesichter. Zwischen Stil und Spaß liegen bei Hartmann bekanntlich Lichtjahre.

Kommentator Gottlob verschlug es die Sprache

Bei der Übertragung des Deutschland-Spiels ging es da bis zum Gomez-Tor deutlich gepflegter und vor allem ruhiger zu. 22,33 Millionen Menschen an den TV-Geräten (Marktanteil: 69,6 Prozent) sahen, wie es Kommentator Gerd Gottlob zwischenzeitlich richtiggehend die Sprache verschlug angesichts des Gewürges auf dem Rasen. Wo sein Kollege Tom Bartels spielerische Durstrecken gerne mit Anekdoten aller Art füllt ("Mit 17 musste sich Holebas als Lagerarbeiter durchschlagen, weil seine Freundin schwanger war."), sagte Gottlob über Minuten einfach: nichts. Danach presste er sich einen Satz heraus wie "Weit und breit ist kein deutsches Jersey zu sehen" oder – kurz vor der Fahnenflucht – "Die Portugiesen wollen es einfach mehr".

Betretenes Schweigen kommt für Reinhold Beckmann selbstverständlich nicht in Frage. Das kann man bedauern. Beckmann versteht sich als eine Art Sommelier der Sportberichterstattung, immer auf der Suche nach dem Bonmot, das im Abgang wie Seifenwasser schmiert. Zur Darbietung der Deutschen hatte er sich für die Halbzeitpause eine kulinarische Metapher zurecht gelegt ("Das war kalorienarm, davon kann man nicht satt werden") und schraubte sich dann zu der pathetischen Klage hoch: "Die Leinen sind noch nicht los! Die Gedanken noch nicht frei!" Doch, wer war damit gemeint? Der Bundestrainer? Ukraine-Präsident Janukowitsch? Oder Beckmanns Sidekick Mehmet Scholl?

Scholl tat Beckmann den Gefallen

Mit dem 1:0 waren dann die Leinen tatsächlich los. Gerd Gottlob brach endgültig sein Schweigen und brüllte – über Minuten – so frenetisch "Tooor!", dass man Sorge hatte, man würde ihn gleich als Nacktflitzer durchs Bild rennen sehen. Und Mehmet Scholl ließ in der anschließenden Analyse seinen Gedanken freien Lauf. Diese verbale Grätsche könnte dem Münchener zuhause noch einigen Ärger einbringen.

Die Situation begann ganz normal. Beckmann schwallte ("Es ist interessant, dass Lahm die klimatischen Bedingungen ansprach") und Scholl schlaumeierte ("Bei der WM in Südafrika dauerte es auch bis zum Ghana-Spiel, bis wir im Turnier waren"). Doch irgendwann drehte sich Beckmann seinem Kollegen mit einem maliziösen Grinsen zu. "So, mein lieber Mehmet, sag uns doch mal, wie du Mario Gomez gesehen hast?" Natürlich wusste er genau, wie der "liebe Mehmet" den Nationalstürmer gesehen hatte. Er wollte nur, dass es alle wissen. Und Scholl tat ihm den Gefallen.

Scholl über Gomez: Hatte Angst, dass er sich wundliegt

Gomez habe zwei, drei Aktionen in der Partie gehabt, mehr nicht, sagte er. Die Frage sei, wie lange das eine Mannschaft aushalte. Eigentlich gäbe es das nicht mehr, führte er weiter aus, dass ein Stürmer immer nur vorne zentral stehen bleibe. Wenn er mehr arbeiten würde, würde er auch mehr Chancen kriegen. Dann packte Scholl den Hammer aus: "Ich hatte schon Angst, dass er sich da vorne wundliegt und man ihn wenden muss."

Das war eine formidable Demontage des pomadigen Schönlings, die man im Bayerischen Bahnhof in Leipzig bestimmt nicht so gerne hörte. Denn immerhin brachte Gomez "Schlaaand!" zum Schreien. Und allein darum geht es ja, egal mit welchen Mitteln.

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