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EM-Halbfinale: Die tragische Erfolgsgeschichte von Wales-Trainer Chris Coleman

Es ist der nicht für möglich gehaltene Höhepunkt seiner Amtszeit: Chris Coleman steht heute mit dem walisischen Team im Halbfinale der Fußball-EM. Ein Märchen des modernen Fußballs, das aus einer Tragödie erwachsen ist.

Wales-Trainer Chris Coleman bei einer Pressekonferenz

Für Wales-Trainer Chris Coleman und seine Mannschaft ist die EM in Frankreich schon vor dem Halbfinale ein Riesenerfolg

Natürlich hatte Chris Coleman den Kindern etwas zu sagen. Wenn nicht er, wer dann? Das Interview nach dem sensationellen 3:1-Triumph der walisischen Nationalmannschaft gegen Belgien im Viertelfinale der EM 2016 war fast vorbei, da wurde dem überwältigten Trainer eine schöne Frage gestellt, die vielleicht nur möglich ist in einem Fußballland, das nicht so verwöhnt vom Erfolg ist wie, sagen wir mal: Deutschland.

"Wahrscheinlich ist gerade eine ganze Generation kleiner Jungs und Mädchen viel zu lange aufgeblieben, um zu sehen, wie Wales ins Halbfinale einzieht", sagte der Fieldreporter, "was ist Ihre Message für all jene, die uns zuhause zuschauen?"

"Träumt!", kam Colemans Antwort am Spielfeldrand des Stadions von Lille wie aus der Pistole geschossen. "Habt keine Angst, Träume zu haben! Vor vier Jahren war ich so weit von hier entfernt, wie man es sich nur vorstellen kann. Und jetzt schaut euch an, was passiert, wenn man keine Angst hat zu träumen und wenn man keine Angst hat zu scheitern. Jeder scheitert und ich bin häufiger gescheitert, als dass ich Erfolg hatte. Ich habe keine Angst zu scheitern."

Chris Coleman: Andere wären womöglich verzweifelt

Was klingt wie Durchhalteparolen aus einem mittelmäßigen HipHop-Song, war in Wahrheit einer der magischen Momente dieser zähen Fußball-Europameisterschaft. Weil der Erfolgsgeschichte von Chris Coleman, der wegen seiner Vorliebe für Kekse von allen nur "Cookie" gerufen wird, eine Tragik innewohnt, an der wohl viele andere gescheitert, wenn nicht gar verzweifelt wären. Es ist nicht einfach bloß die sensationelle erste Endrundenteilnahme bei einem großen Turnier seit 1958, die schon mit dem Erreichen des Halbfinales alle Erwartungen übertroffen hat. Es ist für Coleman und zumindest für Teile seiner Mannschaft auch die Verarbeitung eines Traumas.

Im Januar 2012 übernahm Coleman den vakanten Posten des Nationaltrainers in Wales - vakant deshalb, weil Vorgänger Gary Speed sich im November 2011 das Leben genommen hatte. Coleman und Speed waren als Spieler einst die dicksten Fußballkumpel, kannten sich seit dem 10. Lebensjahr und teilten sich bei der Nationalmannschaft ein Hotelzimmer.

Als der walisische Verband sich für Coleman als Nachfolger entschied, hatte der Ex-Profi von Fulham und Blackburn große Zweifel, ob er den Job annehmen sollte. Nicht aus fachlichen Gründen - Coleman kam mit der Empfehlung, beim FC Fulham nach Ende seiner aktiven Laufbahn als Spieler zum jüngsten Trainer der Premier-League-Geschichte befördert worden zu sein -, sondern vielmehr aufgrund massiver Gewissenbisse.

"Ich fühlte mich, als hätte ich ihn hintergangen, denn ich saß auf seinem Platz", sagt Coleman in "Together Stronger", einem Buch über die aktuelle Renaissance des walisischen Fußballs. "Es war der Horror für mich." Den Spielern ging es ganz ähnlich: "Ich wollte Cookie nicht als Trainer", gesteht der frühere Nationalspieler Craig Bellamy in einem Interview mit der "Times". "Das hatte gar nichts mit ihm zu tun, denn er war ein guter Spieler, ein guter Typ. Ich wollte einfach niemanden in dem Amt sehen, das Speed ausgeübt hatte. Es fühlte sich falsch an."

Wales: cool und leidenschaftlich - wie ihr Trainer

So brauchte es Zeit, bis sich Team und Trainer fußballerisch annäherten. Als Schlüsselmoment in der Wende zum Guten steht wohl die entscheidende 1:6-Niederlage gegen Serbien in der Qualifikation zur WM 2014. Schien es bis dahin, als versuche Coleman das Werk seines Vorgängers und dessen Philosophie vor allem fortzuführen, bringt er seitdem seine eigenen Stärken vermehrt ein, was dem Auftreten seiner Truppe um Superstar Gareth Bale schon in der Qualifikation zur EM anzumerken war: Die "Red Dragons" spielen cool und leidenschaftlich zugleich und kommen damit rüber wie ihr Trainer. Kampf, Kontrolle und Cleverness sind die Trümpfe im walisischen Spiel.

Ob es mit diesen Mitteln nach dem Sieg gegen Geheimfavorit Belgien auch gegen Portugal und Superstar Cristiano Ronaldo reicht? Angst macht Coleman der schillernde Gegner erwartungsgemäß nicht: "Man kann sich davon blenden lassen, darin eingehen und wieder zurück in die Ecke kriechen, aus der man gekommen ist oder man kann an sich glauben und sich hinstellen und sagen: Hier bin ich!"

Fest steht: Wales im Finale der Fußball-Europameisterschaft - das wäre die größte Sensation seit Griechenland 2004. Ein Traum, der nur wahr werden kann, wenn man keine Angst hat zu scheitern. Die Jungs und Mädchen in Wales werden heute Abend wieder viel zu lange aufbleiben.

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